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Aus den Ruinen -

Von Dr. Anton Markmiller

Haiti ist ein Land, das in die Knie gegangen ist. Das verheerende Erdbeben vom 12. Januar kurz vor 16.00 Uhr hat dem Land einen Schlag wie mit einer Machete in die Kniekehlen verpasst.

Der zerstörte Präsidentenpalast in Port-au-Prince – ein Symbol für den Zusammenbruch Haitis (Foto: CARE/Perera)

Das Beben war aber nicht explosionsartiger Ausbruch menschlicher Aggression, es ist geologisch leicht zu erklären. Eine Erdplatte schiebt sich unter eine andere, die tektonische Spannung entlädt sich durch gewaltige Beben, die Erde bäumt sich auf, die Wasser werden gerüttelt. Die Folgen sind über der Erdoberfläche zu sehen: zerstörte Gebäude, getötete Menschen, Verletzte, Flüchtlinge, Traumatisierte.

Auf Haiti hat die Katastrophe ein Land und eine Gesellschaft getroffen, die die schlechteste aller Ausgangspositionen zur Bewältigung einer solchen Situation hatten. Ein schwaches Gemeinwesen wurde nicht nur “erschüttert”, vielmehr wurde jegliche Staatlichkeit ausgelöscht. Getroffen wurden alle Bevölkerungsschichten. Eine Regierung im klassischen Sinne gibt es nicht mehr, die Äußerungen überlebender Politiker – einschließlich des Präsidenten – werden nur mehr als hilfloses Gestammel abgetan. Hilfeleistung und Sicherheit werden von außen gewährleistet, soweit dies in einem solcherart zerstörten Land überhaupt geht. Natürlich versuchen die Hilfsorganisationen, alle betroffenen Regionen zu erreichen. Aber bei mehr als 3,7 Millionen betroffenen Menschen bleibt es nicht aus, dass immer noch viele zu wenig Hilfe erhalten haben. Ich habe selbst bei einer Verteilung von Hilfsgütern in Carrefour erlebt, wie schnell Frustration entsteht, wenn der Vorrat von Wasserkanistern, Decken und Matratzen aufgebraucht ist und einige Menschen nichts mehr erhalten.

Ruinen mit Symbolcharakter
Ein Staat lebt auch von den Symbolen, die gewissermaßen den optisch wahrzunehmenden Ausdruck seiner Existenz darstellen. Auf Haiti sind das der Präsidentenpalast und die Kathedrale in Port-au-Prince. Die Bilder des zerstörten Palastes waren mit die ersten, die um die Welt gingen. Wie ein hilfloses Puppenhaus, dem ein zorniges Kind einen Schlag versetzt hat, steht er da, seltsam skurril verrenkt. Anders die Kathedrale, die sich im Stil der mittelalterlichen Kirchenruinen Europas mahnmalhaft aus dem Schutt erhebt.

Wie ein Mahnmal ragt die Kathedrale aus den Ruinen (Foto: CARE/Perera)

Aber vor dem Palast flattert auf hohem Mast die haitianische Fahne, bewacht von einem haitianischen Soldaten. Dessen Nervosität zeigt, dass er sich darüber bewusst ist, das einzige, was Haiti geblieben ist, zu schützen: Die Würde eines Volkes, dessen Geschichte in Blut geschrieben ist, wie ein gängiger Begriff lautet. Derweil nimmt der Gekreuzigte neben der Kirchenruine still das Leid auf sich, das sich um ihn herum ausbreitet und vermittelt Trost den Geschundenen und Überlebenden.

Eine Chance, die Haiti vielleicht so noch nie gehabt hat
Was ich hier an zwei Symbolen beschreibe, ist in den Straßen der zerstörten Städte und Dörfer hautnah zu erleben. Trauer und Aufbruch, Leid und Hoffnung verbinden sich zu einer Chance, die Haiti vielleicht so noch nie gehabt hat. Die internationale Solidarität tut ein Übriges. Ich habe Menschen erlebt, denen die Tränen in den Augen standen, wenn sie davon sprachen, dass sie hier Koreaner, Australier, Brasilianer, Srilanker, Europäer, Amerikaner und Äthiopier erleben, die alle nur eines im Sinn haben: Helfen. Aber sie muss dauerhaft sein, diese Hilfe. Haiti wird sehr lange akute Nothilfe brauchen und es bedarf sorgfältiger Überlegung, wie das Land wieder aufgebaut werden kann. Die Situation ist nach wie vor prekär, jederzeit kann die Enttäuschung der Menschen in Wut und Aggression umschlagen. Die hygienische Lage ist äußerst explosiv, die Regenzeit kommt, die Traumatisierung der Menschen ist eine gefährliche Zeitbombe. Wenn den Notunterkünften keine Übergangslösungen und anschließend stabile Neubauten folgen, werden die Menschen sich anderer Traditionen besinnen und alles wird im Chaos enden.

Haiti ist in die Knie gezwungen worden, doch es kann sich erheben, wenngleich auch nicht aus eigener Kraft. Wir müssen uns kümmern – we have to CARE. Die Kathedrale mahnt, die Flagge flattert.

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