Beirut-Explosion: Trauer um die Toten

Sechs Monate nach der schweren Explosion im Hafen von Beirut ist die Situation im Libanon weiterhin alarmierend. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze, ganze Stadtteile sind nach wie vor zerstört. Viele Menschen, wie Hayat Abou Chakra, sind traumatisiert.

Von CARE Libanon

Hayat Abou Chakra verlor bei der Explosion ihren Sohn Chady (Foto: CARE/ Milad Ayoub)

Hayat Abou Chakra verlor bei der Explosion ihren Sohn Chady (Foto: CARE/Milad Ayoub)

„Mit dem Geld, das ich erhalten habe, habe ich ein Grab auf dem Friedhof für meinen Sohn gekauft. Ich habe vorher noch nie darüber nachgedacht. Ich wusste auch nicht, dass es 5.000 US-Dollar kostet“, berichtet die 65-jährige Hayat Abou Chakra während sie an einem Marmorgrabstein steht, den sie für ihren Sohn Chady angefertigt hat. Er war 38 Jahre alt, als er bei der Explosion in Beirut am 4. August 2020 ums Leben kam.

Chady verließ das Haus fünf Minuten vor der Explosion. Er sagte: ‚Mama, ich gehe mit Freunden Kaffee trinken‘, und er starb in ihrem Haus, als das Gebäude einstürzte“, erzählt sie. „Ich habe ihn provisorisch auf einem der Friedhöfe der Stadt begraben. Jetzt ist das Familiengrab fertig. Ich werde seinen Leichnam in Kürze dorthin überführen“, fügt sie hinzu.

Hayat, eine große, dünne, blonde Frau, betreibt einen Parkplatz in der Nähe ihres alten Hauses; sie wurde von ihrer Familie unterstützt, unter anderem von ihrem Sohn Chady, der bei der Explosion ums Leben kam. Chady war taubstumm, aber trotzdem ein sehr kontaktfreudiger Mensch, der sich leicht mit Kunden anfreundete, auch wenn sie die Gebärdensprache nicht kannten. Er war ein Internet- und Social Media-Experte.

„Ich habe mit meiner Enkelin die Blumen auf dem Parkplatz gegossen, als es die erste Explosion gab. Ich sagte ihr, sie solle weglaufen und im Erdgeschoss der Kirche vor uns Schutz suchen. Ich bin ihr gefolgt. Wenn ich draußen geblieben wäre, wäre ich wahrscheinlich gestorben“, berichtet sie. Hayats Tochter, die zu Hause war, wurde von Glasscherben aus dem Fenster im Rücken getroffen. Hayat selbst wurde am Arm verletzt und ihr Körper war übersät mit Glasscherben.

Bei der Explosion kamen mehr als 200 Menschen um, 6.500 wurden verletzt und 300.000 verloren ihr Zuhause. Auch sechs Monate später leben die Menschen noch in Trümmern. (Foto: CARE/Milad Ayoub)

Bei der Explosion kamen mehr als 200 Menschen um, 6.500 wurden verletzt und 300.000 verloren ihr Zuhause. Auch sechs Monate später leben die Menschen noch in Trümmern. (Foto: CARE/Milad Ayoub)

„Ich habe mir einen Verband um den Arm gemacht und bin ins Krankenhaus gefahren, um behandelt zu werden. Ich habe den Krieg hier in Beirut miterlebt und hatte noch nie solche Szenen gesehen oder solche Gerüche in einem Krankenhaus gerochen. Ich kam nach Hause und rief immer wieder Chady an. Sein Handy klingelte, aber er ging nicht ran“, sagte sie und hielt inne. Sie fixierte und einen Punkt auf dem Boden, um sich Mut zu machen, weitermachen.

„Mein Sohn ist taub, er kann also nicht hören, wenn man ihn anruft und konnte deshalb nicht auf die Retter reagieren, um geortet zu werden. Er blieb unter den Trümmern und wurde 2 Tage nach der Explosion leblos aufgefunden. Ich verbrachte die Nacht vom 4. auf den 5. August an meinem Fenster, lauschte auf jedes Geräusch und wartete darauf, dass Chady zurückkam. Und dann, weil ich stark blutete, kam ein Freund meiner Kinder, um mich wieder ins Krankenhaus zu bringen. Heute ist mein rechter Arm fast gelähmt“, erzählt Hayat.

„Viele Leute, die ich nicht kannte, die aber Chady kannten, haben mir nach der Explosion finanziell geholfen“, sagt Hayat. „So konnte ich einen Platz auf dem Friedhof kaufen und das Haus reparieren, das durch die Explosion schwer beschädigt wurde.” In ihrem bescheidenen Haus zeigt sie auf Chadys Schlafzimmer und sagt, während ihr die Tränen über die Wangen laufen: „Schaut, seine Sachen sind noch da. Sogar heute trage ich noch seine Hose. Manchmal vergesse ich, was passiert ist und beginne, auf seine Rückkehr zu warten. Ich denke jeden einzelnen Moment des Tages an ihn. Wenn ich mit dem Kochen fertig bin, warte ich auf ihn. Wenn das Internet oder irgendein elektrisches Gerät ausfällt, sage ich mir, dass Chady es reparieren wird, wenn er zurückkommt.“

Hayat und ihre Familie haben immer in Beirut gelebt. Sie war nie wohlhabend, und nur dank des kleinen Parkplatzes, den sie betreibt, konnte sie ihre Familie versorgen. Nun ist der Parkplatz geschlossen wegen der Corona-Ausgangssperren. Seitdem ist Hayat, wie viele andere Menschen im Land auf Hilfe angewiesen.

In den letzten sechs Monaten konnten CARE-Teams über 43.000 Menschen helfen. (Foto: CARE Libanon)

In den letzten sechs Monaten konnten CARE-Teams über 43.000 Menschen helfen. (Foto: CARE Libanon)

CARE hilft Frauen wie Hayat und unterstützt sie beim Aufbau ihrer zerstörten Häuser oder Geschäfte und bietet ihnen darüber hinaus psychologische Hilfe an. Familien erhalten Lebensmittel, Hygiene-Pakete und ein sicheres Dach über dem Kopf. Doch die Coronapandemie hat die Krise im Libanon weiter verschärft. Viele Menschen, so wie Hayat, haben ihre Einkunftsmöglichkeiten verloren und damit ihre Chance, sich selbst zu helfen.

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