2000 Tage Krieg in Syrien

Seit mehr als 2000 Tagen tobt der Krieg in Syrien: Hunderttausende wurden getötet, Millionen Syrerinnen und Syrer sind auf der Flucht – innerhalb Syriens und außerhalb. Vier von ihnen, denen die Flucht nach Jordanien gelungen ist, lassen wir hier zu Wort kommen.

Hanadi (33) – „Du vergisst niemals deine Kinder.“

Hanadi floh mit ihrer Familie nach Jordanien.

Hanadi und ihre Familie wurden zu Flüchtlingen gemacht. 2000 Tage ist es her, seit sie das letzte Mal zur Arbeit ging oder mit ihrer Familie im Garten ihres Hauses saß. (Foto: Mary Kate MacIsaac/CARE)

„In Syrien habe ich für das Bildungsministerium gearbeitet. Ich war die Beste in meiner Klasse, habe Stipendien bekommen. Ich habe Pädagogik studiert.

Wir wussten, dass wir fliehen müssen, als es keinen Strom, kein Wasser mehr gab. Wir hatten jegliche Nahrungsquelle für unsere Kinder verloren. 40 Tage lang hatten wir nichts, das wir ihnen geben konnten.Jeder hat in Angst gelebt. Wir wussten nicht, was mit uns passieren würde. Eines Nachts erwachte ich schreiend. Ich weiß nicht warum, aber wir rannten alle nach unten, aus dem Haus. In diesem Moment wurde es bombardiert. Es war ein Wunder, dass wir überlebt haben.

Wir machten uns auf den Weg nach Jordanien. Wir haben 38 Tage gebraucht, gingen von Dorf zu Dorf, Haus zu Haus. Manchmal haben wir draußen geschlafen. Hin und wieder fanden wir ein Auto, das uns mitnahm, aber wir gingen hauptsächlich zu Fuß. Das längste, das wir gegangen sind, waren drei Tage, durch die Wüste, wir schliefen unter freiem Himmel.

Wir hatten Wasser, Decken und Essen mitgenommen, aber es war zu viel zum Tragen. Ich hatte je ein Kind links und rechts auf den Hüften, eines drei Jahre, das andere erst sieben Monate alt. Also haben wir vieles zurückgelassen, aber die Decken für die Kinder, die habe ich behalten.

Als Eltern vergisst du die Wüste, du vergisst den Hunger, vergisst, dass du müde bist oder durstig. Aber du vergisst niemals deine Kinder. Du denkst an nichts anderes als an sie. Dass du sie in Sicherheit bringen musst.

Ich habe früher geglaubt, dass ich schwach bin, dass ich nichts Schweres tragen kann. Aber in so einer Situation erkennt man erst, wie stark man ist.

Die Menschen, denen ich am meisten dankbar bin in Jordanien, sind die Soldaten an der Grenze, die uns begrüßt haben. Sie haben sofort gefragt, ob wir Wasser haben. Meine Tochter sah ihre Waffen und sie begann zu weinen. Einer der beiden legte seine Waffe zur Seite, damit sie sich nicht fürchtet. Da habe ich mich wieder wie ein Mensch gefühlt.

 

Mohammed (25) – „Wir dachten, wir würden nur für kurze Zeit fort sein.“

Mohammed aus Damaskus würde gerne sein Studium beenden und seine Freunde wiedersehen(Foto: Mary Kate MacIsaac/CARE)

Mohammed aus Damaskus würde gerne sein Studium beenden und seine Freunde wiedersehen. (Foto: Mary Kate MacIsaac/CARE)

„Ich war Student in meinem letzten Studienjahr in Handel & Finanzen an der Universität von Damaskus, als ich die Stadt im März 2013 verlassen musste. Unser Leben in Damaskus war gut – wir waren Teil der oberen Mittelschicht, könnte man sagen. Mein Vater war selbständig und hatte einen Betrieb. Ich machte mich mit meiner Mutter, meinem Bruder und meinen Schwestern auf den Weg. Mein Vater blieb zurück, da er nicht reisen wollte. Wir dachten zudem, wir würden nur für kurze Zeit fort sein und dann wiederkommen. Unser Vater ist heute immer noch in Damaskus. Für ihn wäre es mittlerweile schwer nachzukommen. Er ist alt, 69 Jahre.

