Auf dem Weg nach Léogâne

Die nächste Station von Judith Hoerschs Reise ist Léogâne. In der Stadt lag das Epizentrum des Bebens:

Eine zerstörte Schule in Léogâne. (Foto: CARE/Evelyn Hockstein)

Auf dem Weg nach Léogâne

Sechs Uhr. Die Sonne geht auf und wir sitzen im Auto. Die Straßen sind voll und wir sind auf dem Weg nach Léogâne. In Léogâne war das Epizentrum des Bebens und hier stand wirklich gar nichts mehr. Wir fahren dort knapp 1,5 Stunden. hin. Das gibt mir Zeit ein wenig mehr von Port au Prince und den ganzen Stadteilen zu sehen. Es ist wirklich erschütternd. Ich weiß nicht, ob man sich die Bilder vorstellen kann, wenn man nicht, wie ich gerade, genau dran vorbei fährt.

Als ich damals das Projekt für CARE Haiti ins Leben gerufen hatte, so erinnere ich mich, das ich die Bilder in den Nachrichten als abstrakt empfand, dass ich mir das Ausmaß, dessen nicht wirklich vorstellen oder aufnehmen konnte. Dass sich etwas innerlich vor all dem schützen wollte. Das ändert sich, sobald man an den eingestürzten Häusern vorbei fährt. Den Schutthäusern, dem Nichts. An den Menschen, die mitten im Dreck und neben Bergen von Abfall ihre Mangos auf dem Boden verkaufen. Das ändert sich, wenn man die Camps sieht und den Schmutz und die Menschen, die ums Überleben kämpfen. Mein europäisches Auge, versucht eine Ordnung zu begreifen, ein System im Chaos zu erkennen. Aber es gibt keines für mich. Es IST Chaos.

Ein erster Besuch in der Schule.

Die Schulen sind für mich ganz besonders spannend zu sehen, weil wir damals entschlossen hatten, den Erlös des Hörbuchs in das Bildungsprojekt von CARE Haiti zu geben. Man spricht bei NGOs immer von Projekten. Kurz erklärt: Also es gibt Hygiene Programme/Projekte, Wasser Projekte, Bildungsprojekte, Gesundheitsprojekte, Bauprojekte und vieles mehr.

CARE hat hier in Léogâne wirklich schon viel geleistet und egal wo wir hinkommen, die Menschen sind von tiefer Dankbarkeit. Es ist alles sehr berührend. In der ersten Schule ‚Pyramide’ werden wir mit einem warmen Ständchen empfangen. Elf Jungs und zwölf Mädchen halten sich an den Händen und singen. Ich habe den Eindruck sie sind genauso aufgeregt wie ich über diesen Besuch. Die haben den Morgen schon auf uns gewartet. Besuch ist hier immer was ganz Besonderes! Wie ich später raus finde, singen hier alle immer gerne und egal wo wir hinkommen – gesungen wurde immer.

Ungefähr 40% der Haitianer sind Analphabeten. Viele können sich Bildung nicht leisten. (Foto: CARE/Evelyn Hockstein)

Die Schule, das sieht man gleich, ist schwer beschädigt worden. Sie war ganz offensichtlich mal zweistöckig, jetzt sind davon nur noch Reste zu sehen. Die Distanz zwischen den Kindern und uns ist groß, mit neugierigen Augen taxieren wir einander ab. Aber nach einer Weile taut die Stimmung auf. Wir sind in der Klasse sechs, ein Raum, klein und ohne Fenster. Neue Holzbänke, die von CARE kommen. Die Kinder sehen so süß aus, alle in ihren Schuluniformen und die Mädchen mit Schleifchen in den Haaren.

Egal wen ich gefragt habe: Sie lieben Schule. Sie sind stolz zur Schule zu gehen. Sie sind glücklich, wenn sie die Möglichkeit dazu haben. Ungefähr 40% der Haitianer sind Analphabeten und viele können sich überhaupt keine Bildung leisten. Irgendwann fragen die Kinder uns auch Sachen. ‚Wo ist Gary Victor?’ (Der sollte nämlich heute hier ein bisschen vorlesen, ist privat verhindert gewesen und trifft die Kinder nun ein andermal) ,Wer ist CARE?’ Und ein Junge in der letzten Reihe meldet sich zu Wort und stellt eine so entwaffnende Frage, die uns allen die Sprache verschlägt: ‚Warum kommen immer alle nach Haiti um uns zu helfen, aber warum gehen wir nie woanders hin, um dort zu helfen?’ ….Herrgott, was soll man denn da antworten? Die Antwort ist komplex. Ist die Frage überhaupt zu beantworten? Ich denke so im Stillen, vielleicht sollten die Haitianer mal nach Deutschland kommen und Entwicklungshilfe und Projekte zum Thema ‚karibischer Ruhe und Gelassenheit’ führen. Denn davon könnten wir uns alle eine Scheibe abschneiden.

