Am Rande einer absoluten Katastrophe

Von Karl-Otto Zentel, Generalsekretär CARE Deutschland-Luxemburg

„…Das Kind ist in den Brunnen gefallen“ – Dieses Sprichwort ist im Jemen leider oft traurige Realität. Traditionell wurden dort offene Brunnen gebaut. Das Wasser wird dann mit Eimern, die an Seile gebunden sind nach oben geholt.
Diese Brunnen sind teilweise über 30 Meter tief. Das Hochziehen der Eimer braucht dann Kraft, die Kinder und insbesondere Mädchen überfordert. Leider kam es deswegen in der Vergangenheit häufiger zu Unfällen, bei denen vor allem Kinder in die Brunnen fielen und starben. Durch Brunnenbau-Projekte von CARE werden diese versiegelt und neue, moderne Wasserentnahmestellen mit solarbetriebenen Pumpen gebaut. Eine Hilfe, die nicht nur wegen der Sicherheit der Bevölkerung wichtig ist. Im Jemen herrscht seit zwei Jahren Bürgerkrieg, für viele Menschen ist sauberes Wasser absolute Mangelware. Familien berichten mir, dass sie und ihre Kinder nur ein halbes Glas Wasser pro Tag trinken. CARE unterstützt die Menschen deshalb bei der Wiederinstandsetzung von Wasserquellen und beim Bau von neuen Wassertanks.

Karl-Otto Zentel wäscht sich die Hände an eine Wasserquelle.

Karl-Otto Zentel an einer Wasserquelle. (CARE/Eman Al Awami)

Ich fahre in das Dorf Wadi Merweh und treffe dort Khalid Tafica. Sein Brunnen wurde im Rahmen des CARE-Projekts wieder instandgesetzt. Neben dem Brunnen liegen seine Felder. Eigentlich ist gerade die Zeit für die Aussaat, aber es wächst nichts. Als ich ihn darauf anspreche erzählt er, dass er dieses Jahr geplant hatte, Gemüse anzubauen. Dazu müsse er aber sein Land bewässern. Da einige Brunnen in der Umgebung bereits versiegt sind, kommen immer mehr Leute zu seinem Brunnen. Auch da sei der Wasserspiegel schon gesunken, aber zumindest kann er noch Wasser pumpen. Khalid sagte mir: „Wie kann ich mit dem wenigen Wasser meine Felder bewässern, wenn gleichzeitig meine Nachbarn fast verdursten.“ Was, wenn es nicht bald regnet und sich die Situation verbessert?
Khalid hat hierauf keine Antwort, und seine Geschichte ist leider kein Einzelfall im Jemen. Gibt es nicht genug Wasser, kann keine Nahrung angebaut werden. Gibt es keine Nahrung, leiden die Menschen Hunger. Es entsteht ein Teufelskreis, aus dem der Jemen nicht ohne internationale humanitäre Hilfe herauskommt. Laut Angaben der Vereinten Nationen leiden im Jemen 14 Millionen Menschen Hunger, fast eine halbe Million Kinder gelten als akut unterernährt. Eine Hungersnot droht.

Ein Kamel trinkt in der Wüste Wasser aus einem Tank von CARE in Aden

Ein Kamel trinkt in der Wüste Wasser aus einem Tank von CARE (CARE/Ammar Bamatraf)

Von der Außenwelt abgeschnitten
Bei meinem Besuch wird ein weiteres Problem sehr deutlich. Aufgrund der Wasserknappheit gibt es auch kein Wasser für Hygienemaßnamen. Das heißt: kein Wasser fürs Händewaschen, für körperliche Hygiene oder sanitäre Anlagen. Krankheiten wie Cholera brechen aus. Bei meinem Besuch in einer Distriktregion von Aden erzählt man mir, dass nur rund 40 Prozent der Häuser an die Kanalisation angeschlossen sind. Die Cholera forderte hier zahlreiche Opfer. Die nächste Gesundheitsstation ist oft mehrere Kilometer entfernt und erfordert stundenlange Fußmärsche. Für Kranke und Schwache eine unüberwindbare Strecke.
Das lokale CARE-Team aus Aden berichtet mir, dass es mit unserer Hilfe geschafft wurde, die Krankheit einzudämmen und Neuerkrankungen zu verhindern. Durch den Bau von Latrinen, Brunnen und Hygieneschulungen kann dem Verschmutzen von Wasser und dem Ausbruch von Krankheiten vorgebeugt werden.

Die Region Aden ist stark betroffen – hier leben die Menschen auf minimalster Versorgungsbasis. Vor dem Kriegsausbruch vor zwei Jahren waren sie an das Wasserversorgungsnetz angeschlossen. Durch die Kämpfe wurde diese komplett zerstört und schnitten die Einwohner von den Versorgungsmöglichkeiten ab. CARE versorgt sie mit Wasser –Tanks werden täglich an einer Reihe von Zapfstellen aufgefüllt. Das Projekt endet jedoch in wenigen Wochen und es ist keine Anschlussfinanzierung in Sicht. Nur 6,6 Prozent der knapp 2 Milliarden benötigten Euro für die Nothilfe im Jemen stehen bisher zur Verfügung. Eine absolute Katastrophe, denn ich weiß nicht, wie die Menschen hier ohne externe Wasserversorgung überleben können. Wir müssen unbedingt verhindern, dass das Kind „Jemen“ sprichwörtlich in den ausgetrockneten Brunnen fällt.

 

Der erste Blog von Karl-Otto Zentel: Reise in eine „vergessene“ Krise.

Der dritte Blog von Karl-Otto Zentel: Frauen im Jemen – Aufbruch inmitten turbulenter Zeiten

Hier beantwortet Karl-Otto Zentel fünf Fragen zur Situation im Jemen.

In unserem Factsheet fassen wir die wichtigsten Informationen zur Lage im Jemen noch einmal zusammen.

Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit im Jemen mit Ihrer Spende!

Einsatzorte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.