Dead2Red – Mit den besten Wünschen von Dadaab nach Syrien

Schülerinnen und Schüler in Dadaab sprechen über die Situation syrischer Flüchtlinge. Lehrerin Mary hält die wichtigsten Ergebnisse an der Tafel fest. (Foto: CARE/Sabine Wilke)

Schülerinnen und Schüler in Dadaab sprechen über die Situation syrischer Flüchtlinge. Lehrerin Mary hält die wichtigsten Ergebnisse an der Tafel fest. (Foto: CARE/Sabine Wilke)

Es sind vier Monate vergangen, seitdem Johanna Mitscherlich unser Büro in Bonn für einen Schreibtisch in Amman, Jordanien getauscht hat. Dort verantwortet sie unsere Öffentlichkeitsarbeit rund um die CARE-Nothilfe für syrische Flüchtlinge in der Region. Neulich erzählte Johanna mir über Skype, dass sie einen Marathon durch die Wüste laufen wolle. Ich lachte und nahm sie nicht ganz ernst. Das Team werde aus CARE-Kollegen aus Jordanien, dem Libanon und sogar freiwilligen syrischen Flüchtlingshelfern bestehen, erklärte sie. Ich horchte auf. „Wir wollen zum dritten Jahrestag des Konfliktes Aufmerksamkeit und Spenden für die syrische Flüchtlingskrise sammeln.“ Und plötzlich erschien mir dieser Wüstenlauf gar nicht mehr so komisch. Seit drei Jahren leidet Syrien unter Gewalt, seit drei Jahren steigt die Zahl der Menschen, die ihre Heimat fluchtartig verlassen müssen, die mit Nichts in den Nachbarländern stranden. Seit drei Jahren bemühen sich Hilfsorganisationen, das Ausmaß des menschlichen Leids zwischen allen politischen Schlagzeilen, die dieser Konflikt macht, an die Öffentlichkeit zu bringen. Damit kommen wir zu „Dead2Red“, einem 242-Kilometer-Lauf vom Toten Meer zum Roten Meer, der jährlich hunderte Marathon-Enthusiasten nach Jordanien bringt.

Anderer Kontinent, andere Krise

Es sind zweieinhalb Jahre vergangen, seitdem ich das letzte Mal in Dadaab war. Das größte Flüchtlingslager der Welt liegt im Nordosten Kenias und beherbergt fast 370.000 Menschen, die Mehrheit von ihnen aus Somalia. Sie fliehen seit 1991 hierhin, vor Gewalt, Krieg und immer wiederkehrenden Hungersnöten in ihrer Heimat. Während Syrien aktuell die größte humanitäre Krise der Welt ist, gehört Dadaab zu den ältesten und langwierigsten. Es ist kein einladender Ort zum Leben: Die Sonne knallt erbarmungslos auf die Zelte und Hütten, kaum ein Strauch hält den sandigen Wüstenwind auf, und für die Familien hier ist das Anstehen für Lebensmittel und die Abhängigkeit von Hilfe eine traurige Routine geworden. CARE arbeitet hier seit 23 Jahren.

Reshma, die im CARE-Büro in Nairobi arbeitet, hätte ich auch nicht für eine Marathonläuferin gehalten. Aber als sie von dem Wüstenlauf hörte, tauschte sie ihre Bürokleidung sofort gegen den Trainingsanzug und buchte ein Flugticket. Die junge Kenianerin war schon häufig in Dadaab und traf dort junge Flüchtlinge, schrieb ihre Geschichten auf, hörte ihre Wünsche. Und so kam sie auf eine Idee: Warum nicht eine Verbindung schaffen zwischen den jungen Menschen in Dadaab und ihren syrischen Schwestern und Brüdern, die auch fern der Heimat gestrandet sind? Was würden sie sich wohl zu sagen haben?