Später unterhalte ich mich noch alleine mit ein paar Schülern. Ich frage Sie ein bisschen zu ihrem Leben und nach einer Weile wird es immer einfacher. Ich habe heute noch Berührungsangst. Was darf ich fragen? Wie gehe ich mit Ihnen um? Dann ist es auch immer schwierig, weil ich kaum Französisch spreche und die Kinder nur Creole. Heißt also: Ich stelle die Frage auf Deutsch, sie wird von Frederic Haupert – CARE Mitarbeiter aus Luxemburg ins Französische übersetzt und dann weiter ins Creole… Aber irgendwie geht das alles.

Sie wollen später mal Pilot werden, Krankenschwester oder Anwältin. Sie wollen alle gut in der Schule sein, machen alle ihre Hausaufgaben und erzählen mir von ihren Schulwegen. Ein Mädchen geht morgens um 5.30 Uhr zu Hause los, zwei Stunden zu Fuß und erreicht um 7.30 Uhr die Schule. Kann man sich das wirklich vorstellen? Und wir reden hier nicht von schönen und ungefährlichen Straßen. Sie erzählen, dass sie immer noch große Angst haben, das ein neues Beben kommen wird, das sie Angst in Räumen haben mit Dächern. Sie denken, sagen sie, jeden Tag an das Beben. Viele Kinder sind sehr traumatisiert, eingeschüchtert und in sich gekehrt. Eins der Mädchen sagt mir, dass ihr Bruder gestorben ist beim Erdbeben. Das Einzige was mir in meiner Hilflosigkeit einfällt, ist ihr zu sagen wie sehr es mir Leid tut.

Latrinen und Waschplätze: nicht sexy, ABER wichtig!

Ich sehe aber noch was Spannendes. Unter anderem in den beiden Schulen gab es vorher keine Toiletten und Waschräume. Das Ganze gehört zum großen Projekt – WASH. Das steht für Water, Sanitation and Hygiene.

Die Kinder werden in der Schule über Hygiene aufgeklärt und berichten anschließend ihren Eltern davon. (Foto: CARE/Evelyn Hockstein)

Es gab ein Loch im Boden und da haben alle rein gemacht. Das Loch war offen und es gab keine Wände. Im Übrigen lagen die ‚Toilettenlöcher’ direkt vor den Klassenräumen. CARE hat Latrinen und Waschplätze gebaut und Nathalie und Eususe Mitarbeiterin von CARE, machen mit den Kindern die hygienische Aufklärung in den Schulen. Das heißt, dass sie den Kids erklären, dass man nach dem Toilettengang seine Hände mit Seife wäscht. Wie man generell mit Seife umgeht. Die Kinder hier kennen das wirklich nicht. Hier gibt es wenig Wasser, weil es kaum Brunnen bisher gab. Das heißt, eine Familie hat sehr wenig Wasser zu Verfügung gehabt und da bleibt sicher nichts für das Händewaschen übrig. So entstehen auch Cholera und andere Krankheiten, die hier nach wie vor sehr verbreitet sind. Das ändert sich nach und nach. Die Kinder lernen es und bringen dieses Wissen nach Hause und fordern von Ihren Eltern ein, dass sie auch dort Seife haben und sauberes Wasser. Die Bildung und Aufklärung läuft also über die Kinder. Die Schule ist sehr stolz über diese Entwicklung.  Man hilft den Leuten ja letztlich nur, wenn sie lernen sich selbst zu helfen.

Die zweite Schule ist eine private, die durch eine Elterninitiative vor vielen Jahren gegründet wurde. Wir sind zu spät und die Kids haben auf uns gewartet. ‚Die Bienen von Aspam’ – L’abeilles d’Aspam sind viele aufgeweckte Kinder, die auch wieder für uns singen. Man singt hier! Das gefällt mir! Mittlerweile ist es sehr sonnig und heiß geworden. Sie spielen gerne an ihrem neuen Brunnen, denn um sich die Hände zu waschen, muss ein Kind pumpen und ein anderes kann sich derweil die Hände waschen. Auch da spreche ich noch mal mit ein paar der Kids und sie laden mich in ihre Klasse ein. Wir lachen viel und auch hier wird mir ein Ständchen gesungen. Toll diese Bienchen!

