Der Winkel der Seelen

Erklärungen retten Leben. Eine Geburtshelferin in Ayacucho, Peru. (Foto: CARE/Mitscherlich)

Viele glauben, dass der Name der Provinz Ayacucho im Süden Perus auf Quechua ursprünglich  „rincón de los muertos“, der „Winkel der Toten“ bedeutet. Während wir 570 Kilometer von Lima über die Anden fliegen, muss ich an die Geschichte von Antonia denken, und wie sehr dieser Ausdruck für sie Realität wurde.

Nur wenige hundert Meter unter uns erstreckt sich die atemberaubende Landschaft der Anden. Mit ihren weiten Kratern, die sich durch endlose Hügellandschaften ziehen, dunklen Ebenen und Tälern erinnert sie mich an Aufnahmen des Mondes aus dem Fernsehen – nur ohne gehisste Flagge und Astronauten.

Kleine Straßen schlängeln sich wie Bindfäden durch die längste Gebirgskette der Erde, hin und wieder sehe ich kleine Dorfansammlungen in tiefen Schluchten und vereinzelte Häuschen mit Wellblechdächern an den steilen Berghängen. In einem solchen Häuschen hat auch Antonia gelebt, stundenlange Fußmärsche entfernt von der nächsten Gesundheitsstation, ohne eine Verbindung zur Außenwelt. Als Antonias Plazenta nach der Geburt eines kleinen Sohnes nicht abgestoßen wurde, war ihr Mann stundenlang unterwegs, um einen Arzt zur Hilfe zu holen: zu Fuß, mit dem Fahrrad und mit dem Motorrad. Stunden später traf er mit dem Arzt im Haus der Familie ein. Aber da war es bereits zu spät. Antonia war an einem Herzstillstand gestorben.

Tradition und Kultur – auch im Kreissaal

Seit Antonias Tod hat sich viel geändert. Die Müttersterblichkeit in Ayacucho, die vor zehn Jahren mindestens drei Mal höher war als in der Hauptstadt Lima, konnte seither mehr als halbiert werden. „Durch verschiedene Trainings unserer Gesundheitsmitarbeiter konnten wir die Qualität der Behandlung verbessern. Die weiten Entfernungen sind nach wie vor ein Problem, aber wir stellen unser besser auf unsere Patienten ein“, erklärt Maribel Pastor Rua, Hebamme und Leiterin einer von CARE betreuten Gesundheitsstation im Distrikt Vinchos, etwa anderthalb Autostunden von der Provinzhauptstadt Ayacucho entfernt. „Bis vor ein paar Jahren sind viele Quechua-Frauen gar nicht erst zur Gesundheitsstation gekommen, weil sie sie hier nicht nach ihrer Tradition im Sitzen gebären konnten. Viele hatten auch Angst, weil niemand mit ihnen Quechua sprach und sie nicht verstanden, was genau die Behandlung für sie bedeutete.“

Mittlerweile können Frauen in Vinchos und in ganz Peru in vielen Gesundheitsstationen sitzend gebären, ihren Mann und eine traditionelle Hebamme als Hilfe bei der Geburt dabei haben und besondere Heilkräuter während der Geburt zu sich nehmen. Im Gesundheitszentrum in Vinchos gibt es sogar einen kleinen Garten mit diesen Kräutern, die nach traditionellem Glauben etwa verhindern sollen, dass die Schädelknochen der Frau während der Geburt zu weich werden und Luft herein tritt.

Schicksale wie Antonias gibt es immer noch

Maribel zeigt uns ein Plakat, auf dem die verschiedenen Regionen Vinchos zu sehen sind. Mit Stecknadeln sind darauf kleine rote schwangere Quechua-Frauen aus Moosgummi geheftet. „So haben wir einen guten Überblick, welche Frauen in den von uns betreuten Gemeinden bald ein Kind bekommen.“

Kleine rote Moosgummi-Mütter: Die Landkarte zeigt den Ärzten und Hebammen, wo in ihrem Einzugsgebiet werdende Mütter leben. (Foto: CARE/Mitscherlich)

Regelmäßig muss die Frau ins Zentrum kommen, um sich untersuchen zu lassen. Dabei lernt sie auch, bei welchen Beschwerden sie sofort Hilfe suchen sollte. Für schwangere Frauen, die mehrere Stunden Fußmarsch entfernt leben, gibt es seit letztem Jahr ein Mutterhaus, in dem sie einige Wochen vor dem ausgerechneten Termin übernachten können.

Aber trotz aller Anstrengungen gibt es auch in Vinchos immer noch ähnliche Geschichten wie Antonias. Nur fünfzehn Minuten mit dem Fahrrad von der Gesundheitsstation entfernt starb vor einigen Jahren Delfina bei der Geburt ihres zweiten Kindes. Die Hilfe kam einfach nicht schnell genug, die Alarmzeichen für eine Komplikation wurden nicht rechtzeitig erkannt. Die Zahnärztin der Gesundheitsstation fand Delifina tot auf – neben einem gesunden, kleinen Mädchen.

Benannt nach ihrer Mutter lebt Delfina junior heute bei ihren Großeltern, ihrer Tante Gloria und deren kleinen Sohn. Gloria hat ihn in der Gesundheitsstation geboren. Und das würde sie auch bei ihrem nächsten Kind immer wieder so machen. „Es ist einfach sicherer, rechtzeitig im Zentrum zu sein. Sicherer für das Kind, und sicherer für die Mutter“, sagt die 19-jährige. Denn für sie und unzählige andere Peruaner, die mit viel Einsatz und Leidenschaft die gesundheitliche Situation in der Region verbessern wollen, ist schon lange klar: Sie wollen nicht der „Winkel des Todes“ sein, sondern bevorzugen die Übersetzung „rincón de las almas“, der „Winkel der Seelen“.

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