„Mein größter Wunsch: Zur Schule gehen“

Von Marie Pieper, Bundesfreiwillige in der CARE-Pressestelle

Früh aufstehen, fertig machen, in die Schule gehen. Das ist der ganz normale Alltag für Millionen Kinder und Jugendliche auf der ganzen Welt. Auch für mich war er das bis vor einem Jahr – und wie dankbar ich dafür sein sollte, wurde mir doch erst in den letzten Monaten so richtig bewusst.

Seit September 2015 bin ich Bundesfreiwillige in der Pressestelle von CARE. Tag für Tag erreichen uns hier Geschichten und Fotos aus der ganzen Welt, und die sind oftmals sehr berührend. Wenn ich von Kindern lese, die nicht genug zu essen haben, vor Krieg fliehen mussten oder ihre Eltern verloren haben, vergleiche ich ihr Leben mit meinem. Dann weiß ich umso mehr zu schätzen, in einem Land aufgewachsen zu sein, in dem Frieden herrscht und ich selbstverständlich zwölf Jahre lang in die Schule gehen konnte. Ich frage mich, warum Kinder in Syrien, dem Jemen und vielen anderen Ländern täglich Krieg und Gewalt erfahren müssen, während wir uns über zu viele Hausaufgaben beschweren.

Das Schicksal des 13-jährigen Rabee’ hat mich besonders berührt. Im März 2013 musste er mit seiner Familie aus Syrien fliehen. Sie fanden Zuflucht in Jordanien, wo sein Vater in einer Rösterei arbeitete. Sein Lohn reichte aber hinten und vorne nicht, um die siebenköpfige Familie zu versorgen. Miete, Essen und Medikamente mussten bezahlt werden. Und dafür gab es nur einen Ausweg: Rabee‘ musste arbeiten. Und er ist nicht der einzige, dem es so geht. Allein in Jordanien müssen mehr als 100.000 Kinder arbeiten, weltweit sind es 168 Millionen.

Rabee' kommt aus Syrien. Wegen des Kriegs in seiner Heimat konnte er lange nicht zur Schule gehen. (Foto: CARE/ Mahmoud Shabeeb)

Rabee‘ kommt aus Syrien. Wegen des Kriegs in seiner Heimat konnte er lange nicht zur Schule gehen. (Foto: CARE/ Mahmoud Shabeeb)

Um seine Familie finanziell zu unterstützen, ging Rabee‘ ein ganzes Jahr nicht in die Schule. „Ich mochte die Schule in Syrien sehr. Mein Lieblingsfach war Mathe, ich war einer der Besten in meiner Klasse“, erzählt er. Stattdessen arbeitete er zuerst ein paar Monate als Kurier, fuhr die Einkäufe der Leute in einem kleinen Wagen von A nach B. Danach begann er, auf einem Tisch am Straßenrand Dinge zu verkaufen.

„Es brach mir jeden Morgen wieder das Herz, meinen kleinen Sohn zur Arbeit schicken zu müssen“, erinnert sich seine Mutter an die schwere Zeit. Doch da sie unter mehreren chronischen Krankheiten leidet, unter anderem Diabetes und Bluthochdruck, war sie auf Rabee‘s Gehalt angewiesen.

Rabee's Mutter Kawthar leidet unter mehreren chronischen Krankheiten. Dank CAREs finanzieller Unterstützung kann die Familie wieder Medikamente für sie kaufen. (Foto: CARE/ Mahmoud Shabeeb)

Rabee’s Mutter Kawthar leidet unter mehreren chronischen Krankheiten. Dank CAREs finanzieller Unterstützung kann die Familie wieder Medikamente für sie kaufen. (Foto: CARE/ Mahmoud Shabeeb)

CARE Jordanien hat ein Programm ins Leben gerufen, das Kindern wieder den Zugang zu Bildung ermöglicht. Syrische Flüchtlingsfamilien bekommen eine monatliche Unterstützung von 90 Euro – das durchschnittliche Monatsgehalt eines Flüchtlingskindes liegt im Vergleich dazu bei erschreckend niedrigen 40 Euro. Dank CAREs Hilfe musste auch Rabee‘ nicht mehr arbeiten und konnte wieder zum Unterricht gehen.

„Ich bin jeden Tag aufs Neue froh darüber, dass ich mich nicht auf den Weg zur Arbeit, sondern zur Schule machen darf“, sagt Rabee‘. Das ist ein so dankbarer und zuversichtlicher Satz, über den wir in Ländern wie Deutschland viel zu wenig nachdenken.

Rabee‘ erzählt, dass er bei der Arbeit immer alleine war, keine Freunde hatte und nichts lernen konnte. „In der Schule ist das ganz anders, ich habe schon drei beste Freunde gefunden, die aus Jordanien kommen. Jetzt bin ich glücklich.

Und während ich in Deutschland sitze und mir Gedanken darüber mache, für welchen der vielen möglichen Studiengänge ich mich entscheiden soll, kann Rabee‘ nur von seiner Zukunft träumen. „Ich möchte weiterhin zur Schule gehen und etwas lernen. Mein größter Traum ist, eines Tages zur Universität zu gehen und Architektur zu studieren. Ich würde auch gerne wieder nach Syrien zurückkehren, um meine Cousins wiederzusehen und mit ihnen genau wie früher Fußball zu spielen. Ich vermisse sie.“

Ich wünsche ihm von Herzen, dass diese Träume in Erfüllung gehen.

Weitere Daten, Fakten und Stimmen zur Arbeit von CARE in Jordanien finden Sie hier.

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