Amal bedeutet Hoffnung

von Mia Veigel (20), Bundesfreiwillige bei CARE

„Niemals hätte ich gedacht, dass ich mit Siebzehn heiraten würde“, sagt mir mit heller und jugendlicher Stimme Amal (22). „Wäre der Krieg nicht gewesen, dann wäre mein Leben ganz anders verlaufen.“ Der Krieg über den sie spricht, ist der Syrienkrieg, der mittlerweile schon sieben Jahre andauert und immer noch kein Ende zu finden scheint. All´ dies erfahre ich von Amal bei unserer ersten Begegnung. Sie liegt zwar schon einige Tage zurück, doch noch immer fühle ich die heiße Mittagshitze auf meinen Schultern, als ich zum ersten Mal im Innenhof vor ihrem Haus stehe, so sehr haben sich ihre Worte in mein Gedächtnis gebrannt.

Die Haustür steht offen und ein cremefarbener Vorhang, der leicht im Wind weht, verdeckt die Sicht ins Innere. Auf einmal bewegt sich der Stoff und gefolgt von ihrer Mutter erscheint, in ein schwarzes Kopftuch gehüllt, Amal.  Vor meiner Reise nach Amman (Jordanien) habe ich viel darüber nachgedacht, wie unsere erste Begegnung verlaufen könnte, doch das, was ich jetzt fühle, ist so anders als all´ meine Erwartungen. 

Die beiden jungen Frauen Mia und Amal sind fast gleich alt und doch könnten ihre Leben nicht unterschiedlicher sein. (Foto: Fatima Azzeh/ CARE)

In ihrer Stimme ist keine Traurigkeit zu hören

Amal stammt aus Deraa im Süden von Syrien. Wie ich, hatte auch sie eine glückliche Kindheit,  wächst in einer Nachbarschaft auf, in der jeder jeden kennt. Sie liebt es zur Schule zu gehen, ist immer Klassenbeste und träumt davon eines Tages Krankenschwester zu werden. Doch ihr Leben ändert sich schlagartig, als ein Anschlag auf einen Bus voller Kindergartenkinder verübt wird. Ihre Eltern entscheiden von einen Tag auf den anderen, dass Amal nicht mehr zur Schule gehen kann, für die damals 16-Jährige bricht eine Welt zusammen.

Während dieser schwierigen Zeit werden manche ihrer Schulkameradinnen entführt oder verschwinden auf einmal. Amals Eltern beschließen sie zu verheiraten, damit jemand männliches auf sie aufpasst. „Ich kannte den Mann nicht, den ich kurze Zeit später geheiratet habe“, sagt sie mit zarter Stimme und muss schmunzeln, als sie mein erstauntes Gesicht sieht. In ihrer Stimme ist keine Traurigkeit zu hören, fast so als spräche sie nicht über ihr eigenes Leben, sondern würde einen Vortrag in der Schule halten.

Amal zeigt Uta von CARE die wenigen Kindheitsfotos aus ihrer Heimat in Syrien, die ihr geblieben sind. (Foto: Mia Veigel/ CARE)

Im Januar 2013 flieht Amal mit ihrer Familie nach Jordanien. Damals ist sie im vierten Monat schwanger. Wenn ich sie so neben mir sitzen sehe, ist es für mich unvorstellbar, dass sie, die so zierlich und klein ist, mit achtzehn Jahren ein Kind zur Welt gebracht hat. Ich überlege, was ich im Januar 2013 gemacht habe und stelle mit einer Mischung aus Verwunderung und einer Art von Scham fest, dass ich zu diesem Zeitpunkt meinen Geburtstag während eines Schüleraustauschs in der Bretagne feiere. Unbegreiflich, dass zur gleichen Zeit Amal zusammen mit ihrer Familie zwischen Explosionen und Straßensperrungen die Grenze Syriens ins Nachbarland Jordanien überschreitet. Dort angekommen, bekommen sie wie viele weitere Flüchtlinge in einem Gemeinschaftszentrum der Hilfsorganisation CARE Unterstützung. Amals Familie erhält eine finanzielle Starthilfe und wird mit weiteren Hilfsorganisationen in Kontakt gebracht.

