„Changement!“ Obama wäre stolz

Da stehen sie also, die Freiwilligen von CARE. Etwa ein Dutzend Männer und Frauen jeden Alters, die uns vor dem Krankenhaus Toussaint Louverture in der Kommune Ennery erwarten. Ich habe ein etwas schlechtes Gewissen, schließlich ist Sonntag und das ist ja eigentlich ein Ruhetag, den man mit der Familie verbringt. Aber die Cholera grassiert hier im Norden Haitis seit mehr als vier Wochen besonders schlimm, da ist an Ruhe nicht zu denken.

Auch am Sonntag ruht die Cholera nicht: CARE-Freiwillige arbeiten unaufhörlich, um den Menschen vor Ort zu helfen. (Foto: CARE/Wilke)

Wir haben das Treffen extra in die Mittagszeit gelegt, sodass alle noch in die Kirche gehen konnten. Momentan gibt es in Haiti ja ausreichend Gründe, den lieben Gott oder eine wie auch immer genannte höhere Macht um Hilfe zu bitten. Regierungszahlen vom 26. November sprechen von 1.603 Toten und über 60.240 Infizierten, aber die Zahlen steigen jeden Tag. 29.871 Menschen werden im Krankenhaus behandelt. Und diese Statistik gibt nicht die vielen Hunderte vielleicht Tausende von Fällen wieder, die nicht gemeldet wurden. Die Cholera verbreitet sich rasant im ganzen Land und die humanitären Hilfsorganisationen kämpfen hart, dass sie mit der tödlichen Geschwindigkeit mithalten können.

Ich erinnere mich noch gut an das Frühjahr 2009. Damals litt Simbabwe unter einer schweren Cholera-Epidemie und wir informierten auf der CARE-Website über das tödliche kleine Bakterium. Nun also Haiti. Und Benin. Und Papua-Neuguinea. Man vergisst bei all der Nachrichtenflut, dass Cholera noch in viel zu vielen armen Ländern dieser Welt tödlicher Alltag ist.

 

Aber zurück nach Haiti: Die Männer und Frauen erzählen von ihrer Arbeit und wie sie durch Dörfer, zu Märkten und in Kirchen gehen, um die Nachricht zu verbreiten. Die Menschen haben viele Fragen, und häufig fehlt es ihnen auch an Geld, um sich etwa Chlor für die Wasserreinigung zu kaufen. Eine der Freiwilligen, Claudine, scheint etwas auf der Zunge zu liegen. Ich frage nach ihren Erwartungen an die neue Regierung, denn am Sonntag wird in Haiti gewählt. „Changement! – Wandel!“ ruft sie ohne Zögern. Mit diesem Wort ist US-Präsident Obama vor zwei Jahren in den Wahlkampf gezogen und als ehemaliger Gemeindearbeiter wäre er sicher stolz auf Claudine. Sie ist 48 Jahre alt und verdient ihr Geld mit dem Verkauf von Gemüse und Obst, mehr schlecht als recht. Trotzdem arbeitet sie seit vier Jahren als Freiwillige bei CARE und klärt in ihrer Gemeinde über AIDS auf. Aber im Moment steht Cholera ganz oben auf der Agenda: „Lasst Eure Verwandten nicht im Stich. Und desinfiziert die Toten, bevor ihr sie begrabt.“ Claudines Worte sind hart, aber wichtig.

Kurz bevor wir wieder ins Auto steigen, kommt ein kleiner Transporter um die Ecke gerast und bleibt vor dem Krankenhaus stehen. „Cholera. Ein weiterer Cholera-Fall“, wispern die CARE-Freiwilligen. Zwei ältere Männer werden von der Ladefläche gehoben, eine Frau mit einer Beule an der Stirn hilft dabei. Bei genauerem Hinsehen bemerke ich, dass eigentlich auch die Helfer selbst nicht gesund aussehen. Man braucht nicht viel Phantasie um sich vorzustellen, wie schnell die Menschen von den Symptomen – Bauchkrämpfe, starker Durchfall, Erbrechen – geschwächt werden können. Denn ihr Immunsystem ist auf so etwas nicht vorbereitet. Ausgewogene Ernährung, ausreichend hygienische Verhältnisse, Medikamente – all das gibt es einfach nicht.

Ihre Bekannten und Verwandten ins Krankenhaus zu bringen, müssen die Angehörigen von Cholera-Kranken selbst erledigen. (Foto: CARE/Wilke)

Ich bin schon mehrmals aus Deutschland gefragt worden, ob ich keine Angst vor Cholera habe. Um ehrlich zu sein: Nein. Denn erstens muss ich kein Trinkwasser aus verseuchten Flüssen schöpfen wie die Menschen in der Region Artibonite. Und ich muss auch nicht neben einer Reihe überlaufender Latrinen leben wie die Familien im Erdbebengebiet rund um Port-au-Prince. Und zweitens habe ich die nötigen Informationen, um mich zu schützen. Und die Möglichkeit, schnell einen Arzt zu konsultieren. Das ist das ungerechte und willkürliche Glück, in einem anderen Teil der Welt geboren zu sein. Deshalb ist es beruhigend zu wissen, dass es Claudine und ihre Kollegen gibt. Sie sorgen dafür, dass ihre Nachbarn und Familien eine Chance in diesem Kampf bekommen.

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