Dead2Red – „Für die Seele meiner Mutter“

Omram, 24, erst Jurist, heute Flüchtling. Er ist einer von zehn Läufern, die beim Dead2Red-Marathon 242km durch die Wüste Jordaniens rennen. Seine Motivation: "Ich laufe, weil ich mir wünsche, dass nicht noch mehr Söhne wie ich ihre Mütter durch Scharfschützen verlieren." (Foto: CARE/ Johanna Mitscherlich)

Omran, 24, erst Jurist, heute Flüchtling. Er ist einer von zehn Läufern, die beim Dead2Red-Marathon 242km durch die Wüste Jordaniens rennen. Seine Motivation: „Ich laufe, weil ich mir wünsche, dass nicht noch mehr Söhne wie ich ihre Mütter durch Scharfschützen verlieren.“ (Foto: CARE/ Johanna Mitscherlich)

Ich werde den 11. Dezember 2012 nie vergessen. Es war der Tag, an dem das Leben, so wie ich es kannte, aufhörte. Es war der Tag, an dem meine Mutter von einem Scharfschützen getötet wurde, der Tag, an dem meine Schwester ihr Baby verlor und der Tag, an dem mein Schwager verhaftet wurde. Wir waren auf dem Weg in das Krankenhaus von Damaskus, weil bei meiner Schwester die Wehen eingesetzt hatten. Ich weiß nicht, woher die Schüsse kamen, es passierte alles sehr schnell. Überall war Blut und wir konnten nichts mehr tun, um meine Mutter zu retten. Fünfzehn Minuten später starb sie. Wir eilten ins Krankenhaus, um wenigstens das kleine Baby im Bauch meiner Schwester zu retten. Doch sie stand unter Schock und das Herz ihres kleinen Kindes hörte auf zu schlagen, als es das Licht der Welt erblickte. In diese Weltwollte es nicht hineingeboren werden, dachte ich bei mir.

„Innerhalb von Sekunden wurde mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt

Bevor der Krieg in Syrien begann, hatte ich ein ganz normales, glückliches Leben als Student. Ich bin Absolvent der Rechtswissenschaften und machte meinen Master in „International Business“ an der Universität von Damaskus. Innerhalb von Sekunden wurde mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt. Ich war am Boden zerstört und weinte tagelang. Ich dachte ich könnte nie wieder Freude und Hoffnung empfinden. Aber am Tag der Beerdigung meiner Mutter änderte sich etwas. Hunderte Menschen kamen zu unserem Haus, um ihr die letzte Ehre zu erweisen. Meine Mutter war eine ganz besondere Frau. Sie unterrichtete die Armen in unserer Nachbarschaft in Mathematik und half ihnen, in schwierigen Zeiten wieder auf die Beine zu kommen. Sie unterstützte jeden, so gut sie konnte. Als ich sah, wie viele Menschen sie in ihrem viel zu kurzen Leben berührt hatte, hörte ich auf zu trauern. Ich entschloss mich, wieder glücklich und dankbar dafür zu sein, eine so starke Frau als Mutter zu haben. Anstatt zu weinen, entschloss ich mich dazu ihr Erbe anzutreten undandere Menschen zu unterstützen, wie sie es getan hatte.

„Ohne Hoffnung kann man nicht leben“

Deswegen habe ich in den letzten Monaten freiwillig im CARE-Flüchtlingszentrum in Amman gearbeitet. Jeden Tag treffe ich andere syrische Flüchtlinge und tue mein Bestes, um ihr Leid zu lindern. Die Arbeit beginnt um acht Uhr morgens und ich verlasse das Zentrum um 16 Uhr. Nachts arbeite ich in einem Fastfood-Restaurant, um Geld zu verdienen. Ich lebe hier in Jordanien zusammen mit zwei meiner Brüder. Wir teilen uns gemeinsam mit vier anderen jungen Männern, die hier in Jordanien ohne ihre Familien leben, ein Apartment. Wir sind jetzt eine eigene kleine Familie, die versucht diese schwierigen Zeiten zusammen zu überstehen. Mein Vater und meine ältere Schwester sind in Syrien geblieben. Ihr Ehemann ist noch immer inhaftiert und wir haben kein Lebenszeichen von ihm. Sie wollen das Land nicht ohne ihn verlassen. Nachdem sie ihr erstes Kind verloren hatte, brachte meine jüngere Schwester vor einem Monat ein kleines Mädchen zur Welt. Ihr Name lautet Delal, wie der meiner Mutter.

Wenn ich am 13. März, rund drei Jahre nach dem Ausbruch der Syrienkrise, vom Toten zum Roten Meer durch die Wüste Jordaniens laufe, dann werde ich keinen einzigen Schritt machen, ohne an meine Mutter zu denken. Ich werde für sie und für all die anderen laufen, die in diesem grausamen Krieg einen geliebten Menschen verloren haben. Ich werde laufen, damit die Trauernden ihren Schmerz in Stärke umwandeln. Ich werde laufen, damit wir wieder Hoffnung haben können. Denn ohne Hoffnung kann man nicht leben.

Wer Omran, Johanna und das ganze CARE-Team von Dead2Red unterstützen möchte, muss kein Marathon-Läufer sein: Ein Klick reicht!

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