Eine tiefe Kluft zwischen uns

Es liegt eine merkwürdige Stimmung in der Luft, als wir den spärlich eingerichteten Wohnraum der Familie betreten. Außer einem ratternden Ventilator herrscht zwischen uns Stille. Amal und ich sind beide unsicher und ich fühle mich beinahe wie ein Eindringling in ihrem Heim. Wir sind uns nah und dennoch spüre ich eine tiefe Kluft zwischen uns beiden, weil mir ihr Leben und das, was sie erlebt hat, so fremd und unbegreiflich erscheinen. Amal zeigt mir Fotos aus ihrer alten Heimat, das Haus in Syrien und einen Mann in Uniform. „Das ist mein Ehemann. Er ist vor zweieinhalb Jahren bei einer Explosion in Syrien gestorben.“

Während sie den Satz spricht, geht die Tür auf und ein kleiner Junge kommt in das Zimmer gerannt. Amals Gesicht hellt sich schlagartig. Ihr Sohn ist heute vier Jahre alt. Er sprüht vor Energie und kann keinen Moment still sitzen. Ich bemerke ihren liebevollen Blick, aber auch wie schwer es für sie ist, das Kind zu beruhigen. Da ich kein Arabisch verstehe, erfahre ich erst später, dass er mit seinen fast schon fünf Jahren kaum sprechen kann. Immer wieder sagt Amals Mutter die Wörter „Schuhe“ und „Socken“, als der Vierjährige diese überzieht. Sie ist es auch, die Amal damals sagt, dass sie beim Stillen nicht an den Verlust ihres Mannes denken soll, da sich sonst ihr Leid auf ihren Sohn überträgt.

Später als wir alleine sind, erzählt sie mir, dass sie trotz ihrer Flucht und des Verlusts noch immer darauf hofft, studieren zu können. „Nachdem wir aus dem Zaatari Flüchtlingscamp in die Stadt gezogen sind, konnte ich endlich die 12. Klasse abschließen“, erzählt sie stolz. Doch als Amal versucht sich in der Universität einzuschreiben, muss sie feststellen, dass ein Abschluss rund 12.000 Euro kostet – Geld das sie nicht hat. Daher arbeitet sie hart daran, ein Stipendium zu ergattern oder jemanden zu finden, der ihre Bildung finanziert. „Ich hatte schon jemanden gefunden, aber als die Person von der Höhe der Kosten erfuhr, sagte sie ab“, erzählt sie und die Enttäuschung ist ihr ins Gesicht geschrieben.

Mia, Bundesfreiwillige bei CARE, und Amal, die aus Syrien flüchten musste, werden in einem Video über Chancengleichheit, Krieg und Frieden gegenübergestellt. (Foto: Fatima Azzeh/ CARE)

Ich habe alle Möglichkeiten und sie?

Ich muss mich überwinden, als ich sie frage, ob sie eines Tages wieder heiraten und bei ihren Eltern ausziehen wolle. Für eine junge Frau aus ihren konservativen Kreisen ist ihre Antwort überraschend klar: „Ich habe schon zu viel Zeit in meinem Leben verloren, ab jetzt gilt meine Zeit nur noch mir und meinem Sohn.“ Ihre Antwort überrascht mich. Dennoch weiß ich, dass nur die wenigsten Männer eine Frau heiraten würde, die schon einmal verheiratet war und die dazu einen Sohn hat.

Erneut spüre ich eine tiefe Kluft zwischen uns. Ich selbst bin frei von allen Zwängen und habe unendlich viele Möglichkeiten für meine Zukunft. Wir sind fast gleich alt und doch könnten unsere Leben nicht unterschiedlicher sein. Die Vorstellung so gefangen in Traditionen zu sein und immer unter einem Mann zu stehen ist für mich unvorstellbar. All´ die schrecklichen Dinge, die sie gesehen hat, habe ich nicht erlebt und wenn ich zurück in Deutschland bin, wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis im Trubel des Alltags unsere Begegnung in meinen Erinnerungen verblasst. Ich kann das Schreckliche dieser Welt ausblenden, doch Amal ist jeden Tag damit konfrontiert.

Schicksale wie das von Amal sind in Jordanien kein Einzelfall. So gibt es nach Angaben des UNHCR alleine 650.000 registrierte syrische und fast zwei Millionen irakische Flüchtlinge im Land. Und doch schafft es Jordanien mit dieser großen Herausforderung, nicht zuletzt auch dank der Unterstützung von ausländischen Hilfsgeldern, umzugehen. Auf Arabisch heißt Amal übrigens Hoffnung, oftmals das Letzte, das vielen der knapp 69 Millionen Flüchtlingen weltweit noch bleibt.

In Jordanien betreut CARE Geflüchtete, leistet materielle und finanzielle Hilfe und kümmert sich besonders um traumatisierte Kinder. (Foto: Mia Veigel/ CARE)

Schauen Sie sich hier das Video über Mia und Amal an!

Wie war ihre Kindheit? Was wünschen sie sich für die Zukunft? Welche Rolle spielt dabei das Schicksal ihres Geburtsortes? Und was passiert, wenn die beiden sich begegnen?


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