Beschnittener Körper, beschnittene Seele
Von Sandra Bulling
6. Februar: Tag gegen weibliche Genitalbeschneidung
Mein Treffen mit Hawa Ali aus Äthiopien – eine von 130 Millionen beschnittenen Frauen
Hawa und Fatuma Ali. Foto: Sandra Bulling |
„Wenn ich aufstehe habe ich Schmerzen, wenn ich arbeite habe ich Schmerzen, wenn ich ins Bett gehe habe ich Schmerzen.” Von diesem Alltag erzählt mir Hawa Ali. Damit lebt sie schon seit 25 Jahren und mir krampft der Magen zusammen, wenn ich nur versuche, ihr nachzuempfinden. Ja, wenn ich allein an die Praxis der Beschneidung denke, wird mir ganz anders. Ich befinde mich in Äthiopien, tief im Inneren des ostafrikanischen Landes. Ich besuche eines unserer Gesundheitsprojekte, welches die Dorfbewohner in der Region Awash über die Risiken der Genitalbeschneidung aufklärt. Hier lebt der Volksstamm der Afar, dem auch Hawa angehört. Aus dem Autofenster heraus sehe ich staubige Landstriche, durchzogen von ungelenkigen Dornensträuchern; ausgetrocknete Flussbetten neben und starrende Sonne über mir. Diese ungemütliche Tiefebene war vor drei Millionen Jahren Zeuge der menschlichen Evolution. Die Wiege der Menschheit. Heute durchziehen die Afar dieses Gebiet auf der ständigen Suche nach Wasser, richten ihr Leben nach Islam, Animismus und Fressrhythmus der Tiere aus.Auch ich lechze nach Wasser und Schatten. Irgendwann hört die Straße auf. Wir fahren querfeldein und mir ist völlig schleierhaft, woran der Fahrer sich orientiert um den Weg zu finden. Auf einmal lichten sich die dornigen Büsche und wir fahren über einen Flaum von Gras. Am Horizont sehe ich knorrige Holzhütten: das Dorf Doho.
Ein Leben voller Schmerzen
„Eine beschnittene Frau ist schwach. Sie kann nicht lange arbeiten und kann nur unter großem gesundheitlichem Risiko Kinder zur Welt bringen”, erklärt mir Hawa Folgen der weiblichen Genitalbeschneidung, die Religion und Tradition ihr aufgezwungen haben.
Als Angehörige der Afar ist sie mit fünf Jahren beschnitten worden. Täglich erinnern sie die Schmerzen an das Ritual ihrer Kindheit. Die Afar praktizieren seit Jahrhunderten die Infabulation, die brutalste Form der weiblichen Beschneidung. Sie hat sogar einen eigenen Berufszweig hervorgebracht: Die Beschneiderin. Diese hat meist eine schon mehrfach benutzte Rasierklinge bei sich, wenn sie von Dorf zu Dorf zieht und den vier- bis zwölfjährigen Mädchen alle Schamlippen sowie die Klitoris abschneidet. Anschließend näht sie die Vulva mit Dornen zu. Dann übergibt sie die „gereinigten” Töchter den Müttern. Von diesem Zeitpunkt an leben die Mädchen mit einem reiskorngroßen Loch, durch das Urin und Menstruationsblut austreten muss. Sie haben die Schwelle zum Frausein überschritten. Jetzt können sie einen Mann finden, der die winzige Öffnung in der Hochzeitsnacht wieder aufschneidet – und dadurch überzeugt ist, eine Jungfrau geheiratet zu haben.
Ich sitze mit den Dorfbewohnern im Kreis. Hawa erzählt völlig offen, die Männer hören zu und spielen mit ihren Ledersandalen im Staub. Vor einigen Jahren noch wäre das unvorstellbar gewesen. Doch seit CARE in der Region arbeitet und den Dialog über Traditionen und Beschneidung begonnen hat, hat sich ein Ventil geöffnet. Mann und Frau sprechen nun gemeinsam über gesundheitliche Probleme. Ich bin erstaunt über diese Offenheit. Und froh, dass sich langsam etwas ändert, dass Frauen nun eine Stimme haben.
Peinigung statt Reinigung
Ob Religion, Tradition oder sozialer Druck: In 26 afrikanischen Ländern bestimmt das Verlangen der Männer nach Jungfrauen den Körper der Frauen. Äthiopien ist in der Liste dieser Länder ganz oben zu finden, neben Eritrea und Djibouti. Laut der Weltgesundheitsorganisation sind derzeit etwa 130 Millionen Frauen weltweit beschnitten. Und ertragen lebenslange Schmerzen. „Nach der Infabulation werden die Beine der Mädchen zusammengebunden, und sie dürfen sich mehrere Wochen nicht bewegen, bis die Wunde verheilt ist”, beschreibt Hawa das Ritual. Und mir laufen schon wieder die Schauer durch den Körper. Doch auch wenn der Körper heilt, leidet die Seele weiter. Traumata, ausgelöst durch den Schock der Schmerzen während der Beschneidung, begleiten viele Frauen ihr Leben lang. Harnwegsinfektionen, Zysten und Abszesse sind übliche, langfristige Beschwerden. „Eine beschnittene Frau kann nicht arbeiten wie eine unbeschnittene Frau”, erzählt Hawa. In Doho sterben jährlich sieben bis acht Frauen bei der Geburt eines Kindes.
