Sri Lanka: Brücken schlagen mit Tanz & Theater

Ich bin das erste Mal in Sri Lanka. Nach jahrzehntelangem Bürgerkrieg gibt es in dem südostasiatischen Land noch immer großen Bedarf an Aussöhnungsarbeit. Deshalb unterstützt die Europäische Union ein CARE-Projekt zur Überwindung von scheinbar unlösbaren ethnischen und regionalen Differenzen zwischen verschiedenen Völkergruppen des Landes. Im Zentrum steht dabei die Macht der Kultur. Durch darstellende Kunst, wie Theater, Tanz, Film und Literatur, werden Menschen aus dem friedlichen Süden des Landes und Menschen aus den vom Bürgerkrieg betroffenen Gebieten im Norden und im Osten zusammengebracht.

Nach ein paar Tagen in der Hauptstadt reisen wir zunächst in den Osten des Landes, nach Batticaloa, wo wir uns eine sehr professionelle Tanzperformance anschauen. Die lokale Presse ist anwesend, und in der Halle sitzen etwa 900 Menschen. Ursprünglich war eine kleinere Aufführung geplant, aber die Nachfrage war so groß, dass auf eine weit größere Spielstätte ausgewichen werden musste. Begleitet von durchdringendem Trommelschlag führen uns die Tänzer durch die beeindruckende Tanzkunst des Südens.

Tanzkunst des Südes - eine Tanzperfomance in Batticaloa, Sri Lanka. (Foto: CARE/Male Thienken)

Tanzkunst des Südes – eine Tanzperfomance in Batticaloa, Sri Lanka. (Foto: CARE/Male Thienken)

Am nächsten Morgen kommen wir noch einmal kurz zur Spielstätte zurück und bekommen bei einem Auswahlworkshop einen Eindruck davon, wie schwer es sein muss, für die geplante Tanzperformance Jugendliche auszuwählen. Ziel ist es, insbesondere Jugendliche aus dem Osten mit der Tanzpraxis aus dem Süden vertraut zu machen. Die Zahl der Interessenten übersteigt die Erwartungen bei Weitem. In großen Gruppen werden unter Anleitung Yogaübungen ausgeführt und danach Vorauswahlen getroffen.

Wir fahren weiter und kommen am frühen Abend gerade noch rechtzeitig in Mannar an. Im äußersten Nordwesten des Landes besuchen wir die Forum Theater Gruppe. Hier sprechen die Menschen Tamil und ich verstehe nichts. Aber ich orientiere mich einfach an den Emotionen, die durch die Vorführung im Publikum hervorgerufen werden. Es geht um Probleme im Alltag, wie Gewalt in der Familie, Alkoholismus und fehlendes Schulgeld. Eine Frau aus dem Publikum meldet sich zu Wort und weint plötzlich bitterlich. Sie berichtet davon, wie ihr betrunkener Mann von den Familienmitgliedern behandelt wird. Dass er durch ihre ablehnende Haltung weiter in die Ecke gedrängt würde und er sein Trinkverhalten wahrscheinlich eher ändern würde, bekäme er Unterstützung. Ich bin bewegt und auch etwas besorgt. Als das Stück zum zweiten Mal aufgeführt wird, hat das Publikum die Möglichkeit einzugreifen. Sobald die Zuschauer das Gefühl haben, dass sie sich anders verhalten würden, können sie laut „Stopp“ rufen. Es meldet sich die Frau zu Wort, die zuvor geweint hatte. Sie tritt auf die Bühne und lenkt das Geschehen in eine andere Richtung. Dieser Schritt beruhigt mich. Ich bin erstaunt, wie mithilfe des Publikums Probleme konstruktiv angegangen und gelöst werden. Auch der Direktor der lokalen Schule schreitet ein. Er erklärt, was es für Möglichkeiten gibt, wenn das Schulgeld nicht rechtzeitig gezahlt werden kann.

Die Forum Theatergruppe in Mannar bringt Alltagsprobleme auf die Bühne und erarbeitet gemeinsam mit dem Publikum Lösungsvorschläge. (Foto: CARE/Thienken)

Die Forum Theatergruppe in Mannar bringt Alltagsprobleme auf die Bühne und erarbeitet gemeinsam mit dem Publikum Lösungsvorschläge. (Foto: CARE/Thienken)

Am nächsten Tag fahren wir weiter nach Jaffna, wo uns eine Volkskunst-Aufführung erwartet. Aber nicht nur das. Auf einmal werden wir auf die Bühne gebeten und geehrt. Plötzlich sind wir Teil einer Zeremonie. Hinter Trommelklang laufen wir gemeinsam mit Vertretern der verschiedenen Glaubensgruppen – Buddhisten, Hindus, Moslems und Christen – zur Spielstätte. Wir werden sogar einzeln namentlich aufgerufen, um eine Kerze zu entzünden. Es werden verschiedene Tanzstücke aufgeführt. Auch hier verstehe ich nicht alles. Aber ich weiß, dass die jungen Leute die Stücke selbst kreiert haben und die Geschichte Sri Lankas kreativ und kritisch aufarbeiten. Es geht vor allem darum, jungen Tamilen einen Raum zu geben, sich für ihre eigenen kulturellen Rechte einzusetzen und traditionelle Werte aufrechtzuerhalten.

Die Volkskunstaufführung in Jaffna ist eine interreligiöse Begegnungstätte für die Menschen vor Ort. (Foto: CARE/Thienken)

Die Volkskunstaufführung in Jaffna ist eine interreligiöse Begegnungstätte für die Menschen vor Ort. (Foto: CARE/Thienken)

Nach knapp einer Woche kehre ich in das CARE-Büro in Colombo, Sri Lankas Hauptstadt, zurück. Mittlerweile habe ich gelernt, wie landestypisch, eine gesamte Mahlzeit mit den Händen zu essen. Meine Kollegen sind sehr beeindruckt und auch ich bin ein wenig von mir selbst überrascht. An die Schärfe des Essens habe ich mich auch schon etwas gewöhnt, auch wenn ich meine Chillischoten bis zum nächsten Projektbesuch doch lieber noch unter den Anderen verteile.

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