24 Stunden Haiti – Teil 2
Von Sabine Wilke

Das Guesthouse von CARE ist unser Zuhause und Rückzugsort nach einem langen Arbeitstag. (Foto: CARE/Wilke)
Der Alltag der humanitären Hilfe – im ersten Teil letzte Woche habe ich den Vormittag eines durchschnittlichen Tages im CARE-Büro erzählt, nun ist die Mittagspause vorbei und es geht auf zu Runde 2.
14.00h, der Nachmittag beginnt. Bei CARE Haiti treffen buchstäblich Welten aufeinander. Ein Großteil der Kollegen ist haitianisch, aber dazu kommen einige Experten aus aller Welt für die verschiedenen Projekte. Mein Büro liegt direkt neben der Eingangstür und ich höre den ganzen Tag über Begrüßungen und Wortwechsel in den verschiedensten Sprachen. Von Englisch, Französisch und Spanisch über Kreolisch bis zu Swahili ist alles dabei. Wir haben oft Gäste, CARE-Kollegen aus dem Regionalbüro für Lateinamerika oder aus Atlanta, USA, Delegationen von unseren Geldgebern, Experten für Projektevaluation und so weiter. Das ist natürlich immer ein logistischer Aufwand für meine Kollegen, die Hotels buchen, Transport organisieren und sich um die Betreuung kümmern. Andererseits helfen die Besuche auch. Eine Meinung von außen, ein kritischer Blick aus anderer Perspektive oder eben auch ein Lob und ein „Weiter so“ unterstützen uns, in unserer Arbeit immer besser zu werden.
15.00h, Meetings, Meetings, Meetings. Einmal pro Woche treffen sich die Presseleute der verschiedenen UN-Organisationen und NGOs, um sich auszutauschen. Meistens schaffe ich es nicht zu dem Meeting, denn die UN-Basis liegt in der Nähe des Flughafens und die Straßen sind fast immer verstopft um diese Tageszeit. Die meisten von uns kennen sich untereinander und telefonieren öfter, wenn es Journalistenanfragen oder sonstige Neuigkeiten gibt. Natürlich sind wir zuallererst mit unserer eigenen Organisation und Arbeit beschäftigt, aber die Herausforderungen ähneln sich häufig. Und selbst wenn man natürlich im Grunde um Spenden und öffentliche Gelder konkurriert, ist das Gefühl, gemeinsam an etwas zu arbeiten und dieses Land bei den Schritten in die richtige Richtung zu unterstützen, doch sehr groß. Es gibt genug zu tun für uns alle hier.
16.00h. Haitianischer Kaffee. In Haiti wird Kaffee angebaut und der schmeckt richtig gut. Nach mehr als zehn Stunden auf den Beinen brauchen viele von uns hier eine ordentliche Dosis Koffein.
17.30h. Die Emails kommen in Etappen. Morgens warten die ersten Meldungen aus Europa, da die Kollegen wegen des Zeitunterschieds schon länger auf den Beinen sind. Am späten Nachmittag in Haiti wird es dann ruhiger und ich komme dazu, einige Anfragen zu beantworten oder mit Kollegen in den USA zu telefonieren. Amüsant war neulich ein Interviewtermin mit Australien – dorthin sind es nämlich fast 12 Stunden Zeitunterschied und beim Ausrechnen der genauen Uhrzeit kamen beide Seiten ständig durcheinander.
18.00h. Feierabend. Die erste Gruppe fährt Richtung Gästehaus in den Feierabend. Meistens muss der Fahrer noch einmal zurück ins Büro kommen, irgendjemand von uns arbeitet immer mal länger. Für Lebensmittel halten wir an einem der Supermärkte, von denen es in Port-au-Prince einige gibt. Viele Produkte werden aus den USA importiert, das Preisniveau ist generell sehr hoch. Aber das gilt nicht nur für die Ausländer und ihre „Sonderwünsche“. Eine Kollegin erzählt mir, wie schwierig es ist, den Appetit ihrer drei heranwachsenden Söhne zu stillen. 15 Liter Milch pro Woche, Fleisch und Reis schlagen auch auf das Budget von Eltern, die über den Luxus eines monatlichen Gehaltes verfügen. Und die Nahrungsmittelpreise steigen derzeit, weil viel importiert wird und der Transport vom globalen Ölpreis abhängt. Mein größter Luxus sind ab und zu Äpfel. In Haiti gibt es Papaya, Mango und andere tolle Tropenfrüchte, aber es ist nun mal wie immer: das Seltene hat einen besonderen Reiz. Und den kaufe ich mir ab und zu in Form von acht sauber abgepackten Äpfeln aus den USA zum stolzen Preis von 10 Dollar. In Deutschland sehne ich mich mit Sicherheit schnell zurück zu den Mangos.
20.00h. Im Gästehaus. Manchmal packt es noch den einen oder anderen und man trifft sich nach der Arbeit zum Essen oder Trinken mit Bekannten. In Port-au-Prince gibt es einige Restaurants, auch Bars und Diskotheken. Diejenigen Bewohner der Hauptstadt, die es sich leisten können, gehen auch gerne ins Casino, habe ich mir erklären lassen. All diese Etablissements gab es schon vor dem Erdbeben, aber natürlich wirkt es heute teilweise bizarr, wenn neben einem Restaurant ein Camp mit Obdachlosen liegt. Aber genauso, wie die Märkte und kleinen Verkaufsstände kurz nach dem Erdbeben wiederbelebt wurden, so müssen natürlich auch die Restaurantbesitzer und andere Unternehmer nach vorne schauen.
Meistens fahren wir aber vom Büro direkt ins Gästehaus. Die Gespräche beim Abendessen drehen sich oft um die Arbeit, gerade wenn es ein schwieriger Tag war. Aber jeder bemüht sich so gut es geht, auch mal abzuschalten. Dann entstehen Diskussionen über kongolesische Politik, die Fütterung unserer Hauskaninchen oder indische Kochgewürze. Danach trottet dann jeder auf sein Zimmer, telefoniert mit der Familie zu Hause, schreibt Emails oder arbeitet noch ein wenig. Und schließlich legt sich Stille über das Haus, die Abendluft kühlt die karibische Hitze ab und wir alle sammeln zum guten Schluss eine Mütze Schlaf und Energie für den kommenden Tag.


