Clooneys Hochzeit und Nicoles Filmeabend

Im Flüchtlingscamp Dosseye nahe Gore feiern CARE-Mitarbeiter gemeinsam mit Anwohnern kürzlich errichtete Brunnen und Latrinen. (Foto: CARE/Sabine Wilke)

Im Flüchtlingscamp Dosseye nahe Gore feiern CARE-Mitarbeiter gemeinsam mit Anwohnern kürzlich errichtete Brunnen und Latrinen. (Foto: CARE/Sabine Wilke)

George Clooney hat an diesem Wochenende geheiratet. Ich sitze derweil 25 Kilometer von der Grenze zur Zentralafrikanischen Republik in der Kleinstadt Gore im Tschad. Es ist Sonntag, und ich nutze die Ruhe, um meine privaten Emails zu checken. Bei Yahoo kann man auf eine Fotogalerie klicken und alles über die Festlichkeiten in Venedig erfahren – die Kleider, das Essen, die prominenten Gäste, die Feier.

Wir haben an diesem Wochenende auch gefeiert. Im Flüchtlingscamp Dosseye nahe Gore begrüßten uns die Anwohner eines von CARE errichteten Brunnens mit lauter Musik und einer mitreißenden Choreographie. Das CARE-Team – Männer und Frauen – tanzte unter der sengenden Sonne spontan mit. Diesen Moment auf einem Foto festzuhalten, war nicht einfach. Überall wirbelten Menschen um uns herum, das Licht war gleißend und hart, die Tanzbewegungen schnell. Alle lachten und ich genoss den Moment und die mitreißende Energie meines Teams, das sich ohne Zögern zu den Tanzenden einreihte – vom Projektassistent bis zur Teamleiterin. Das Wasser-Komitee, selbstbewusste Männer und Frauen aus der Flüchtlingsgemeinde in Blaumännern, die den Brunnen sauber halten und über notwendige Reparaturen wachen, zeigte uns danach stolz seine Funktionsweise. An Wasser mangelt es den Flüchtlingen und Rückkehrern aus der Zentralafrikanischen Republik, die hier im Süden des Tschads Zuflucht gesucht haben, zum Glück nicht. CARE konnte mit Hilfe des Auswärtigen Amtes genug Brunnen und Latrinen errichten, damit die Menschen ihre Grundbedürfnisse stillen können. Ein besserer Grund zum Feiern fällt mir kaum ein…

Der Süden des Tschads hat ungefähr so viel gemeinsam mit Venedig wie ein Marsmännchen mit einer Tiefseequalle. Aber darum geht es hier nicht. Es ist schön, dass George Clooney geheiratet hat. Ich habe mich gerne durch die Fotogalerie geklickt. Ich finde es falsch, immer anzunehmen, dass solch vermeintlich „oberflächliches“ Entertainment keine Daseinsberechtigung hat, wo es doch überall auf der Welt so viel Leid gibt. Dass man sich schlecht fühlen muss, zu Hause, in Deutschland, wenn man nicht ständig an die vielen Millionen Menschen weltweit denkt, die auf der Flucht sind oder in chronischer Armut leben.

Häufig fragen mich Freunde nach der Rückkehr von einer solchen Dienstreise für CARE, wie Deutschland und unser Wohlstand dann auf mich wirken, ob ich nicht wütend werde angesichts all der Ungerechtigkeit. Ich finde es falsch, mit dem erhobenen Zeigefinger durch die Welt zu laufen. Eine Hochzeit ist ein Grund zur Freude. Berühmte Schauspieler sind Projektionsflächen für unsere Träume und versetzen uns für einen kurzen Moment in eine andere Welt. All das ist gut und wichtig. Und genauso, wie wir zu Hause Momente der Unterhaltung und der Träumerei brauchen, gilt das auch hier für die Nothelfer im Tschad.

Am Samstagabend organisierte Nicole, die Teamleiterin der CARE-Projekte, einen Kinoabend im Büro. Mit Beamer und Laptop, Chips und Cola. Wir saßen andächtig dort und schauten erst einen Tanzfilm, der in der New Yorker Bronx spielte. Und dann einen Hollywood-Streifen mit Jennifer Lopez im Kampf gegen eine psychotische Schwiegermutter. Rechts und links von mir saßen Kollegen, mit denen ich am selben Tag noch unterwegs in den Flüchtlingscamps war. Sie sind jeden Tag damit konfrontiert, dass Menschen, die alles verloren haben, von ihrer Hilfe abhängig sind. Sie arbeiten bis weit in den Abend hinein an der Beschaffung von Material, der Konzeption von Trainings, an Berichten für unsere Geldgeber und an der Buchhaltung. Aber trotzdem konnten wir am Samstagabend gemeinsam die Daumen drücken, dass die junge Tänzerin dem schmierigen Musikvideo-Regisseur nicht auf den Leim geht. Und über die kleinen Gemeinheiten der Braut lachen, die sie für ihre Schwiegermutter in spe parat hatte.

Ich wünsche George Clooney, dass er es mit seiner Schwiegermutter im echten Leben leichter hat. Und ich wünsche mir, bei Yahoo und anderswo in Zukunft hin und wieder auch Berichte darüber zu lesen, wie es den Flüchtlingen und Rückkehrern im Süden des Tschads heute geht. Ich begegne hier jeden Tag so viel Überlebenswillen, Engagement und Großzügigkeit. All das würde viel mehr als eine Fotogalerie alleine füllen. Aber die wäre ja schon einmal ein guter Anfang…

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