Dem Terror entflohen – Niaams Geschichte

Niaam ist eine Binnenvertriebene im Nordirak. Seit ihre Söhne bei Angriffen auf ihr Dorf verletzt wurden, muss sie noch mehr hungrige Kinder und Enkelkinder versorgen.

Von Nizhan Ramadhan

Ich traf Niaam im Mamraschan Camp für Binnenvertriebene im Nordirak. Auf ihrem müden Gesicht hatten die Jahre des Elends ihre Spuren hinterlassen, die vielen Falten ließen sie wie eine alte Frau erscheinen. Es war schwer zu sagen, ob die Tränen in ihren Augen von ihrem ständigen Leid oder den wenigen Momenten der Hoffnung in ihrem Leben zeugten.

Niaam ist eigentlich nicht älter als Anfang 50, aber das harte Leben hat seinen Tribut gefordert – sie leidet unter den typischen chronischen Krankheiten, die von Stress, Armut und mehrfachen Schwangerschaften ausgelöst wurden: Diabetes, Hyperthyreose, Bluthochdruck, Rheuma und Depressionen. Und ohne die Medikamente, mit denen sie die Krankheiten behandeln könnte, ist ihr Leid nur schlimmer geworden.

Niaam kümmert sich um eine große Familie, seit sie vor Gewalt im Nordirak fliehen mussten.

Niaam (in weißem Kleid und schwarzem Pullover) und ihre Familie im Mamrashan Flüchtlingscamp. (Foto: Nizhan Z. Ramadhan/CARE)

Niaam ist für eine große Familie verantwortlich: Sie hat 25 Kinder und Enkelkinder. Ihre beiden ältesten Söhne, Qaso und Misko, die jeweils drei eigene Kinder haben, wurden 2014 bei einem Angriff auf ihr Dorf in Sindschar schwer verletzt und leiden noch heute unter den Folgen. Nach diesem Ereignis sitzen sechs weitere hungrige Kinder um den Tisch von Niaam – einen Tisch, auf dem schon zuvor kaum Essen stand.

Wenn Niaam von ihrem früheren Leben erzählt, schimmert Hoffnung in ihren Augen: „In meinem Dorf Qabael hatte ich ein Haus, einen großen Garten, Schafe, Ziegen, Gänse, nette Nachbarn und eine glückliche Familie.“ Aber schon bald begann das Elend: Am 3. August 2014 „ist alles plötzlich passiert“, erinnert sie sich. „Unser Dorf wurde angegriffen. Mein Mann hatte Angst vor den Kämpfern, die die Mädchen aus dem Dorf vergewaltigten und die Männer töteten, und so ließen wir alles zurück. Um Mitternacht versammelten wir unsere Kinder und Enkelkinder und flohen, ohne auch nur einen einzigen Tropfen Wasser mitzunehmen. Wir liefen nachts über die Berge, am Morgen unter der brennenden Sonne, versteckten uns unter Klippen und in Höhlen und legten unsere Hände auf die Münder der kleinen Kinder und Babys, wenn sie vor Hunger, Durst oder Angst anfingen zu weinen.

Nach zwei Tagen erreichten wir eine – zumindest vor den Angreifern – sichere Gegend. Während dieser langen schrecklichen Reise verlor ich meinen Ehemann. Meinem ältesten Sohn Qaso wurde in den Rücken geschossen und sein jüngerer Bruder trug ihn den ganzen Weg hierher, weshalb sein Bein amputiert werden musste. Er kann nicht mehr für seine drei Kinder sorgen, um die ich mich nun neben meinen eigenen zehn Kindern kümmern muss; er braucht täglich Pflege und Medikamente, die wir uns nicht leisten können. Misko, meinem anderen Sohn, wurde ebenfalls ins Bein geschossen, und obwohl die Ärzte es retten konnten, brauchte er ein Platinimplantat und kann jetzt nicht mehr arbeiten. Seine drei Kinder gehören nun auch zu meiner Familie.

Niaam hat 25 Kinder und Enkelkinder. Sie muss sich im Flüchtlingscamp um alle kümmern.