Lauftraining in Nairobi, Syrien auf dem Lehrplan in Dadaab

Und nun kommt Mary ins Spiel, die gute Seele des 200köpfigen CARE-Teams in Dadaab, die hier seit vier Jahren arbeitet. Ihre Mutter ist Lehrerin und hatte sich immer dasselbe für ihre Tochter gewünscht. Doch Mary hatte andere Pläne, so kam sie als humanitäre Helferin ins Flüchtlingscamp. Aber heute tritt sie doch in die Fußstapfen ihrer Mutter und betritt einen Raum in der Juba Schule in Dadaab, ausgestattet mit Internetrecherchen über Syrien und Fakten zu den Flüchtlingen aus einem Land in über 6.000 Kilometer Entfernung. Durch einen glücklichen Zufall fällt mein Besuch in Dadaab mit einem Filmteam auf die gleichen Tage, an denen Mary ihre Schulbesuche geplant hatte. Nun sitze ich also in der letzten Reihe, umgeben von Achtklässlern, die Lehrerin Mary an den Lippen hängen. „Wie viele von Euch kennen Syrien?“, fragt sie. „Ich war noch nie dort, aber ich habe von Syrien gehört. Dort herrscht Krieg“, sagt ein junger Mann in der ersten Reihe.

Zugegeben: Ich war zunächst skeptisch gegenüber dieser Idee. Warum sollten junge Somalis über einen fremden Konflikt nachdenken oder mit den Menschen mitfühlen, die so weit entfernt von ihnen leben? Würden sie sich nicht verständlicherweise lieber wünschen, die Welt blickte stärker auf Dadaab und ihre eigene Heimat Somalia? Doch ich hätte nicht falscher liegen können mit meiner Vermutung. „Was passiert, wenn in einem Land gekämpft wird?“, fragt Mary. Eine einfach zu beantwortende Frage für die Mädchen und Jungen, deren Heimat seit Jahrzehnten von Gewalt geprägt ist. Mary schreibt die wichtigsten Fakten des Syrien-Konflikts an die Tafel und achtet darauf, die Situation immer wieder in Bezug zu Dadaab zu stellen. Und was wollen die Mädchen und Jungen nun mit den Menschen in Syrien teilen? Mary notiert: „Seid dankbar für Bildung. Helft einander. Seid geduldig.”

Reshma wird Postbotin

Es sind kleine, bescheidene Worte der Aufmunterung von diesem unwirtlichen Ort, der selbst so viel Aufmunterung und Aufmerksamkeit nötig hat. Nun werden die Schüler aus Dadaab in den nächsten Tagen ihre Briefe schreiben, die Reshma dann im März mit nach Jordanien nimmt. Sie hat auch versprochen, nach dem Lauf zurück nach Dadaab zu kommen und den Schülern zu berichten, welche Botschaften die syrischen Mädchen und Jungen wiederum zurück nach Kenia bringen wollten.

Nach diesem Tag beschließe ich, nie wieder über meine Kolleginnen und ihre Ideen zu lachen. Manchmal ist das scheinbar Unmögliche eben doch machbar und es entstehen neue, ungeahnte Verbindungen. Aber ich kann immer noch nicht ganz glauben, dass Johanna wirklich einen Marathon rennen wird. Doch ich lasse mich gerne eines Besseren belehren – von ihr, von Reshma, dem gesamten CARE-Marathonteam und den jungen Männern und Frauen aus Somalia und aus Syrien.

Am Abend nach dem Schulunterricht zogen Mary und ich übrigens unsere Laufschuhe an und liefen eine Runde um den Wohntrakt der Hilfsorganisationen in Dadaab. Auch eine Art Mini-Marathon in der Wüste, dachte ich lächelnd. So schließen sich Kreise.

Wer Reshma, Johanna und das ganze CARE-Team von Dead2Red unterstützen möchte, muss kein Marathon-Läufer sein: Ein Klick reicht!

Einsatzorte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.