Dead2Red – 22 Stunden und 23 Minuten durch die Wüste für Syrien

Überglücklich: Das CARE-Läuferteam hat den Dead2Red-Marathon in 22 Stunden und 23 Minuten bestritten und dankt allen Unterstützern.  (Foto: CARE/Wolfgang Gressmann)

Überglücklich: Das CARE-Läuferteam hat den Dead2Red-Marathon in 22 Stunden und 23 Minuten bestritten und dankt allen Unterstützern. (Foto: CARE/Wolfgang Gressmann)

Am 13. März, drei Jahre nach dem Beginn der Syrienkrise, nahm ein CARE-Team am Dead2Red-Marathon in Jordanien teil. Ihr Ziel: Aufmerksamkeit für das Leid von Millionen von Syrern schaffen und Spenden sammeln. Das CARE-Team bestand aus Nothelfern von CARE und fünf syrischen Flüchtlingen, die freiwillig in den städtischen Flüchtlingszentren in Jordanien arbeiten. Unser Team legte die 242 Kilometer vom Toten Meer zum Roten Meer in stolzen 22 Stunden und 23 Minuten zurück! Sie trotzten Sandstürmen, Erschöpfung und Dunkelheit und sammelten bisher rund 18.700 Euro für die Nothilfe von CARE für syrische Flüchtlinge.

 

CARE Dead2Red OmramOmram, 24, Anwalt und syrischer Flüchtling

3, 2, 1 … Los! Mein Herz raste und ich konnte kaum atmen. Ich rannte die ersten beiden Kilometer so schnell ich konnte. Während des Laufs hatten wir mit Sandstürmen, Regen und Schneeregen zu kämpfen. Aber die glücklichen Gesichter meiner Teamkollegen und ihr Jubel, wenn sie den Staffelstab weitergaben, haben meine Lebensgeister jedes Mal wieder angefeuert. Meine Entschlossenheit, diesen Marathon für Syrien zu laufen, war stärker als das schlechte Wetter. Ich sah die atemberaubende Landschaft um mich herum, die Berge, das Meer und die Wüste. Trotz all dieser Schönheit  kamen schreckliche Erinnerungen hoch. Ich dachte an meine Mutter, erinnerte mich daran, wie sie eine Kugel in den Kopf traf, als sie neben mir saß. Für ein paar Sekunden wurden meine Beine ganz kalt und ich musste langsamer werden. Traurigkeit überkam mich. Aber ich wollte stärker und schneller sein als die Kugel, die mir meine Mutter nahm. Und das war ich auch.

 

CARE Dead2Red OmarOmar, 27, Hochschulabsolvent in Architektur und syrischer Flüchtling

Es war eine sehr herausfordernde, aber wundervolle Erfahrung. Ich habe eine neue Familie gefunden. Ich habe gelernt, was alles möglich ist, wenn man füreinander da ist und als Team arbeitet. Seitdem wir diesen Lauf gemeinsam geschafft haben weiß ich, dass nichts im Leben unmöglich ist. Ich hoffe, dass der nächste Marathon in Syrien stattfinden kann. Ich bin definitiv bereit dafür!

 

CARE Dead2Red MaramMaram, 21, Studentin der Wirtschaftswissenschaften und syrischer Flüchtling

Ich dachte an all die Menschen, die ihr Leben verloren haben. Aber ich dachte auch an die Überlebenden. Ich wollte so schnell wie möglich laufen, damit ihre Leben gerettet werden können. Die große Unterstützung, die wir von allen bekamen, hat mich angetrieben. Ich habe mich gefühlt, als würden mir die Schatten tausender Menschen folgen und mich vor dem Regen, dem Wind und der Kälte beschützen.

 

CARE Dead2Red Eman KathibEman Kathib, 34, Mitarbeiterin von CARE Jordanien und Team-Betreuerin während des Marathons

22 Stunden und 23 Minuten – das ist unsere offizielle Laufzeit. Für eine Sekunde jedoch dachte ich, dass dieser Lauf nie enden wird. Als ich zum ersten Mal von der Idee hörte, war ich sehr gespannt und zögerte nicht, dem Team beizutreten. Wir Betreuer behielten die Uhr im Auge, bereiteten die Läufer auf ihre Etappe vor, gaben ihnen Wasser, Käse-Sandwiches und Früchte. Manchmal musste ich sie daran erinnern, etwas zu trinken, damit sie nicht ihre Kraft verlieren. Mitten in der Nacht fragte ich mich dann plötzlich: Was um alles in der Welt mache ich hier? Aber dann sah ich die Entschlossenheit in den Augen meiner Teamkollegen, ich hörte sie darüber reden, warum sie laufen. Ich dachte an die Menschen, die getötet wurden, an diejenigen, die ihre Familien und ihre Häuser verloren haben. Es war, als hätten uns die Seelen der Verstorbenen in der Wüste umgeben. Und dann überquerten wir endlich die Ziellinie! Wir konnten nicht glauben, dass wir es wirklich geschafft haben. Wir haben unser Ziel für Syrien erreicht und gezeigt, dass nichts unmöglichist.

