Dead2Red – „Ihr seid nicht alleine“

Alexandra, 35, kommt Portugal und arbeitet für CARE im Libanon. Ihre Motivation: „Ich möchte meinen Teil dazu beitragen, damit die Welt die Not und das Leid der Menschen hier endlich wahrnimmt“. (Foto: CARE/ Johanna Mitscherlich)

Alexandra, 35, kommt Portugal und arbeitet für CARE im Libanon. Ihre Motivation: „Ich möchte meinen Teil dazu beitragen, damit die Welt die Not und das Leid der Menschen hier endlich wahrnimmt“. (Foto: CARE/ Johanna Mitscherlich)

Ich habe in den letzten zehn Jahren für mehrere Hilfsorganisationen in verschiedenen Ländern gearbeitet. Ich war in Kolumbien, Palästina, Äthiopien, Mexiko, im Sudan und im Südsudan und habe viele Menschen aufgrund von Naturkatastrophen und von Menschen verursachten Krisen leiden sehen. Ich habe hunderte Menschen in Listen eingetragen, Menschen, deren Häuser zerstört wurden, die Familienmitglieder verloren hatten und die gezwungen waren, ihre Existenz von Grund auf neu aufzubauen. Man kann Katastrophen nicht miteinander vergleichen, aber was ich seit meiner Arbeit im Syrienkonflikt erlebt habe, übertrifft jegliche Vorstellungskraft. In Syrien spielt sich eine humanitäre Katastrophe nie dagewesenen Ausmaßes ab. Dabei ist der Mangel an Spenden ebenso erschreckend wie der Mangel an Aufmerksamkeit für das Leid der syrischen Bevölkerung.

Mehr als zehn Millionen Menschen benötigen dringend humanitäre Hilfe. Sie mussten ihre Häuser verlassen und wurden entweder innerhalb Syriens vertrieben oder haben in Nachbarländern wie dem Libanon Zuflucht gesucht. Zehn Millionen Menschen – das ist in etwa so, als hätte die gesamte Bevölkerung meines Heimatlandes Portugal ihre Häuser verlassen müssen. Mir ist bewusst, dass diese Flüchtlingskrise und der syrische Bürgerkrieg für den Rest der Welt weit weg erscheinen. Aber wenn ich mit syrischen Müttern spreche, die nicht mehr als eine Mahlzeit am Tag essen um Geld für die Schulausbildung ihrer Kinder zu sparen, wenn ich mit Syrern spreche die ihre Familien verloren haben und an die Verzweiflung in den Augen der Flüchtlinge denke, dann wünsche ich mir nichts sehnlicher, als dass die schlimmste humanitäre Katastrophe unserer Zeit die Aufmerksamkeit und Zuwendung erfährt, die sie verdient.

„Das Land, so wie ich es kannte, war von Gewalt erschüttert und total zerstört“

Ich war zweimal in Syrien. Das erste Mal war ich im Jahr 2009 dort, als ich einen Freund in Damaskus besuchte, während ich im Libanon arbeitete. Ich erinnere mich noch daran wie überrascht ich von der damaligen Schönheit der Stadt war. Ich erinnere mich, wie ich herumspazierte und im bunten Treiben der Märkte verloren ging. Da es kurz vor Weihnachten war, kaufte ich unzählige Geschenke für meine Familie und Freunde: Hölzerne Kisten, farbenprächtige Tücher und wunderschönen Schmuck. Ich habe mich regelrecht in Damaskus verliebt. Wenn ich die Augen schließe und mich an die Tage erinnere, die ich dort verbracht habe, dann kann ich den Duft des alten Syriens immer noch riechen.

Zum Zeitpunkt meines zweiten Aufenthaltes in Syrien hatte der Bürgerkrieg bereits begonnen. Das Land, so wie ich es kannte, war von Gewalt erschüttert und total zerstört. Ich arbeitete für eine andere Hilfsorganisation und besuchte Feldlazarette, in denen Medizinstudenten und Zahnärzte versuchten, mit der wenigen Ausrüstung, die ihnen zur Verfügung stand, Leben zu retten. Um das Leben Anderer zu retten riskierten sie ihr eigenes. Ich sah kleine Kinder, deren Haut vor lauter Verletzungen nicht mehr zu sehen war, junge Mädchen mit Hepatitis und ohne Arme und Beine. Ich sah einen Mann, der im diabetischen Koma lag, weil er seit Wochen keine Insulinspritzen erhalten hatte. Mein eigener Vater hat Diabetes. Ich frage mich, was passiert ist, dass es so weit kommen konnte. Wie kann es sein, dass kleine Kinder bis zur Unkenntlichkeit verbrannt sind? Wie kann es sein, dass Menschen an einfach behandelbaren Krankheiten wie Diabetes sterben? Und vor allem: Was muss noch passieren, damit wir die Millionen von Menschen sowohl innerhalb als auch außerhalb Syriens endlich mit humanitärer Hilfe erreichen können? Eine junge Flüchtlingsmutter, mit der ich während der Verteilung von Hygienepaketen in der letzten Woche gesprochen hatte, erzählte mir  von ihrer Angst, dass die Welt Syrien vergisst und erst aufwacht, wenn alle Syrer entweder aus ihrer Heimat geflohen oder tot sind.

„Ich möchte ihnen zeigen, dass sie in dieser Krise nicht alleine sind“

Wenn ich vom Roten zum Toten Meer laufe, dann werde ich für diese junge Mutter und für Millionen andere Flüchtlinge laufen. Ich möchte ihnen zeigen, dass sie in dieser Krise nicht alleine sind und dass Organisationen wie CARE sie unterstützen. Aber ich lege diesen langen Weg auch zurück, damit der Rest der Welt dasselbe tut. Ich bitte, nein ich ermahne die Welt, der Syrienkrise endlich Aufmerksamkeit zu schenken und Hilfsorganisationen wie CARE dabei zu unterstützen, lebensrettende Hilfe zu leisten.

Wenn ich vom Roten zum Toten Meer laufe, dann werde ich an die Kinder denken, die ich im syrischen Feldlazarett gesehen habe. Ich werde daran denken, dass ich der entmutigten jungen Flüchtlingsmutter bei unserem nächsten Treffen berichten kann, wie unser Team 242 Kilometer durch die Wüste gelaufen ist. Und ich werde auch an das Gefühl denken, im bunten Treiben der Märkte von Damaskus verloren gegangen zu sein. Ich werde mich an das schöne Syrien vergangener Tage erinnern und an die großartigen Menschen, die ich dort getroffen habe. Wenn ich die Ziellinie erreiche, dann hoffe ich, dass wir dem Tag ein Stück näher gekommen sind, an dem Syrien wieder aufgebaut und ein neues, besseres Kapitel in seiner Geschichte eingeläutet werden kann.

Wer Alexandra, Johanna und das ganze CARE-Team von Dead2Red unterstützen möchte, muss kein Marathon-Läufer sein: Ein Klick reicht!

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