Corona im Irak – Ein Reisebericht

Erbil: Um kurz vor 3 Uhr morgens am Montag bin ich gelandet. Nach guten 20 Stunden mit einer FFP2 Maske und neun Stunden noch zusätzlichem Gesichtsschild ist es schon eine Erleichterung, im Freien wieder durchatmen zu können. Noch nie habe ich Flughäfen wie Frankfurt und Doha so menschenleer gesehen. Nur wenige Geschäfte sind offen. Eine seltsame Atmosphäre. Hallen, sonst von drängelndem Leben erfüllt, sind ruhig und verlassen.

Erbil Montagmorgen, Blick aus dem Hotelfenster: Novemberwetter, es ist grau und regnet. Wer diese Stadt in der brütenden Hitze des Sommers mit 40° C erlebt hat, kann sich diese winterliche Stimmung, die sich in keiner Weise von Deutschland unterscheidet, kaum vorstellen. Das erste Mal war ich hier im November 1991. Die Stadt ist gigantisch gewachsen. Nur noch wenige Punkte im Stadtzentrum erinnern an damals. Das Wetter ist unverändert.

Karl-Otto Zentel, Genreralsekretär von CARE Deutschland (rechts im Bild) bei einem Besuch im Irak 2017 (Foto: Emily Kinskey/CARE)

Karl-Otto Zentel, Genreralsekretär von CARE Deutschland (rechts im Bild) bei einem Besuch im Irak 2017 (Foto: Emily Kinskey/CARE)

Fahrt von Erbil nach Dohuk mit Maske im Wagen: Manchmal überrascht mich dieses Land. Mit einer unheimlichen Geschwindigkeit wird die Straße vierspurig ausgebaut. In einem Jahr kann der Bau schon fertig sein und eine moderne Anbindung ist entstanden, die den Warenverkehr aus und in die Türkei aufnimmt. Gleichzeitig auf Feldern: Zeltansammlungen mit offenbar vertriebenen Menschen, die sich vielleicht auf der Suche nach einer Arbeitsmöglichkeit im landwirtschaftlichen Bereich hier niedergelassen haben.

Ankunft im Büro: Hygienemaßnahmen, Masken und Desinfektionsmittel. 30 Minuten später ein virtuelles Treffen mit allen Kolleginnen und Kollegen. Virtuell, da die Bürobelegschaften in Sinjar, Mosul und Telafar unter Coronabedingungen nicht nach Dohuk kommen sollten. Viele von ihnen kennen mich noch nicht. Also stelle ich mich vor und erzähle, dass mein erster Auslandseinsatz 1991 in der Osttürkei nahe der Stadt Batman war. Dort bauten wir Feldlazarette und versorgten kurdische Flüchtlinge aus dem Irak, die im ersten Golfkrieg vor den Truppen des Regimes geflohen waren. Mein zweiter Einsatz war dann 1991 bis 1992 im Nordirak in der kurdischen Region. Ich erzähle von den engen Beziehungen zwischen Kurden und Deutschland.

Ich spreche unsere Arbeit an, die Auswirkungen von Corona auf die Geschäftsstelle in Deutschland; aber auch, dass wahrgenommen wird, unter welch zusätzlich erschwerten Bedingungen die Projektarbeit im Irak geleistet wird. Und ich drücke meine Anerkennung dafür aus. Es ist mir wichtig, das Team im Irak wissen zu lassen, dass sie – trotz tausender Kilometer Entfernung – ein Teil von CARE Deutschland sind. Die Verbindung ist nicht besonders gut und einige der Büros können ihre Fragen nicht einbringen. Wir vereinbaren Termine für weitere virtuelle Gespräche mit den einzelnen Büros, ich bin noch ein paar Tage hier.

Familienvater Ibrahim Ramadhan mit seinen Kindern. Ibrahim hat an einem CARE-Training für Mechaniker teilgenommen und kann jetzt durch seine Arbeit seine Familie viel besser versorgen. (Foto: Harikar/CARE)

Familienvater Ibrahim Ramadhan mit seinen Kindern. Ibrahim hat an einem CARE-Training für Mechaniker teilgenommen und kann jetzt mit dieser Arbeit seine Familie viel besser versorgen. (Foto: Harikar/CARE)

Nach diesem virtuellen Treffen kommt ein Mitarbeiter des Büros in Dohuk auf mich zu und sagt: „Danke, dass sie erzählt haben, dass sie bereits 1991 in der Nähe von Batman kurdische Flüchtlingen geholfen haben. Jetzt verstehen wir, dass sie bereits unseren Eltern und Großeltern geholfen haben. Vielen Dank dafür!“

Das lässt mich sprachlos zurück und macht nachdenklich. Ich habe gemischte Erinnerungen, denn vielen – gerade kleinen Kindern, für die die Strapazen der Flucht zu viel waren – konnten wir damals nicht helfen. Es fällt mir schwer, den Dank anzunehmen.

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