An mein schwarzes Kleid

Ausgegrenzt und am Rand der Gesellschaft angekommen schreibt eine Frau, die Opfer von sexueller Gewalt ist, einen „Brief“. Nicht an ihre Peiniger, sondern an ihr schwarzes Kleid. Sie, die ihren Namen nicht veröffentlicht sehen möchte, nimmt in Montenegro an einem CARE-Programm zur wirtschaftlichen Stärkung teil. 

Von Sevko Bajic

Eine Frau schreibt einen Brief an ihr schwarzes Kleid. (Foto: Sevko Bajic)

Meine Liebste,

Wir kennen uns nun schon seit einer Weile, und obwohl ich dich nicht geboren habe, sondern nur genäht, fühle ich mich wie deine Mutter. Du bist meine Tochter. Während eine Mutter ihr Leben in den Tränen und dem Lächeln auf den Gesichtern ihrer Kinder sieht, erkenne ich in jedem Stich und jeder Rose auf deinem Stoff die Tage und Jahre meines Lebens. Am Anfang warst du nur ein einfaches schwarzes Kleid. Schwarz war nicht bloß eine Farbe, sondern symbolisierte all unsere schlaflosen Nächte und die Traurigkeit. Unser Leben war dunkel, ohne Hoffnung und voller Demütigung. Schwarz, das waren die Hände des Tyrannen, die Schreie in der dunklen Nacht, die Einsamkeit.

Ich glaubte, dass Schwarz bis zum Ende die Farbe meines Lebens sein würde, weil ich Opfer von Gewalt wurde. Als ich darauf angewiesen war, dass andere Menschen ihre Stimme erheben und uns beschützen, blieben sie alle still. Jahre später fragten mich meine Kinder: „Liebe Mutter, was war das Schwerste? Die Prügel, die du jeden Tag bekamst, oder die Demütigung?“ Aber ich sagte ihnen: „Es war die Stille. Die Stille von all denjenigen, die ihre Stimme erheben sollten. Ihr Schweigen war schmerzhafter als alle Prügel und Demütigungen zusammen.“

Aber dann empfing CARE mich mit offenen Armen. Zum ersten Mal hörte ich Worte des Trostes und der Unterstützung: „Ich weiß, was du erlebt hast. Keine Sorge, du kannst ein besseres Leben haben.“

Also fügte ich eine rote Rose mit grünen Blättern zu deiner schwarzen Farbe hinzu. Das war mein erstes Geschenk an dich. Die Worte der Unterstützung, die ich hörte und die verständnisvolle Berührung an meiner Schulter ermutigten mich dazu, dir ein Geschenk zu machen – eine wunderschöne rote Rose gegen deine Dunkelheit. Doch wie einsam sah diese Rose aus! Es war, als schwebte sie auf einem endlosen schwarzen Ozean, ohne Hoffnung, das Ufer zu erreichen. In dieser Rose konnte ich mein ganzes Leben sehen. Also nähte ich dir eine zweite rote Rose, als treuer Begleiter für die Erste. Sie waren wie zwei Schwestern. Wenn sie hätten reden können, würden sie über die Nacht sprechen, in der ich mir die Schuld für das gab, was passierte. Als ich dachte, ich könnte besser sein, mehr aushalten und die Rolle spielen, die meine Eltern, meine Familie und meine kleine Stadt für mich ausgesucht hatten.

Und dann sah ich wieder offene Arme und hörte Trost und unterstützende Worte: „Ich weiß, was du durchlebt hast. Du verdienst es besser, dein Leben ist lebenswert.“ Die beiden Rosen auf deinem schwarzen Stoff reichten nicht mehr, also gab ich dir in nur einer Nacht zehn weitere. Sie waren wie eine Familie, wie eine Gemeinschaft voller Fürsorge und Liebe, die ich nie zuvor erlebt hatte. Die Rosen sangen laut und tanzten auf dem schwarzen Kleid. Sie waren so laut wie nie zuvor und vermittelten die Botschaft, dass keine Frau so leben und sich so fühlen sollte wie ich.

Doch dann verspürte ich Angst! Hätte ich denn das Recht, endlich frei zu sein? Könntest du frei sein von deiner Dunkelheit, könnte ich frei sein von meiner? Und wärst du dann das gleiche Kleid, wäre ich noch dieselbe? Könnte ich mich so sehr verändern?

Du verdienst ein besseres Leben, du bestimmst selbst darüber. Jetzt ist es an der Zeit, die Rolle in deinem Leben einzunehmen, die du verdienst.“ Wieder hörte ich die ermutigenden Worte und meine Angst schien in diesem Moment unbedeutend.

Ich beschloss, dass deine schwarze Farbe ganz mit Rosen bedeckt sein soll. Für jeden Bluterguss auf meiner Haut bekamst du zwei Rosen. Für jede Depression gab ich dir noch eine Handvoll. Und wo schwarze Nächte deine Dunkelheit prägten, schenkte ich dir und mir eine wunderschöne weiße Blume. In meinem Herzen konnte ich zum ersten Mal die wahre Stimme meiner eigenen Seele hören: „Das ist mein Leben und ich bin stolz darauf.“

Meine geliebte Tochter, mein Kleid, du und ich haben uns nicht verändert. Doch wir zeigen endlich, wie schön wir sind und entscheiden selbst über unser Leben.“

Das schwarze Kleid zieren nun bunte Blumen. (Foto: Sevko Bajic)

In Montenegro und Bosnien-Herzegowina schult CARE besonders schutzbedürftige Frauen in der sozialen Unternehmensplanung. 40 von ihnen erhalten Zuschüsse für ihr erstes eigenes Unternehmen, 20 weitere werden auf die Arbeit in sozialen Unternehmen vorbereitet.

Unterstützen Sie unsere Hilfe für Frauen und Mädchen mit Ihrer Spende!

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