Äthiopien: Erholung braucht Zeit, Wissen ist da

Von Mandefro Mekete, Nothilfekoordinator, CARE Äthiopien

Jedes Jahr wird die Zeit zwischen den Ernten länger. In Äthiopien nennen die Menschen diese Zeit „Magersaison“. Wenn der Regen während dieser Zeit ausbleibt, verdorrt die neue Ernte auf den Feldern und die Menschen haben keine Vorräte.

Borena, Moyale District. Photo: CARE/Sandra Bulling

Gesunde Nutztiere bilden die Lebensgrundlage der Menschen im ländlichen Süden Äthiopiens (Foto:CARE/Bulling)

Ashenafi, ein 35-jähriger Landwirt und Vater von acht Kindern, erzählte mir, wie er nach und nach sein gesamtes Hab und Gut verkaufte, um die „Magersaison“ zu bewältigen. Weil er über die Jahre sein gesamtes Vieh verkauft hatte, um sich Lebensmittel leisten zu können, hatte er jegliche Lebensgrundlagen für sich und seine Familie verloren.

Für Essen alles verkaufen

Langsam rutschte er immer weiter in den Teufelskreis der Armut ab: So konnte Ashenafi 2005 noch für seine Familie sorgen und seine Kinder zur Schule schicken. Er besaß ein Haus mit Wellblechdach und hatte drei Ochsen, eine Kuh, drei Schafe, drei Ziegen und dreißig Hühner. Dann kam die Dürre 2006 und er war gezwungen einen seiner Ochsen und drei Schafe zu verkaufen. Ein Jahr später verlängerte sich die Magersaison und er musste einen anderen Ochsen und seine drei Ziegen verkaufen. Den letzten Ochsen verkaufte er schließlich 2008 zusammen mit all seinen Hühnern. Im Jahr 2009 musste er seine Kuh, die Milch für seine Kinder lieferte, verkaufen. Unglücklicherweise sind während der Magersaison die Preise für Lebensmittel hoch und der Verkaufspreis für Vieh niedrig. Ashenafi verkaufte sein Vieh immer auf  dem Höhepunkt der Magersaison, so dass er nur einen geringen Preis erzielte. Am Ende konnte er sich die teuren Lebensmittel nicht mehr leisten. Als 2011 der Regen erneut ausblieb, musste Ashenafi letztendlich sein Haus verkaufen. Heute lebt er in einer Hütte mit seiner Familie und erhält Nahrungsmittelhilfe, die ursprünglich von der Regierung und später von CARE gestellt wurde.

Erholung muss rechtzeitig möglich sein

Meine eigene Familiengeschichte ist der von Ashenafi sehr ähnlich. Wir waren auch Bauern. Während der großen Dürre im Jahr 1984 verlor meine Familie ihr gesamtes Vermögen. Wir mussten unsere Kühe, Ochsen, Pferde und Ziegen verkaufen, um zu überleben. In diesem  und die darauf folgenden Jahre erhielten wir Unterstützung von Hilfsorganisationen wie CARE. Meine Familie nahm an „Cash-for-Work“-Projekten teil und half bei der landwirtschaftlichen Wiederbelebung von Böden und dem Schutz von Wasserquellen. Im Gegenzug erhielten wir ein Gehalt, um Ochsen für das Pflügen der Felder kaufen zu können – so konnten wir wieder unsere Felder bearbeiten.

Zwei Jahre später nahm mein Vater eine Position als Wachmann in einer Baumschule an. Dort werden Setzlinge zur Wiederaufforstung angebaut. Mit dem Lohn meines Vaters konnten wir uns während der Magersaison Lebensmittel kaufen. Trotzdem haben wir unseren landwirtschaftlichen Betrieb nicht aufgegeben, sondern nur unsere Abhängigkeit von den Ernteerträgen verringert.

Nach und nach war meine Familie in der Lage, Ochsen, Schafe, Ziegen, Kühe, Esel und Pferde zu kaufen. Wir erholten uns nur langsam wieder, aber letztendlich konnten alle meine Geschwister zur Schule gehen und eine Ausbildung machen. Wir alle haben eine Arbeit gefunden und sind heute von Dürre und Trockenheit unabhängig. Während der Magersaison können wir auch andere Familienmitglieder und Freunde unterstützen.

Ashenafi

Ashenafi könnte sich mit der Hilfe von CARE eine neue Lebensgrundlage aufbauen. (Foto: CARE/Montpetit)

Gemeinsam können wir helfen

Ashenafis Familie könnte einem ähnlichen Weg folgen, wenn sie rechtzeitig die richtige Unterstützung erhält. Mit  Saatgut und Vieh könnte sie ihre landwirtschaftlichen Tätigkeiten wiederaufnehmen. Zudem baut CARE  Brunnen und Wasserstationen, damit Menschen zuverlässig und einfach Zugang zu Wasser haben. Da in diesen Regionen meistens Frauen verantwortlich sind für das Wasserholen und sich die Wege durch die Wasserstationen drastisch verkürzen, haben so auch Töchter Zeit, sich auf die Schule zu konzentrieren.

Die Familie von Ashenafi und andere Menschen können durch Kleinspargruppen Kredite erhalten, um von der Landwirtschaft unabhängige Geschäfte aufzubauen. Projekte zur Stärkung der Frau werden dazu beitragen, dass Ashenafis Frau sich aktiver in ihrer Gemeinde engagieren kann und damit das Einkommen für die Familie erhöht.

Wir wissen, wie Menschen ihre Widerstandsfähigkeit gegen die Dürre verbessern können und damit die künftige Krisen vermeiden können. Wir haben Ideen im Überfluss, aber die tatsächliche Unterstützung, um sich von der „Magersaison“ erholen zu können, wird entscheidend sein. Auf diese Weise wird es Ashenafis Familie wie meiner Familie gelingen, unabhängig und belastbar zu werden. Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten, dass dies Wirklichkeit wird.

Einsatzorte

Ein Gedanke zu “Äthiopien: Erholung braucht Zeit, Wissen ist da

  1. Meine Frage:
    Ist Wiederaufforstung und der Schutz von Wasserstellen mit Anpflanzungen
    generell möglich in der Borena Zone/Moyale Distrikt oder nur in ihrem Projektgebiet? Welche Bäume eignen dazu sich in dieser Gegend?

    Herzlichen Dank für ein Feedback.
    Mit bestem Gruss
    Gabriele Hansch

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