
Katharina Nordhorn arbeitet für die Kommunikations- und Marketing-Abteilung von CARE DL. In den nächsten fünf Wochen unterstützt sie die CARE-Kollegen in Nepal. Außerdem wird sie eng mit der nepalesischen Partnerorganisation Shanti Griha zusammen arbeiten. Hier schildert sie Ihre Eindrücke aus Kathmandu.
Am Dienstag war in Nepal ein Feiertag:
der Tag der Demokratie
Es ist ein besonderer Tag, denn die Demokratie als Staatsform ist in Nepal nichts Selbstverständliches. Lange Zeit war Nepal eine Monarchie und wurde von unterschiedlichen Königshäusern geführt. Erst 1990 konnten Oppositionsbewegungen durchsetzen, dass Parteien in Nepal zugelassen wurden.

Der König musste die konstitutionelle Monarchie anerkennen. Nur sechs Jahre später aber begann der Kampf zwischen den Maoisten, die die Monarchie und die Regierung abschaffen wollten, und der Regierung selbst. Der Bürgerkrieg wurde von beiden Seiten äußerst grausam geführt. Schätzungen gehen davon aus, dass mehr als 14.000 Menschen umgekommen sind. Im November 2006 konnte endlich ein Waffenstillstandsvertrag geschlossen werden.
Ein gutes Jahr später beschloss die Übergangsregierung, an der auch die Maoisten beteiligt sind, dass Nepal ein demokratischer Staat und die Monarchie abgeschafft werden soll. Dies muss allerdings noch in der ersten Sitzung der verfassungsgebenden Versammlung bestätigt werden. Bereits zweimal wurden landesweite Wahlen für diese verfassungsgebende Versammlung ausgerufen – und zweimal aufgrund von Unruhen verschoben.
Nun sollen sie am 10. April 2008 stattfinden. Jetzt, sieben Wochen vor der Wahl, gibt es wieder vermehrt Ausschreitungen. Verstärkt wird diese unruhige Situation vor allem durch verschiedene Volksgruppen im Terai, im Süden Nepals, die mehr Selbstbestimmung fordern. Die Regierung versucht die Protestaktionen und Aufstände unter Kontrolle zu halten und ruft Ausgangssperren aus. Es werden vermehrt Stimmen laut, die bezweifeln, dass unter diesen Umständen die Wahlen im April überhaupt stattfinden können.
Die Situation heizt sich dadurch weiter auf, dass derzeit Benzin, Diesel und Gas unwahrscheinlich knapp sind. Es war bisher in Nepal nicht ungewöhnlich, dass es mal ein paar Tage kein Benzin gab. Jetzt sind es aber schon mehr als zehn Tage, in denen keines dieser wichtigen Güter zur Verfügung steht.

Die Auswirkungen sind inzwischen überall zu sehen: Es gibt nur noch wenige Autos und Motorräder auf den Straßen, dafür aber enorm lange Schlangen vor den Tankstellen. Vor der Tankstelle in der Nähe des Büros unserer Partnerorganisation „Shanti Griha” gibt es inzwischen für jede der sechs Zapfsäulen eine Schlange von über vier Kilometern.
Sie winden sich auf der einen Seite der Straße hinunter und auf der anderen Seite wieder hinauf. Die Menschen stehen stunden- bis tagelang an und wenn sie endlich an der Reihe sind, dürfen sie nur maximal zehn Liter pro Auto tanken. Die Polizei ist überall mit Schlagstöcken präsent und kontrolliert, dass sich niemand vordrängelt.
Lebensmittel werden teurer
Viele Schulen haben inzwischen geschlossen, da keine Schulbusse mehr fahren und die Schüler den Weg zur Schule nicht mehr zurücklegen können. Es gibt generell kaum noch öffentliche Busse. An den Bushaltestellen kommt es regelmäßig zu Streitigkeiten darum, wer in den Bus einsteigen darf – wenn dieser denn endlich kommt. Hinzu kommen stinkende Müllberge an fast jeder Straßenecke, was beweist, dass selbst die Müllabfuhr nicht mehr arbeiten kann.
Auch die Krankenhäuser müssen ihre Patienten frühzeitig entlassen und nehmen nur noch Notfälle auf. Familien und Restaurants geht das Gas zum Kochen aus. Auch kleinere Läden müssen schließen. Das Schlimmste jedoch ist, dass durch die Benzinknappheit auch die Lebensmittelpreise stark ansteigen. Die Menschen beginnen, sich mit Vorräten einzudecken. Die hohen Lebensmittelpreise treffen besonders die Ärmsten der Bevölkerung. Sie wissen bald nicht mehr, was sie essen sollen…
Die Stimmung in Nepal wird zusehends angespannter. Doch die Nepalis sind geduldig und ertragen die Einschränkungen in ihrem alltäglichen Leben. Ich wünsche ihnen, dass sie im nächsten Jahr den Tag der Demokratie unter besseren Umständen feiern können!