Armut ist kein Wettbewerb

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der ärmste im ganzen Land? Gelder aus dem Anpassungstopf richtig zu verteilen ist für den Verhandlungsfortschritt essentiell – aber schwierig.

Die erste Aktion des Tages auf einer Klimakonferenz ist es, sich das tägliche Programm und den Newsletter ECO zu schnappen. Der zweiseitige ECO, der während der Klimakonferenzen täglich vom NGO-Bündnis Climate Action Network (CAN) herausgegeben wird, informiert über die heiß debattierten Themen des Vortrags. “Verletzlichkeit ist kein Schönheitswettbewerb” titelte ECO am Mittwoch, und damit griffen die mitunter sehr sarkastisch schreibenden Autoren ein Thema auf, das in der Gruppe der G77-Staaten – das sind die Entwicklungs- und Schwellenländer – die Verhandlungen zum Thema Anpassung ins Stocken bringt. “Bevor wir nach Cancún kamen haben wir eigentlich erwartet, dass hier ein Abkommen zur Anpassung der Entwicklungsländer an den Klimawandel zustande kommt”, sagt meine Kollegin Tonya Rawe. Aber jetzt wankt die Hoffnung.

Der Knackpunkt ist die Frage: Wer bekommt wie viel Geld aus dem Anpassungstopf? Für Entwicklungsländer ein essentieller Punkt, denn sie sind diejenigen Länder, die unter den Folgen des Klimawandels am stärksten leiden. Die auch keine ausreichenden finanziellen Mittel haben, um dagegen anzugehen. Klar ist, dass die ärmsten Länder den höchsten Anteil bekommen sollen, wie jene in Afrikas Sahelzone beispielsweise. Oder die Inselstaaten, die mit einem Anstieg des Meeresspiegels den Untergang ihrer Heimat befürchten müssen. Aber auch weniger bitterarme Länder haben ein Anrecht auf diese Gelder. Deswegen entspinnt sich nun eine Diskussion darüber, welches Land das ärmste und welches am stärksten vom Klimawandel betroffen, welches also am verletzlichsten, ist. Und dass diese ärmsten Länder für eine Anpassungsfinanzierung priorisiert werden sollen. “Fakt ist, dass jedes Land in der einen oder anderen Weise vom Klimawandel betroffen ist”, so Tonya, die für CARE die Verhandlungen zum Thema Anpassung intensiv verfolgt.

Man denke an Pakistan, das im Sommer die schlimmsten Überflutungen seiner Geschichte erlebte. Pakistan gehört nicht zur Gruppe der am wenigsten entwickelten Länder – aber es ist mit 32 Prozent der Bevölkerung, die von weniger als einem Dollar am Tag lebt, arm genug. Oder Paraguay. Das südamerikanische Land zählt nicht zu den vom Klimawandel am stärksten betroffenen Ländern, es hat weder eine Küste, noch liegen Landesteile knapp oberhalb des Meeresspiegels. Aber es gibt in Paraguay durchaus erkennbare Klimawandelfolgen. In manchen Gegenden wird immer trockener, dort herrscht mittlerweise semi-arides Klima, so wie in einigen afrikanischen Ländern. Es bilden sich Wüsten, der Boden wird unfruchtbar – und wer soll auf diesen Böden anbauen und die Familien ernähren können? Also pocht auch Paraguay – zu Recht – auf finanzielle Hilfe für Anpassung.

Infopunkt von CARE mit Tamara Plush, CARE - Klimawandel Kommunikationsbeauftragte (links). Foto: CARE/Bulling

CARE-Infopunkt mit Tamara Plush, Klimawandel Kommunikationsbeauftragte von CARE (links). Foto: CARE/Bulling

Die Diskussion könnte absurd wirken, wenn sie nicht so wichtig wäre. Und wenn es nicht letztendlich ums Überleben der Einwohner gehen würde. Spieglein, Spiegelein an der Wand, wer ist der ärmste im ganzen Land? Im Grunde genommen führt sie zurück zu dem Punkt, der das Klimaabkommen auf allen Ebenen bestimmt: Geld. Denn wenn es ausreichend finanzielle Unterstützung für Anpassung gäbe, dann müssten die Länder nicht darum wetteifern. Laut eines Berichts der Weltbank sind alleine für die Anpassung jedes Jahr zwischen 75 und 100 Milliarden US Dollar erforderlich. “Die bisherigen kurzfristigen und langfristigen Zusicherungen sind von dieser Summe allerdings weit, weit entfernt”, so Tonya Rawe. Kann dieser gordische Klimaknoten nun hier in Cancún gelöst werden? “Die verschiedenen Verhandlungsparteien sollten sich nun zumindest auf einen Rahmen beim Thema Anpassung einigen”, meint Tonya. Letztendlich ist die einzig wirksame Lösung jedoch, ausreichende Mittel zur Verfügung zu stellen.

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