Der grüne Scheich

Mangrovenwald auf Pemba (Foto: CARE/Bulling)

Scheich Mohammed Suleiman Tiwany ist ein beeindruckender Mann. Mit seinem weißen, langen Gewand, seinem krausen Bart und seinem stolzen Gang scheint er aus einer anderen Welt zu kommen.

Vor unserem Treffen überlege ich, ob ich den Hijab, das Kopftuch tragen soll. Jede Frau in Pemba verschleiert ihre Haare, meist mit gemusterten, farbenschreienden Tüchern. Auch die Schuluniformen für Mädchen bestehen aus Hijab und langem Rock. Zwar wird die Verhüllung nicht von Ausländern verlangt, ich entscheide mich dennoch dafür.

Scheich Mohammed empfängt uns in seinem Büro des „Sansibar Children Fund“. Er ist der Vorsitzende dieser Organisation, die sich für Waisenkinder einsetzt. Doch nicht nur das. Scheich Mohammed klärt über AIDS auf und ist der erste „grüne“ Scheich Pembas, wenn nicht gar ganz Ostafrikas. Als er nach sieben Jahres Studium des islamischen Rechts im Oman in seine Heimat Pemba zurückkehrte, schaute er mit anderen Augen auf die Armut. „Der Großmufti im Oman hat mir sehr imponiert. Denn er hat den Koran im Sinne von Entwicklung und Umwelt ausgelegt“, sagt der Scheich. Was er damit meint: Die Suren des Korans und die Hadithen, die wörtlichen Übertragungen des Propheten Mohammed, sind nur mit Interpretationen zu verstehen. „Man kann im Islam vieles diskutieren. Doch eines ist klar, Naturschutz ist im Sinne Allahs und wir müssen uns daran halten.“

Der Koran lehrt Naturschutz

Scheich Mohammed erklärt uns einige der Suren, die sich auf die Natur beziehen. Der Prophet sagt zum Beispiel, dass jeder, der einen Baum pflanze und darauf achte, bis dieser ausgewachsen ist und Früchte abgibt, belohnt werde. Die Menschen in seiner Gemeinde halten sich an die Anweisungen des Scheichs, der auch das Amt des Imam der Al-Khalil Moschee in Chake Chake innehat. „Es gab vor einigen Jahren ein Fischverbot für die Insel Misali, ausgerufen von der Regierung. Niemand hielt sich daran“, erklärt der Scheich. „Erst als ich meiner Gemeinde erklärte, dass es eine Sünde sei, die Natur zu berauben, stoppten die Fischer.“ Scheich Mohammed hat eine klare Forderung, auch an die internationalen Organisationen. „Der Umweltschutz und der Kampf gegen die Armut kann in einem muslimischen Land nur mit islamischer Ethik erfolgreich sein. Wir sind eine offene, friedliche Religion und sehr nach Harmonie bestrebt. Die internationalen Organisationen sollten uns mehr vertrauen, denn auch wir wollen unser Land weiterentwickeln.“ Mit diesen offenen und klaren Worten verabschiedet uns der Scheich, aber nicht ohne uns vorher noch eine Schale süßen Ingwer-Nuss-Gelees anzubieten. Wir greifen herzhaft zu. Er ist überrascht und begeistert, dass ich den Hijab trage.

Zentimeterarbeit beim Pflanzen von Mangrovenbäumen (Foto: CARE/Bulling)

Am Nachmittag setzen wir die Worte des Scheichs in die Tat um und pflanzen im Dorf Chansaani ein paar Mangroven. Bei diesen „Wasserbäumen“ mit den langen, bei Ebbe freistehenden Wurzeln wachsen dünne Samen-Stäbchen an den Ästen. Unten sind diese Stäbchen leicht angespitzt, man braucht sie nur zu pflücken und im Abstand von 80 Zentimetern voneinander in den Schlamm stecken. So pflanzen wir fleißig fast ein kleines Wäldchen. Allah wird zufrieden sein mit uns.

Durch den Schlamm zur Bienenzucht

Mitten im schlammigen Untergrund sagt mir mein Kollege Mbarouk, ich solle die Schuhe ausziehen. Er will mir Bienenkästen zeigen, die die Bewohner Chansaanis gebaut haben. Leicht geschockt gehorche ich und wir staksen immer tiefer durch Schlamm. Dabei scheuche ich dicke, schwarze Krabben vor mir her.

Tief im Schlamm: CARE-Mitarbeiterin Sandra Bulling (Foto: CARE)

Gedanken um Bilharziose und den Guineawurm kommen mir in den Sinn, die ich schnell verscheuche. Schon sind wir an den Bienenkörben angelangt, die weit oben in den Mangroven hängen. Ich bin überrascht, dass es so etwas wie Mangrovenhonig überhaupt gibt. Mbarouk sagt, er schmecke leicht bitter, aber dennoch sehr gut. Und hier in den Mangroven gebe es keine Ameisen, die die Bienen vertreiben. Mit dem Honig verdienen die Dorfbewohner ein kleines Einkommen. Leider sind alle Vorräte verkauft, ich hätte den ungewöhnlichen Honig gerne probiert.

Während wir zurück durch den Mangrovenschlamm stapfen, erinnere ich mich an die Worte des Scheichs Mohammed. Es sei eine Sünde, gegen die Geschöpfe Allahs zu handeln. Er sehe es als seine Pflicht an, die Natur zu schützen und seine Gemeindemitglieder dazu anzuspornen, ähnlich zu handeln. Im letzten Jahr haben alle religiösen Führer Pembas eine Deklaration zum Umweltschutz unterzeichnet. Was als einsamer Kampf Scheich Mohammeds begann, trägt nun Früchte. Eine wahrhaft grüne Bewegung.

Einsatzorte

Ein Gedanke zu “Der grüne Scheich

  1. Wir Westeuropäer sollten uns mal ein Beispiel daran nehmen und ein bisschen mehr über unser Handeln und dessen Folgen nachdenken. Es ist teilweise krank was wir alles zerstören. Ich finde diesen Artikel klasse. Leider hat er mich wieder an die Ungerechtigkeit auf diesem Planeten erinnert. Wenn wir alles gerecht aufteilen würden, hätte jeder genug zum leben. Leider macht das keiner… Schade eigentlich

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