Glaube oder Irrglaube?
Doch was begründet die blutige Praxis? Warum führen die Afar diese jahrtausende alte Tradition fort? Der islamische Glaube ist hier die Antwort. Doch CARE-Mitarbeiter haben gemeinsam mit den religiösen Führen und den Dorfvorsitzenden den Koran studiert. Und folgendes herausgefunden: Keine einzige Passage des heiligen Buches schreibt die Beschneidung vor. Seitdem hat sich in Doho einiges in den Köpfen der Männer und Frauen verändert. Die Männer, die bislang weder in den Ablauf der Beschneidung eingeweiht noch über die Folgen informiert waren, setzen sich intensiv mit dem Thema auseinander. Die einflussreichen Imame kehren öffentlich von der Beschneidung ab und verurteilen sie.
„Wir wollen, dass unsere Töchter nicht mehr beschnitten werden”, erzählt mir Achmed Bara. Er ist Mitglied einer Gruppe, die die landwirtschaftliche Entwicklung des Dorfes vorantreiben will. „Wenn unsere Frauen nicht mehr beschnitten sind, können sie viel stärker mitarbeiten und unser Dorf entwickelt sich schneller.”
Hawa ist froh und lacht. „Meine Tochter wird nicht beschnitten. Sie geht zur Schule und ist genauso stark wie ein Junge”, erzählt die Mutter stolz. Ich denke mir, dass Bildung ein wichtiger Faktor, um Traditionen zu ändern. Vor allem, wenn es darum geht, die Stigmatisierung unbeschnittener Mädchen aufzubrechen. Dem stimmt auch der 15-jährige Hussein zu: „In meiner Schule sprechen wir nun auch über Beschneidung. Ich und meine Freunde werden unbeschnittene Frauen heiraten.” Auch seine jüngeren Schwestern möchte er vor der Beschneidung bewahren, jetzt, wo er weiß wie schmerzvoll die Prozedur ist.
Avantgardisten Äthiopiens
Noch sind nicht alle Dorfeinwohner überzeugt davon, sich gegen die Tradition zu stemmen und ihre Töchter unbeschnitten zu lassen. Auch die Beschneiderinnen fühlen sich ihrer Profession beraubt. CARE bietet deshalb Umschulungen zur Krankenschwester und modernen Aufklärerin an, die bei ihrer Visite in den Dörfern nicht mehr die Rasierklinge anwendet, sondern das Wissen um medizinische Komplikationen vermittelt. Hawa vertraut mir ihre Zukunftspläne an: „Meine Tochter wird unbeschnitten heiraten, wird arbeiten und selbst über ihren Körper entscheiden können.” Damit sich dieser Wandel auch in anderen Gegenden Äthiopiens und Afrikas vollzieht, ist jedoch noch viel Aufklärungsarbeit nötig. „Meine Tochter wird ihren Teil dazu beitragen”, ist Hawa überzeugt. Ich steige wieder in den Jeep und wir holpern über die staubige Ebene zurück zum CARE-Büro. Das Beschneidungsritual geht mit nicht aus dem Kopf, ich bin froh, nicht als Afar-Mädchen geboren zu sein. Doch ich glaube und hoffe, dass die Beschneidung bald ausstirbt, dass Hawas Tochter und Enkeltochter nur noch ungläubig den Kopf schütteln, wenn sie davon hören. So wie wir, wenn wir über die Hexenverbrennung im Mittelalter nachdenken.
Äthiopienprojekt und Kampagne „Nein zu Beschneidung von Mädchen“
Tags: Afrika, Äthiopien, Female Genital Mutilation, FGM Zero Tolerance day, Frauen, weibliche Genitalbeschneidung


16. August 2008 at 19:53
Your blog is interesting!
Keep up the good work!
23. August 2010 at 21:38
Es ist schlimm das das so vielen jungen Mädchen angetahn wird. Grausam allein die Vorstellung graust mir… Das ist ja auch noch nich alles, die Hochzeitsnacht wo der Mann wieder alles aufschneidet. Also es ist schlimm richtig schlimm. Das alles sieht und hört man aber richtig vorstellen kann man sich das nicht ( man will sich das auch gar nicht vorstellen). Wir leben hier in unserem feinem reichem Leben und in diesen Ländern werden die Mädchen gequält. Das zuzulassen ist ein Verbrechen.