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Das Band der Menschlichkeit

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Freiheit ist das falsche Wort
Die Realitäten eines Flüchtlingslagers sind der Außenwelt schwer zu vermitteln. Viele Menschen denken, dass Dadaab ein eingezäuntes Gebiet ist, mit Zelten übersät und voller Menschen, die in Schlangen auf Hilfe warten. Manches davon trifft bis zu einem gewissen Grad zu. Aber Dadaab wächst nun schon seit über 20 Jahren und hat sich zu einer fast städtischen Siedlung mit riesigen Dimensionen entwickelt.

Die Erleichterung, mit der ganzen Familie wohlbehalten im Camp angekommen zu sein, ist dem Vater anzusehen. (Foto: CARE/Wilke)

Eigentlich besteht Dadaab aus drei Camps: Dagahaley, Ifo 1 und Haghadera. Mit dem Auto dauert es zehn bis 20 Minuten, um vom einen zum anderen Camp zu kommen. Die Camps sind nicht eingezäunt. Die Menschen sind also prinzipiell frei und können von einem Ort zum anderen und in die eigentliche Stadt von Dadaab gehen. Aber der Sand ist heiß und die Sonne brennt. Und die Flüchtlinge dürfen nach kenianischem Gesetz das Lager nicht verlassen und sich woanders niederlassen. Freiheit ist dafür also wohl nicht das richtige Wort. Zelte sieht man überall, aber manche Neuankömmlinge stecken einfach Stöcke in den Boden und hängen Lumpen darüber. Die, die hier schon seit Jahrzehnten leben, haben ihre Kinder hier erzogen, sind in Dadaab alt geworden und haben immer noch keine Aussicht darauf, in ihre Heimat zurückzukehren. Diese Familien haben feste Häuser aus Lehm oder Ziegeln gebaut, die eingezäunt sind. Als ich eines dieser Häuser betrete, erinnert es mich an andere Orte, die ich anderswo in Afrika schon mal gesehen habe. Kleider sind zum Trocknen aufgehängt, Kinder spielen im Hof und die Alten sitzen im Schatten eines Baumes beisammen.


Das Band der Menschlichkeit
Aber ob sie nun schon hier leben oder gerade erst angekommen sind: Jeder der etwa 400.000 Flüchtlinge in Dadaab ist auf Hilfe angewiesen, um seine Grundbedürfnisse zu befriedigen. Sie können nicht legal arbeiten oder die Camps verlassen und die sandige Erde und der Wassermangel machen es schwierig, Gemüse und andere Pflanzen zu ziehen. Dort kommen dann CARE, das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, das Welternährungsprogramm und andere Organisationen auf den Plan: Viele von uns sind seit Anfang an hier und es ist ermutigend, die gute Zusammenarbeit zu sehen. Ich denke dabei vor allem an Medienberichte, in denen die Konkurrenz um Spendengelder zwischen den Hilfsorganisationen kritisiert und gesagt wird, dass die Organisationen ihre Nothilfe nicht koordinieren. Aber jeder, der schon einmal in Dadaab war, versteht schnell, dass das humanitäre Mandat ein viel stärkeres Band ist, als jedes Gerede um Geld, Einfluss oder Popularität. Über 400.000 Flüchtlinge brauchen Unterstützung und es gibt genug für alle zu tun. CARE organisiert zweimal im Monat Lebensmittelverteilungen und gibt Nahrungsmittel und Haushaltsgegenstände an die neu Angekommenen aus; unsere Ingenieure warten und erweitern das Wasserversorgungssystem; Berater und Sozialarbeiter helfen den Flüchtlingen, vor allem Frauen und Kindern, Gewalt zu und Übergriffe zu verarbeiten und zu verhindern; Lehrer werden ausgebildet und Schulen gebaut.

Der Flüchtlingsstrom reißt nicht ab
Zurzeit ist jeder besorgt über den schlechten Zustand der ankommenden Familien. Sie sind erschöpft, unterernährt und traumatisiert: Wenn ich in die Gesichter der Frauen, Kinder und Männer im Aufnahmebereich schaue, kann ich mir nur vorstellen, was sie durchgemacht haben. Weil der Flüchtlingsstrom immer mehr zunimmt, warten momentan etwa 35.000 Menschen darauf, registriert zu werden. CARE verteilt Nahrungsmittel und andere Hilfsgüter an sie, aber sie können sich noch nicht dauerhaft niederlassen. Am Anfang sind vor allem Informationen wichtig: Viele Menschen, die hier ankommen, wissen schlichtweg nicht, dass das Essen und das Wasser umsonst sind, wo die nächste Klinik ist oder sogar, in welchem Teil des Landes sie sich befinden.

Es ist schwer zu sagen, wie die Helfer mit all dem Leid und Elend zurechtkommen, das sie hier im Lager jeden Tag sehen. Über die Jahre habe ich mit vielen Kollegen darüber gesprochen. Und obwohl es etwas sehr persönliches ist, fand ich, dass wir eine ähnliche Ansicht hatten: Bei unserer Arbeit können wir uns selten auf Einzelschicksale konzentrieren. Meistens muss es darum gehen, so viele Menschen wie möglich erreichen, Nahrungsmittel und Wasser an so viele Menschen wie möglich so schnell wie möglich zu verteilen, Informationen über Beratungsstellen und Unterstützung für Frauen, die Opfer sexuell motivierter Gewalt geworden sind, so schnell wie möglich zu verbreiten oder die Wasserversorgung am Laufen halten.

Lebensmittel und Hilfsgüter müssen schnell an die Flüchtlinge ausgegeben werden. (Foto: CARE/Wilke)


Es geht um jeden Einzelnen

Aber diese Hilfe würde nicht humanitäre Hilfe genannt werden, wenn es nicht auch immer um jede einzelne Person gehen würde. Und immer mal wieder kannst Du ein Gesicht in der Menge nicht ausblenden. Am Aufnahmezelt in Dagahaley sah ich einen jungen Vater. Er saß am Eingangsbereich mit seinen drei Kindern und seiner Frau. Ich kann nicht erklären, warum es gerade hier eine Verbindung gab. Aber sein Lächeln war so einladend und seine Erleichterung darüber, dass die ganze Familie hier sicher angekommen ist, spürbar und fast greifbar. Wir tauschten ein Lächeln aus.

Ich frage, ob ich ein Foto machen dürfte. Dann saß ich neben dem Tisch am Eingangsbereich und beobachte die Familie für einige Zeit. Dann wurde ich von etwas anderem abgelenkt. Als ich mich wieder umdrehte, war die Familie weg. Zurück, um wieder Teil der Masse zu werden. Aber ich weiß jetzt, dass sie Essen für 21 Tage haben, Wasser und Menschen, die ihnen helfen. Und das muss reichen, zumindest fürs Erste.

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