 

CARE Dead2Red AmalAmal, 28, Lehrerin im Yarmouk Flüchtlingslager, Syrien

Es gibt einige Dinge im Leben, die ein ganz besonderer Teil unserer Erinnerungen werden. Dinge, die dazu bestimmt sind, nie vergessen zu werden und immer in unserem Herzen und unserer Seele präsent zu sein. Dinge, die heute genauso real sind wie an dem Tag, an dem sie tatsächlich passiert sind. Es war eine großartige Erfahrung, den Dead2Red-Marathon zu laufen! Es war so intensiv, so still und gleichzeitig so laut. Aus irgendeinem Grunde könnte man genauso gut weinen wie lächeln. Das Gehirn schaltet einfach ab. Man macht sich Gedanken über  das Tempo. Man macht sich Gedanken darüber, wie viele Meter man noch laufen muss. Wo ist der Van? Bin ich jetzt an der Reihe? Zu schnell, zu langsam, zu früh, zu spät. Und dann, ganz plötzlich, ist alles vorbei. Es ist schwierig, all das jemandem zu erklären, der nicht dabei war. Aber jedes Detail dieses Tages ist in meinem Gedächtnis verewigt. War es all den Schmerz und all die Anstrengung wert? Oh ja! Ich bereue keinen einzigen Schritt. Es war ein kleiner Preis, den ich für das Gefühl des Erfolgs, der Euphorie und der Belohnung zahlen musste. Jeder Kilometer des Trainings war es wert. Vom ersten Tag an wusste ich, dass ich an diesem Lauf teilnehmen würde. Ich wusste, dass ich es für Syrien und das syrische Volk tun würde. Das hat mich angetrieben. Ich habe jetzt eine neue, eine zweite Familie gefunden. Ich möchte unseren Unterstützern auf der ganzen Welt danken, ganz besonders Eman, Beatrix, Marams Mutter, Wolfgang und den Fahrern, ohne die wir es nie geschafft hätten. Und ich möchte auch Ali danken, der nicht aus dem Libanon nach Jordanien kommen konnte, um am Marathon teilzunehmen. Er kommt aus dem Flüchtlingscamp Yarmouk, genau wie ich. Er hat mich ermutigt, zu trainieren und uns alle in einer unvergesslichen Art und Weise unterstützt.

 

CARE Dead2Red SaifSaif, 27, CARE-Experte für psychosoziale Betreuung in Jordanien

Der Marathon war für mich ein wirklich unglaubliches Erlebnis. Am schwierigsten war es, den Glauben an meine körperlichen Fähigkeiten nicht zu verlieren und der Versuchung zu wiederstehen, den einfachen Weg zu wählen, aufzugeben und nach Hause zu fahren. Aber die Unterstützung, die unser Team aus der ganzen Welt von Menschen bekam, hat alles andere wettgemacht.  Während des Laufes gingen mir Millionen von Gedanken durch den Kopf. „Wirst du durchhalten? Was habe ich auf meiner To-Do-Liste? Wann muss der nächste Bericht fertig sein? Wie denkt meine Frau darüber, dass ich an dem Marathon teilnehme? Habe ich ihr zu viele Sorgen bereitet? Ich muss schneller rennen, viel schneller. Ich muss auf die Straße achten. War das eine Schlange? Ich wundere mich, warum wir noch keine Hyänen gesehen haben – sie sagten, dass uns sehr viele begegnen könnten. Wie wird die Ziellinie aussehen? Werde ich es schaffen?“ Und dann, nachdem die Sonne aufgegangen war, musste ich an die unerträglich qualvolle Reise denken, die syrische Flüchtlinge durchmachen müssen. Den Stress,  dem sie ausgesetzt sind, bis sie Jordanien erreichen und in Sicherheit sind, insbesondere bei der Überquerung der Grenzen. Jedes Mal, wenn das Team „Saif, du bist dran“ gerufen hat, habe ich daran gedacht, wie viele Kilometer Kinder, Alte, Schwangere und ganze Familien laufen müssen, um in Sicherheit zu sein. Im Vergleich dazu sind 24 Stunden nichts! Aber es hat mich sicher angetrieben.

