Dead2Red – Schritt für Schritt für unsichtbare Wunden

Saif, 27, ist CARE-Mitarbeiter in Jordanien. Seine Motivation: „Ich laufe, weil ich weiß, wie viel Menschen erreichen können, wenn sie ihre Kräfte bündeln um die Welt ein Stückchen besser zu machen.“ (Foto: CARE/ Wolfgang Gressmann)

Saif, 27, ist CARE-Mitarbeiter in Jordanien. Seine Motivation: „Ich laufe, weil ich weiß, wie viel Menschen erreichen können, wenn sie ihre Kräfte bündeln um die Welt ein Stückchen besser zu machen.“ (Foto: CARE/ Wolfgang Gressmann)

Während der letzten drei Jahre habe ich in Jordanien mit syrischen Flüchtlingen gearbeitet. Ich habe schnell gemerkt, dass sie nicht nur Unterkünfte, Nahrung, Wasser und medizinische Versorgung brauchen, sondern auch Heilung. Einigen der Flüchtlinge scheint es gut zu gehen. Sie haben eine sichere Bleibe gefunden und sie bekommen Unterstützung vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen und von Hilfsorganisationen wie CARE. Einigen gelingt es, Geld zu verdienen und ihre Kinder zur Schule zu schicken. Sie kämpfen ums Überleben, aber sie sind stark. Trotzdem liegt etwas in der Luft, etwas dass sie tagtäglich umgibt. Es ist der schwere Dunst von Traurigkeit, der die Sinne vernebeln kann. Mütter, Väter und Kinder sind besorgniserregend ruhig, fast emotionslos. Ich habe mit Kindern gesprochen, die nicht mehr lachen können. Ihre Augen scheinen auf einen Punkt in der Ferne fixiert zu sein, nur um etwas zu haben, an dem sie sich festhalten können. Der Krieg liegt hinter ihnen und sie sind jetzt in Sicherheit. Aber was sie gesehen haben, worunter sie gelitten und was sie verloren haben, das hat sich tief in ihr Gedächtnis eingebrannt. Diese Erinnerungen können wie ein heftiger Sturm über die Flüchtlinge herein brechen und all die grausamen Details von Vertreibung, Zerstörung und Leid aufwirbeln. Es sind Traumata, die man ihnen nicht ansehen kann. Ihre Wunden sind unsichtbar.

„Die Zeichnungen der Kinder verraten ihren Kummer“

Um diesen Kindern, Frauen und Männern bei der Bewältigung ihrer Erfahrungen mit Gewalt, Flucht und dem Verlust von Familie und Freunden zu helfen, hat CARE „Schutzräume“ in allen vier Flüchtlingszentren in Jordanien eingerichtet. Wir bieten verschiedene Maßnahmen für die Betroffenen an. Mütter können darüber sprechen, was es bedeutet, Kinder auf der Flucht großzuziehen. Väter können sich darüber austauschen, wie es sich anfühlt, nicht mehr für die eigene Familie sorgen zu können. Kinder haben die Möglichkeit, miteinander zu spielen und einfach wieder Kind zu sein.

Die Zeichnungen der Kinder verraten ihren Kummer. Sie zeigen Menschen, die gezwungen wurden ihre Häuser zu verlassen. Einige malen bunte Tränen oder Szenen aus dem Krieg. Wir möchten ihnen dabei helfen, einige dieser Erinnerungen aufzuarbeiten und ihnen dabei einen sicheren Raum bieten, um ihren Kummer zu teilen. Die Flüchtlingskinder sprechen kaum über das, was sie in Syrien erlebt haben. Aber an ihrem Verhalten merke ich, dass der Krieg tiefe Wunden bei ihnen hinterlassen hat. Oft sind sie sehr still und zurückhaltend. Ich liebe Kinder und es tut mir weh, sie verängstigt zu sehen. Wir spielen viel zusammen, machen Rätsel oder Puzzle mit ihnen. Es macht mich glücklich zu sehen, dass sie weniger verängstigt sind und wieder ein Lächeln auf dem Gesicht haben, wenn sie psychosoziale Hilfe erhalten haben.

„Gemeinsam ist alles möglich“

Ich lerne auch viel von den Kindern. Sie bringen mir bei, wie wichtig es ist, Teil einer starken Gemeinschaft zu sein, sich um andere Menschen zu kümmern und nie die Hoffnung und den Mut zu verlieren. Ich habe gelernt, dass diese Menschen trotz allem, was der Krieg ihnen genommen hat, nie ihre Würde und ihre Menschlichkeit verlieren. Obwohl ihre Häuser zerstört wurden und sie alles verloren haben, setzen sie den Bomben und Kugeln Freundschaft und Liebe entgegen.

Ich habe in den letzten Jahren für verschiedene Hilfsorganisationen mit somalischen, syrischen und auch jordanischen Flüchtlingen gearbeitet. Dabei suche ich stets nach Lösungen. In unseren Sitzungen entwickeln wir Techniken zur Problemlösung und Stressminderung. Wir geben den Flüchtlingen die Möglichkeit innezuhalten. Gemeinsam versuchen wir die Ursache ihres seelischen Schmerzes zu finden und ihn zu lindern. Wir können den Flüchtlingen nicht das zurückgeben, was ihnen genommen wurde. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir geduldig sein und den langen Weg der Genesung Schritt für Schritt zusammen gehen müssen.

Wenn sich der Ausbruch der Syrienkrise zum dritten Mal jährt, laufe ich beim Dead2Red-Marathon vom Roten zum Toten Meer, um die unsichtbaren Wunden der syrischen Flüchtlinge zu heilen. Ich möchte damit beweisen, dass selbst eine unendlich lang erscheinende Strecke von 242 Kilometer eine Ziellinie hat. Der Weg zurück zu einem Leben voll Freude ist sehr hart und anstrengend. Aber genau wie bei unserem Lauf durch die Wüste ist Schritt für Schritt und gemeinsam mit Menschen, die uns unterstützen, alles möglich!

Wer Saif, Johanna und das ganze CARE-Team von Dead2Red unterstützen möchte, muss kein Marathon-Läufer sein: Ein Klick reicht!

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