Valentin (10), Dilman (2) und Nadia (6) sind drei von Niaams Enkelkindern. (Foto: Nizhan Z. Ramadhan/CARE)

Hier im Camp, in unserem Zelt, sind wir vor den Angreifern sicher. Das Zelt gibt uns Sicherheit; es schützt uns vor dem Regen, aber nicht vor der Kälte; es schützt uns vor der Sonne, aber nicht vor der Hitze; es hat ein gutes Dach, aber Insekten und Nagetiere finden immer den Weg zu unseren Kindern.“

Die Kinder mussten oft hungrig ins Bett gehen. Manchmal wachten sie nachts auf und sagten, dass ihre Bäuche schmerzten. Ich kannte den Grund immer, aber ich konnte es ihnen nie sagen. Wasser haben wir genug bekommen, und wir haben nie nach der Quelle gefragt. Wir brauchten nur Wasser, um unseren Durst an langen, heißen Tagen zu stillen.“

„Als wir hier ankamen“, sagt Niaam, „fingen wir sofort an, nach Jobs zu suchen. Aber es gibt keine Arbeit. Alle meine Kinder, die älter als zehn Jahre waren, suchten nach Jobs. Aber sieh dich um. In diesem Lager gibt es 2.000 Familien, die dem gleichen Elend ausgesetzt sind. Einigen von ihnen geht es noch schlechter als meiner Familie, und alle von ihnen suchen nach Jobs, um ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen, um ihre Kinder zu ernähren. Wir sind alle bereit zu arbeiten, egal zu welchen Bedingungen, aber die Arbeitsplätze sind begrenzt.“

Einer von Niaams Söhnen, Khalil, wurde von CARE angestellt. Er versorgt das Flüchtlingslager mit Trinkwasser. „Am Ende jedes Monats kommt Khalil zu mir und sagt: ‚Mama, füttere zuerst die Kinder. Kauf Medikamente für meinen Bruder und behalte den Rest, falls die Kinder krank werden.‘

Bewar und Alo sind zwei weitere von Niaams Enkelkindern.

Bewar (4) und Alo (9) vor der Unterkunft der Familie im Flüchtlingscamp. (Foto: Nizhan Z. Ramadhan/CARE)

Eine Träne glitzert in Niaams Augen, als sie ihre Geschichte fortsetzt. „Mein Sohn kümmert sich um alle 25 Mitglieder dieser Familie“, sagt sie. „Khalil ist stolz darauf, arbeiten zu können, und wir sind alle sehr stolz auf ihn. Zumindest haben wir etwas, das uns einen Hoffnungsschimmer gibt.

Faiza, Niaams 20-jährige Tochter, hat mit Unterstützung von CARE begonnen, ein Praktikum zu machen. Sie lernt den Beruf des Klempners kennen. Zum ersten Mal seit sie gezwungen wurde, die Schule zu verlassen und mit ihrer Familie zu fliehen, verspürt die junge Frau ein Gefühl der Hoffnung: „Ich musste die Schule abbrechen, aber ich habe trotzdem einen Job gefunden“, sagt sie stolz. „Und am wichtigsten: Ich habe jetzt die Mittel, um zu überleben.

Im Flüchtlingscamp erhält Niaams Familie Unterstützung von CARE.

Niaam (links) mit ihrer jüngsten, sechs Monate alten Enkelin und CARE-Helferin Nizhan Ramadhan. (Foto: CARE)

Wasser, sanitäre Einrichtungen und Hygiene bleiben im Nordirak häufig unerfüllte Bedürfnisse. Laut dem Irak-Plan für humanitäre Hilfe 2016 benötigen 6,6 Millionen Menschen im Land auf diesem Sektor Unterstützung; davon sind 1,8 Millionen Binnenvertriebene und 2,7 Millionen Menschen aus den Gastgemeinden. Der Mangel an sicheren Wasser-, Sanitär- und Abfallentsorgungssystemen stellt vor allem in den Sommermonaten ein ernsthaftes Gesundheitsrisiko dar. Durchfallerkrankungen wie Cholera können sich dann besonders schnell ausbreiten. CARE unterstützt Binnenvertriebene und ihre Gastgemeinden in den Gouvernements Dohuk und Ninewa mit Trinkwasser und Hygieneartikeln, wo Familien wie die von Niaam um ihr tägliches Überleben kämpfen.

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