10 Jahre Kosovo: Das Land der Männer

CARE-Helfer Besnik Leka über die Vergangenheit und Zukunft des jüngsten Landes in Europa

Im Februar 2008, zehn Jahre nach dem Krieg, verkündete der Kosovo seine Unabhängigkeit. Jedes Jahr im Frühjahr denke ich daran zurück, wahrscheinlich wegen der außergewöhnlichen Stimmung, die damals herrschte. Mir war nach Feiern zumute. Aber nur nach ein wenig feiern. Denn was für große Veränderungen kann ein einziger Tag schon bringen? Noch heute ist die Unabhängigkeit des Kosovo für viele keine lebensnahe Realität. Viele Menschen hegen Zweifel und warten ab, was als Nächstes kommt. Denn die meisten Probleme von damals bestehen auch noch heute, das verunsichert viele Menschen.

Portrait von Besnik Leka.

Besnik Leka ist der Koordinator von CARE’s „Young Men Initiative“ im Kosovo. (Foto: Claudia Adolphs/CARE)

Ich schreibe diesen Text im Februar 2018. Für mich ist der Kosovo immer noch ein Kind. Ein Kind, das von seinen Freunden nicht richtig akzeptiert wird. Ich sage hier absichtlich von ‚seinen‘ Freunden, denn der Kosovo ist immer noch männlich. Etwas ironisch, wenn ich als Mann das so sage, oder? Ich werde an dieser Stelle nicht die üblichen Debatten aufnehmen. Sie sind überall nachzulesen. Mir geht es darum, warum der Kosovo immer noch als ‚männlich‘ gilt. Nichts ist falsch daran, ein Mann zu sein. Schlimm ist es, ein Patriarch zu sein. Ich kann mich nicht freuen, wenn Betroffene sexualisierter Gewalt weiterhin stigmatisiert werden und keine Hilfe erhalten.

In ihren Reden sprechen Politiker oft über 20.000 Frauen, die vergewaltigt wurden. Sie bezeichnen diese Delikte als unmenschliche Straftaten. Doch bislang konnten nur 1.200 Betroffene identifiziert werden und nur wenige von ihnen trauen sich an die Öffentlichkeit zu gehen. Und der Staat konnte noch nicht einmal diesen 1.200 Frauen helfen. Wie lange wird es unter diesen Umständen dauern, bis sich die restlichen 18.800 trauen, über das Geschehene zu sprechen? Wie lange wird es dauern, bis wir den Frauen die Möglichkeit geben können, frei zu sprechen? Politiker benutzen die Betroffenen, um starke Reden zu halten. Stattdessen sollten sie aber anfangen, sie wirklich wahrzunehmen. Leider kommt hinzu, dass ein Großteil der Verantwortlichen männlich ist.

Besnik Leka redet und gestikuliert bei seiner Arbeit.

Besnik Leka bei einem Workshop für die „Young Men Initiative“ von CARE im Kosovo: „Unser Ziel ist es, eine Heimat zu schaffen, die niemanden ausgrenzt.“ (Foto: Armend Nimani/ CARE)

Die Geschichte unseres Landes scheint den Männern einen Grund dafür zu geben, an traditionellen Rollenbildern festzuhalten. Viele von ihnen denken, sie hätten das Recht Entscheidungen für den Kosovo zu treffen, weil sie im Krieg gekämpft haben. Paradoxerweise geht es soweit, dass Kriegsveteranen und Betroffene sexueller Gewalt miteinander verglichen werden. Während immer mehr Männer von sich behaupten, Veteranen zu sein, befürchten Politiker gleichzeitig, dass die Zahl der Betroffenen von Vergewaltigungen steigen könnte. Manche befürchten, dass Frauen eine Vergewaltigung melden, nur um bestimmte Vorteile in Anspruch nehmen zu können. Dabei gibt es keine Vorteile! Stigmatisiert und verstoßen zu werden sind keine Vorteile.

Der Kosovo ist zu einem Land geworden, das nur Männern eine Heimat bietet. Was zählt sind die Bedürfnisse der Männer und derer, die sich dem patriarchalen System fügen. Auch 20 Jahre nach dem Krieg und 10 Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung stärkt der Kosovo immer noch festgefahrene Rollenbilder, die endlich weichen müssen.

Leider sind diese Rollenbilder nicht nur in den Köpfen der Menschen verankert, sondern auch in den Institutionen. Frauen, die ihr Recht auf Eigentum geltend machen wollen, stoßen an absurde Grenzen. Männer, die ihre Partnerinnen umbringen, erwartet ein viel zu geringes Strafmaß. Männlichkeit ist im Kosovo ein starrer Begriff, seine Interpretation längst festgesetzt. Um weiterhin als stark zu gelten, halten die Männer fest an diesem Rollenbild, das ihnen so viele Privilegien verschafft.

Ich arbeite mit jungen Männern zusammen, die im Rahmen der ‚Young Men Initiative‘ von CARE gegen diesen Zustand ankämpfen wollen. Durch Workshops, verschiedene Kampagnen und öffentliche Aktionen wollen wir auf die von Männern dominierten Strukturen hinweisen. Wir hinterfragen unser Weltbild und lernen, Verantwortung zu übernehmen. Damit hängt auch eng zusammen, dass wir uns darüber Gedanken machen, was Heimat eigentlich ist. Wir unterscheiden uns von den Generationen vor uns, sind jedoch untereinander auch nicht vollkommen gleich. Unser Ziel ist es, eine Heimat zu schaffen, die niemanden ausgrenzt. Eine Heimat, die jeden aufnimmt, nicht nur Männer.

Unterstützen Sie die „Young Men Initiative“ von CARE im Kosovo mit Ihrer Spende!

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