Türkei: Das Gesicht des Konfliktes

Eine Familie auf der Flucht, nahe der türkisch-syrischen Grenze, auf der Höhe der syrischen Stadt Kobane. (Foto: CARE/Chloe Day)

Eine Familie auf der Flucht, nahe der türkisch-syrischen Grenze, auf der Höhe der syrischen Stadt Kobane. (Foto: CARE/Chloe Day)

Am 16. September brach unvorstellbare Gewalt in der nordsyrischen Stadt Kobane aus – eine Stadt mit überwiegend kurdischer Bevölkerung, nahe der türkischen Grenze. Seitdem wird berichtet, dass mehr als 140.000 Menschen in die Türkei geflohen sind. CARE-Mitarbeiterin Danielle Spencer ist Teil des CARE-Nothilfeteams vor Ort und erzählt von ihren Eindrücken:

Vom Flüchtlingscamp aus kann ich einige Wohnungen in Kobane sehen. Weiße Häuser glänzen im Sonnenlicht, sie sehen so aus, als könnte ich sie berühren. Die Rauchwolken, die vor ein paar Tagen über der Stadt zu sehen waren, sind weggezogen. Jetzt sieht die Stadt friedlich aus – zumindest aus der Ferne. Frauen und Männer schauen über die türkisch-syrische Grenze hinüber zu ihren Häusern: hier zu sitzen, ist eine ständige Erinnerung daran, warum sie nicht mehr zurück in ihre Heimat kehren können. Das dröhnende Geräusch einer Explosion in der Nähe dringt zu uns, als die Frau neben mir auf dem Stuhl von ihrem Leben und dem Tod ihrer beiden Kinder erzählt.

Ein Mann belauscht uns, kommt zu uns rüber, und das Gespräch verändert sich. Plötzlich geht es um Politik – wie so oft hier. Die geopolitischen Probleme, die wir in den Fernsehnachrichten hören, gehören für die Menschen hier zur Realität. Sie leben und atmen die Schlagzeilen, die wir täglich lesen, hören und sehen. Die Augen des Mannes werden größer und es dauert nicht lange, bis er anfängt über seine Cousine zu sprechen. Sie wurde auf brutale Art und Weise getötet, an die Rückseite eines Autos gebunden und um die Stadt gezogen, als Warnung für alle anderen Einwohner.

Die Menschen haben Angst

Später, als ich in die Schule gehe, trifft mich die sengende Hitze der Sonne des Mittleren Ostens. Dann kommt der Geruch. Der saure, scharfe Geruch von Menschen, die sich tagelang nicht waschen konnten. Es ist der Geruch von Frauen, die ihre Kleider in der Toilettenschüssel waschen müssen, um zu verhindern, dass sich Infektionen ausbreiten. Sie waschen ihre Kleidung in Angst und sie zögern, wenn sie auf die Toilette gehen müssen, weil Männer vor den Latrinen stehen, um sich zu rasieren. Männer und Jungen berichten davon, dass sie Angst vor sexueller Gewalt gegen Frauen und Mädchen haben — bislang ist es noch nicht dazu gekommen — aber angesichts der Brutalität, vor der sie geflohen sind, ist ihre Angst leicht zu verstehen. Einige erzählen mir, mit Tränen in den Augen, dass ihre Kinder nicht schlafen können, dass ihre jungen Söhne und Töchter Alpträume haben, sie fürchten entführt zu werden oder dass ihre Mütter oder Schwestern vergewaltigt werden.

Viele flohen aus ihren Häusern wegen dieser Ängste, weil sie miterlebt haben, wie Gewalt aussieht. Sie erzählen mir Geschichten von Mädchen, die auf Märkten, im kurdischen Teilen des Iraks, verkauft werden und von ihren Ängsten, dass ihre Söhne entführt und danach nie wieder gesehen werden. Ein Mann sagte zu mir: „Wir mussten fliehen, bevor unsere Mädchen vor unseren Augen geschlachtet werden.“

Humanitäre Organisationen haben die Verantwortung, auf das Leid der Menschen zu reagieren. Frauen und Mädchen haben abscheuliche Taten sexueller Gewalt erlitten, während Männer und Jungen unerträgliche, körperliche Grausamkeit erfahren mussten. Ich war froh darüber, dass das CARE-Nothilfeteam eng mit anderen humanitären Organisationen zusammenarbeitet — weil keiner von uns allein auf diese Krise reagieren kann. Ich hoffe, dass wir auch in Zukunft gut zusammenarbeiten können, um sicherzustellen, dass die Flüchtlinge mit der Würde und dem Respekt behandelt werden, die sie verdienen und die psychosoziale Unterstützung erhalten, die sie nach traumatischen Erfahrungen dringend benötigen.

Menschen brauchen Unterkünfte, Nahrung und Wasser

CARE ist tief besorgt über den Zustrom von mehr als 140.000 syrischen Flüchtlingen, die die türkisch-syrische Grenze in den vergangenen Tagen überschritten haben. Dies ist eine große humanitäre Notlage, Zehntausende von Menschen benötigen dringend ein Dach über dem Kopf, Nahrung und Wasser. Die Flüchtlinge, die in den vergangenen Tagen aus Kobane gekommen sind, stoßen zu rund 850.000 registrierten syrischen Flüchtlingen, die seit dem Beginn der Syrienkrise Sicherheit in der Türkei gesucht  haben. Die türkische Regierung hat bereits ein großes Maß an Solidarität gegenüber den Flüchtlingen gezeigt, aber jetzt wird mehr Unterstützung von der internationalen Gemeinschaft benötigt, um der zunehmenden Not gerecht zu werden.

CARE plant neu angekommenen Flüchtlingen mit Lebensmitteln, Decken und Hygieneartikel zu helfen. Seit Beginn der Syrienkrise hat CARE mehr als eine halbe Million syrische Flüchtlinge in Jordanien, Libanon, Ägypten und Syrien unterstützt.

Syrische Flüchtlinge brauchen Ihre Hilfe! Bitte unterstützen Sie die Arbeit von CARE mit Ihrer Online-Spende.

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