 

CARE Dead2Red AlexandraAlexandra, 35, CARE-Mitarbeiterin aus dem Libanon

Ich sage nicht, dass es einfach war. Nach den ersten zehn Stunden konnte ich meine Beine kaum mehr bewegen. Aber als ich sah, wie alle Teamkollegen und unsere Unterstützer füreinander da waren, verflog die Müdigkeit und ich vergaß den Schmerz. Sie gaben mir die Kraft, weiterzumachen. Immer wenn jemand aus dem Team zu müde war oder zu starke Schmerzen hatte, sprang ein anderer für ihn ein. Keiner beschwerte sich oder ließ das Team im Stich. Außerdem  war die Unterstützung, die wir von unseren Familien, Freunden und dem CARE-Netzwerk erhielten, einfach überwältigend. Während ich durch die Wüste rannte, war ich so stolz, ein Teil des Teams zu sein. Ich wünschte mir nur, eher mit dem Training angefangen zu haben, um länger und schneller rennen zu können. In erster Linie hat mich der Marathon eines gelehrt: Wir sollten uns und unsere Fähigkeit, an unsere körperlichen und psychischen Grenzen zu gehen, niemals unterschätzen. Wenn immer ich in Zukunft denke, dass eine Sache unmöglich ist, werde ich mir die Bilder des Marathons anschauen und mich daran erinnern, dass wir alle in der Lage sind, gemeinsam Großes zu erreichen.

 

CARE Dead2Red Chris WynnChris Wynn, 29, CARE-Mitarbeiter aus Australien

Falls man Euch mal irgendwann einen Tag vor einem Marathon fragt, ob ihr dem Läuferteam beitreten wollt, weil ein Teammitglied ausgefallen ist, dann erkundigt Euch nach der Laufstrecke, bevor ihr „ja“ sagt. Als ich von Australien nach Jordanien kam, um unsere Nothilfe zu unterstützen, hörte ich von Dead2Red und sah mich an der Ziellinie anzufeuern. Ich hätte niemals gedacht, dass ich selbst als einer der Läufer enden würde. Für mich war es am schwierigsten, in den frühen Morgenstunden zwischen 1 und 3 Uhr zu laufen. Umgeben von Dunkelheit und mit einer Sichtweite von nicht mehr als ein paar Metern blieb mir nichts anderes übrig, als halb blind in den kalten Regen abzutauchen. Als die Sonne aufging, erhielt unser Teamgeist neuen Schwung: Wir konnten spüren, wie weit wir schon gekommen waren und welche Fortschritte wir machten. Lächeln löste den Anblick ausdrucksloser Erschöpfung ab. Letztendlich betäubte das Gefühl, den weiten Weg für Millionen von Syrern in Not zurückgelegt zu haben, jeden Schmerz unserer gepeinigten Muskeln.

 

CARE Dead2Red Johanna MitscherlichJohanna Mitscherlich, 28, CARE-Mitarbeiterin aus Deutschland

„Johanna, was hast du bloß mit mir gemacht, dass ich zugesagt habe? Wieso hast du mich da rein gezogen? Was machen wir, falls wir es nicht schaffen sollten?“ Ich habe diese Fragen in den letzten Wochen oft gehört. Und ja, auch ich habe mir diese Fragen gestellt. Als wir mit dem Training begannen, konnten einige von uns nicht mehr als einen halben Kilometer laufen, ohne fast zu kollabieren. Natürlich war ich besorgt. Aber diese Zweifel hätte ich niemals dem Team gegenüber geäußert. Und jetzt bin ich froh, dass ich es nicht getan habe. Manchmal sind wir mit neuen Situationen konfrontiert und müssen uns irgendwie arrangieren. Millionen von syrischen Flüchtlingen mussten Neuland betreten, unvorhersehbare Herausforderungen über Monate, über Jahre hinweg meistern. Im Vergleich dazu sind 24 Stunden laufen ein Kinderspiel. Als ich in der Wüste durch Sand und Dunkelheit rannte, dachte ich daran, wie schlimm es sich anfühlen muss, auf der Reise zu sein und nicht zu wissen, ob man jemals die Ziellinie erreichen wird. Nicht zu wissen, was dahinter kommt. Und zu fürchten, dass der Startpunkt der Reise nicht mehr existieren könnte, falls man es jemals wieder dorthin schafft. Ich dachte auch an all die Menschen, die unserem Team Emails geschrieben haben, uns bei Twitter gefolgt sind oder uns vor und sogar während des Laufs angerufen haben. Die Unterstützung war atemberaubend und es stand nicht zur Debatte, all diese Leute zu enttäuschen. Überraschenderweise ging meine Strategie, die Zweifel und Ängste zu ignorieren, auf: Wir haben einfach unser Bestes und es – mit der großartigen Unterstützung von Tausenden von Menschen – bis ins Ziel geschafft.

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