Die Kinder laden Judith Hoersch ein, ihr Klassenzimmer zu besuchen. (Foto: CARE/Evelyn Hockstein)

Die Wasserversorgung in Léogâne

Der nächste Brunnen oft mehrere Stunden Fußmarsch entfernt. Obwohl in Haiti viel Grundwasser besteht und das nicht mal tief im Boden liegt, gab es keine Möglichkeiten für die Leute. Weder das Wissen noch das Werkzeug. Die Mitarbeiterin von CARE, Melora zeigt und die ‚Wasserprojekte’ (WASH Programmes), die sie in der Region zahlreich ins Leben gerufen haben. Es wurden Brunnen gebaut, die nun mehr als 500 Familien permanent mit Wasser versorgen. Während wir uns, die Brunnen, Latrinen und Waschplätze anschauen, treffen wir auf eine Gruppe Frauen, die sich hier im Ort um die Aufklärung in kleinen Gruppen treffen und untereinander darum kümmern.

Das ist hier eine große Sache und CARE hat mit den Frauen aus der den Gemeinden in Léogâne Clubs gegründet. Hier haben sich Gemeinden gebildet von Müttern, die hier von der Vorsitzenden der „Mutterclubs“ in wöchentlichen Treffen informiert werden, über Hygiene Maßnahmen. Auch kleine Hygiene Kits werden verteilt. Ein Ort, wo die Mütter sich austauschen können. Klingt vielleicht nicht nach einer großen Sache für uns – ist es hier aber schon! Die CARE Mitarbeiter in den „Frauen und Mutterclubs“ sind Haitianerinnen, also Landsleute, die in ihrer Kultur tief verwurzelt sind und die auch ihre Problematiken kennen. Ich habe den Eindruck, dass es dadurch ein Erfolgsversprechendes Modell ist, die Menschen in Gruppen zur Selbsthilfe anzuleiten.

Eine Mutter erklärt ihrer Tochter, wie sie sich richtig die Hände wäscht. (Foto: CARE/Evelyn Hockstein)

Mutterclubs

Die ganzen ‚Clubs’, die sich hier organisch mit CARE’s Hilfe gebildet haben, bestechen dadurch, dass es die Menschen hier wieder selbstständig macht, dass sie sich selber informieren können und ihr Wissen auch weitergeben. Eususe – Mitarbeiterin von CARE ist mit uns hier und erklärt uns die verschiedenen Aktivitäten der Clubs. Rund 40 Mütter und Frauen in der Gemeinde, treffen sich einmal in der Woche und lernen, wie sie sich am besten versorgen können und wie sie sich und Ihre Kinder schützen können. Hier werden, wie schon erwähnt, Hygiene Maßnahmen erklärt, Kits verteilt, aber auch Aqua Tap um das Wasser zu reinigen.

Nicht dass Männer nicht eingeladen wären, es ist bloß so, sagt eine Frau lachend, das die Männer sich nicht so sehr dafür interessieren zu scheinen. Pro Familie wurde eine Latrine gebaut. Glücklicherweise haben diese ganzen Clubs dazu geführt, dass es zu fast keinen Cholera Fällen in der Region Léogâne kam. Das ist wirklich ein großer Erfolg, wenn man bedenkt, dass vor der Gründung dieser ganzen WASH-Programme die Menschen mit demselben Wasser gekocht und gewaschen haben.

Bei ihren wöchentlichen Treffen lernen die Frauen, wie sie sich am besten versorgen und schützen können. (Foto: CARE/Evelyn Hockstein)

Autofahrten und die Musik

Ich sitze vorne neben Khassim unserem Fahrer. Wir verstehen uns ohne große Worte. Mein Französisch ist ziemlich armselig und sein Englisch leider auch. Das heißt, wir reden mit Händen und Füssen. Ein bisschen Creole, ein bisschen Französisch und ein bisschen Englisch. Aber irgendwie geht es. Khassim hört Radio und glaubt mir, ich würde was um diese Radiosender geben in Deutschland. Hier läuft keine dämliche Werbung und kein anderer Blödsinn im Radio – nein hier läuft einzig und allein Musik!

Wir mögen dieselbe Musik und so erzählt er mir von den verschiedenen Musikstilen. Rara, Voodoo Musik, Reggea, Ragga Muffin und viele andere Musikzweige, die ich mir nicht alle merken konnte. Die Haitianer sind sehr stolz auf ihre Kultur. Musik ist eine universelle Sprache. Immer wieder wird ‚Haiti’ gesungen. Khassim erklärt mir, wovon gerade gesprochen wird und es scheint, als haben die Haitianer in der Musik die Möglichkeit zu verarbeiten, zu verstehen. Die Musik erzählt von den Armen, vom Volk. Sie ist die Stimme des Volkes. Sie ist reich und sie erzählt Geschichten. Die Haitianer tanzen viel, sagt Khassim und man hat die Möglichkeit ein bisschen ‚zu verschwinden’ aus dem Alltag.

 

 

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