Vor allem aus zwei Gründen gingen wir fort: erstens werden junge Männer gezwungen, zur syrischen Armee zu gehen; zweitens wollte ich meine Hochschulbildung fortsetzen. Leider kann ich hier nicht an der Universität studieren, weil sich meine Hochschulzulassung in der Verwaltung der Universität von Damaskus befindet.

Ich vermisse meine Freunde. Wir hingen viel zusammen rum, vor dem Krieg. Man braucht Freunde. Aber jetzt sind wir alle voneinander getrennt worden. Meine Freunde flohen aus Syrien und sind nun überall auf der Welt verstreut. Ich denke auch daran, weiterzuziehen, aber nur auf legalem Weg.“

 

Amer (12) – „Ich kann nicht draußen spielen.“

Mahmoud Shabeeb/CARE

Amer leidet unter Zerebralparese und würde eigentlich gerne wieder draußen spielen. Doch es ist schwierig, Betreuung für ihn zu finden. (Foto: Mahmoud Shabeeb/CARE)

„Zuhause in Syrien hatte ich einen Computer, auf dem ich tolle Spiele gespielt habe. Das vermisse ich sehr. Hier wird mir schnell langweilig, weil ich nicht draußen spielen kann. Die anderen Kinder sind gemein zu mir; immer wenn ich mit ihnen spielen will lachen sie mich aus und schließen mich aus, also gehe ich zurück nach Hause.“

Amer, 12, aus Damaskus leidet an Zerebralparese (eine Erkrankung des Zentralen Nervensystems), er ist dadurch in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Er leidet außerdem an Epilepsie.

„Ich kann ihn nicht zur Schule schicken, auch nicht in andere Bildungseinrichtungen, wegen seiner Einschränkungen will niemand sich um ihn kümmern“ sagt Nahed, Amers Mutter. „Er will immer mit den anderen Kindern draußen spielen, aber sie schließen ihn wegen seiner Behinderung aus, also kommt er immer weinend nach Hause. Ich habe jetzt von dem Betreuungsangebot von CARE erfahren; dort werde ich ihn anmelden.

Wi’am (13) – „Am liebsten mochte ich Mathe.“

Mahmoud Shabeeb/CARE

Wi’am, aus Homs, vermisst ihre Freunde und die Schule. (Foto: Mahmoud Shabeeb/CARE)

„Ich habe schon vier Schuljahre verpasst. Die ersten drei, als wir innerhalb Syriens vertrieben wurden, und eines hier. Ich habe also erst die dritte Klasse geschafft, dabei sollte es doch schon die siebte sein!

Einige Freunde habe ich hier gefunden, doch in Syrien waren es viel mehr. Wir haben uns gegenseitig besucht und viele tolle Spiele gespielt. Ich war zwar noch klein, als wir unsere Heimat verließen, aber ich erinnere mich noch sehr gut an alles. Und ich vermisse es.

 

Mehr als 4,8 Millionen Menschen sind seit Ausbruch des Krieges aus Syrien geflüchtet, 97 Prozent von ihnen in die Türkei, den Libanon und nach Jordanien. CARE leistet seit Beginn der Krise humanitäre Hilfe – vor allem in den städtischen Gebieten, wo die Mehrzahl der Flüchtlinge lebt, und in Flüchtlingslagern. Mehr als 2,3 Millionen Menschen hat unsere Hilfe bisher erreicht. Mehr über unsere Arbeit in Syrien finden Sie hier.

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