6 Jahre Syrienkrieg – meine persönliche Chronologie des Horrors

Von Anica Heinlein, Advocacy-Referentin bei CARE Deutschland.

Der Konflikt in Syrien beschäftigt mich seit vielen Jahren – beruflich, aber auch persönlich. In meinem ersten Job nach der Uni war ich Wirtschaftsreferentin für Syrien. 2008 hatte sich das Land gerade für ausländische Investoren geöffnet. Wer hätte damals geahnt, welches Leid die nächsten Jahre für Syrien bringen würden.

2010, ein Jahr vor Ausbruch des Krieges, zog ich als Entwicklungshelferin nach Palästina und war damit sehr viel näher am Geschehen, als es mir im Alltag oft bewusst war: doch 2012 erstellten wir Pläne für unsere Evakuierung – für den Fall eines Angriffs Syriens durch die USA und einer Ausbreitung des Syrien-Konflikts auf die Region.

2013 sang ich mit meinem lokalen Chor ein Konzert im Golan – in den Generalpausen hörten wir die Schüsse von der anderen Seite der Grenze, wir waren nur wenige Meter von Syrien entfernt. Auf der Party nach dem Konzert war niemandem wirklich nach Feiern zumute.

2015 strahlte jede Radiostation in Palästina die Hilferufe der Menschen in Yarmouk aus. Yarmouk wurde seit Monaten ausgehungert. Mein Arabisch reichte nicht, die flehenden Apelle der Frauen Wort vor Wort zu verstehen. Das war allerdings auch nicht notwendig.

Christian Herrmanny steht mit Megafon vor den versammelten Helfern und liest die vergangenen Pressemitteilungen vor.

Christian Herrmanny las die Pressemitteilungen der vergangenen Jahre vor – eine Chronologie des Horrors (Foto: CARE/Mike Auerbach)

Seit ich seit Mitte 2015 bei CARE arbeite, ist es meine Aufgabe, den Menschen in Syrien eine Stimme zu geben. 13,5 Millionen Menschen in Not und bis zu 470.000 Tote: das ist die traurige Bilanz von bald sechs Jahren Bürgerkrieg. CARE ist seit 2013 in Syrien aktiv und leistet über lokale Partner humanitäre Hilfe. Um auf das Leid von etwa fünf Millionen Menschen in belagerten Gebieten in Syrien aufmerksam zu machen, haben letzte Woche über 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von mehr als 20 deutschen Hilfsorganisationen unter dem Motto „Uns sind die Hände gebunden“ vor dem deutschen Bundestag protestiert. Auch ich stand am Donnerstag mit verbundenen Händen vor dem Bundestag, während für eine halbe Stunde die Titel von mehr als 250 Pressemeldungen und Statements vorgelesen wurden, die wir Hilfsorganisationen in den letzten sechs Jahren Krieg verschickt haben – eine Chronologie des Horrors.

Ähnlich wie in Aleppo sind 4,9 Millionen Syrerinnen und Syrer sowohl für internationale als auch lokale humanitäre Helfer aufgrund von Kampfhandlungen, der schwierigen Sicherheitslage und Blockaden nur extrem schwer zu erreichen. Ungefähr 650.000 davon leben in belagerten Gebieten, darunter schätzungsweise 300.000 Kinder. Nur 10 Prozent der Hilfskonvois schaffen es durch die Blockaden in die schwer zugänglichen und belagerten Gebieten.

Meine Gefühle zu beschreiben, während ich dort stand, ist schwierig. Hatten wir am Anfang noch gescherzt, über das Verbinden der Hände, die Kälte, die Anweisungen des Fotografens, senkte sich mit dem offiziellen Beginn der Aktion ernste Stille über uns. Den Pressemeldungen zuzuhören, die mit ihrem Erscheinungsdatum verlesen wurden, löste Beklemmung in mir aus: sechs Jahre und kein Ende in Sicht. Irgendwann der Gedanke: „Wie, wir sind erst in 2013? Wir haben uns seitdem keinen Schritt in Richtung einer Lösung bewegt.“

Im Foto sind viele verbundene Hände zu sehen.

Die verbundenen Hände sind ein Symbol: Fast fünf Millionen Menschen in Syrien sind nicht oder nur unter schwersten Bedingungen zu erreichen. (Foto: CARE/Mike Auerbach)

Dann wurden Hände und Füße schwer. Aber niemand von uns wagte, sich zu bewegen. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal für so lange Zeit so still gestanden habe. Und wann ich das letzte Mal so schutzlos und ohne Ablenkung dem wahren Inhalt von Meldungen aus Syrien ausgeliefert war. Vor dem Bundestag stellte ich mich der Realität: Der Konflikt in Syrien geht in sein siebtes Jahr. Er dauert nun länger als der zweite Weltkrieg. Jeden Tag leiden Frauen, Männer und Kinder unter den Folgen des Krieges. Und uns als Hilfsorganisationen sind oft die Hände gebunden. Im Jahr 2017 sind wir nicht in der Lage, 4,9 Millionen Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen. Das sind so viele Menschen wir die Gesamteinwohnerzahl der deutschen Bundesländer Niedersachsen, Thüringen und Berlin.

Wir dürfen dies nicht hinnehmen. Die Bundesregierung und die internationale Gemeinschaft müssen sich mit allen ihnen zu Verfügung stehenden Mitteln für einen vollständigen, unmittelbaren, bedingungslosen, sicheren, ungehinderten und dauerhaften Zugang von humanitärer Hilfe für alle Menschen in Syrien einsetzen. Erklärungen dafür, warum Hilfe für Menschen in Not blockiert wird, dürfen nicht akzeptiert werden. Konfliktakteure, die Belagerungen von Zivilisten als Kriegsmittel einsetzen, müssen strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden.

Es darf keinen siebten Jahrestag dieses Krieges geben. Dafür müssen wir uns alle einsetzen.

 

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