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Die Angst flieht mit nach Jordanien

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“cash transfer” in Mafraq, Jordanien. (Foto: CARE/ Thomas Schwarz)

Nadwa kommt aus Aleppo. Sie ist 62 Jahre alt und das Gehen fällt ihr schwer. Sie sitzt in einem CARE-Büro in Mafraq im Osten Jordaniens vor mir. Ihr Gesicht ist von der Flucht aus Syrien regelrecht gezeichnet. Sie schaut meist gedankenverloren irgendwohin, nur nicht jemanden an. Wer weiß, welcher Gedanke sie gerade dominiert. Ihre kleinen Hände, die sie auf ihren Gehstock gelegt hat, korrespondieren nicht mit ihrem großen Körper. Äußerlich wirkt sie wie eine starke, selbstbewusste Frau. Doch wenn sie spricht, ist sie leise und wirkt unsicher. „Mein Sohn kam zuerst hierher. Vor einem Monat bin ich in einen Bus gestiegen und lebe seitdem ebenfalls in der Fremde.“ Zwischen diesen beiden Sätzen liegen gefühlte fünf Minuten. Es scheint, als ob sie die ganze Flucht zwischen diesen beiden Sätzen noch einmal in ihren Gedanken durchspielt.

Nadwa ist im CARE-Büro, das in einer kleinen Straße in Mafraq liegt. Wären da nicht auch Schilder des Flüchtlingswerks der Vereinten Nationen, man würde das Gebäude einfach übersehen. Wie viele andere Flüchtlinge war sie hierher gekommen, um eine finanzielle „Starthilfe“ für das Leben in der Fremde zu erhalten. CARE hat diese Unterstützung – „cash transfers“ genannt – an viele hundert Familien ausgegeben. Die Flüchtlinge haben schließlich nicht nur ihr Haus zurückgelassen. Die wenigsten waren in der Lage, mit dem eigenen Auto oder gar mit Möbeln zu fliehen.

Flucht vor dem Tod

Die 60-jährige Ghawa aus dem syrischen Homs ist schon lange Witwe. Sie ist im Gegensatz zu Nadwa klein und von zierlicher Gestalt. Sie zittert. Und man könnte meinen, ihre Stimme würde sehr leisen sein, wenn man sie sieht. Aber sie ist die Laute. Sie wehklagt über den Krieg in ihrem Heimatland. „Wir sind vor dem Krieg geflohen und vor dem Tod“, sagt sie. „Homs ist eine so schöne Stadt gewesen, bevor die Gewalt kam.“ Vor mehr als einem halben Jahr kam sie nach Mafraq und lebt nun bei Verwandten. Was das angeht, hat sie „Glück“ gehabt.

Aber gilt solch ein Wort überhaupt unter Bedingungen wie denen in Syrien, die die Menschen zu Tausenden in die Fremde zwingen? „Ich habe einen Neffen verloren, er ist erschossen worden. Ich habe gesehen, wie auf offener Straße Menschen die Augen verbunden wurden und sie dann erschossen wurden.“ Mit dem Stoff der schwarzen Kopfbedeckung wischt sie sich ein paar Tränen weg. Ihre Stimme wird brüchiger, bleibt dabei dennoch laut. „Das dauert vielleicht noch drei Jahre. Womöglich vier oder fünf. Wie lange auch immer, ich werde zurückkehren nach Hause“, sagt sie bestimmt. Plötzlich schweigt sie. In dem Zimmer des Gebäudes, in dem wir das Gespräch führen, entsteht eine klirrende Stille. Sie kann über das alles einfach nicht mehr sprechen. „Ich bin müde, wissen Sie. Es ist einfach alles zuviel.“

Weder Nadwa noch Ghawa wollen sich fotografieren lassen. Auch nicht, als ich ihnen sage, sie könnten doch beide das Tuch vor ihr Gesicht halten und es bedecken, damit niemand sie erkennen könne. Nein, sie wollen nicht. Sie haben Angst. Angst davor, doch irgendwie erkannt zu werden von denen, die sie für den Krieg in ihrem Land verantwortlich machen. Wenn sie wieder nach Hause kämen und man sie auf einem Foto sähe, würden sie vielleicht… Sie wissen nicht genau wovor, aber sie haben Angst. Sie ist mit den beiden Frauen mit nach Jordanien gekommen. Sie werden sie auch hier nicht los.

Bitte unterstützen Sie CARE dabei, den Flüchtlingen aus Syrien zu helfen. Hier spenden!

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