Judith Hoersch: Die Ankunft in Haiti

Die erste Station von Judith Hoerschs Reise ist die Hauptstadt Port-au-Prince. Dort trifft sie die CARE-Mitarbeiter und bekommt einen ersten Eindruck von den Folgen des Erdbebens:

Der zerstörte Stadtteil Carrefour. (Foto: CARE/Evelyn Hockstein)

Im CARE Büro ein warmes Bonjour. Sabine Wilke, Mitarbeiterin von CARE, die nach dem Beben ein halbes Jahr in Haiti gearbeitet & gelebt hat und mit mir diese Reise antritt, ist glücklich viele bekannte Gesichter wieder zusehen. Man mag es kaum glauben, aber zwischen all den zerfallenen Häusern befinden sich kleine hübsche Restaurants, wo man Cola Light bekommt und Sandwiches, zur Freude aller – also der Expats, denn hier sitzen keine Haitianer, es sei denn sie arbeiten für eine der NGOs… Dort sitzend bekommen wir von den Kollegen vor Ort unsere nächsten strammen Tage erklärt: Kleinspargruppen & Übergangshäuser ansehen, Camps, die sich im Aufbruch befinden anschauen, Schulen besuchen, Wasserversorgungssysteme und vieles mehr. Aber dazu mehr, in den kommenden Tagen!

Dann folgen die Sicherheitsauflagen. Man kann hier nicht einfach so herumspazieren. Denn es ist hier nach wie vor nicht ungefährlich. Immer wieder hört man von Entführungen und Überfällen, nicht schwer nachvollziehbar bei den Lebensbedingungen. Aber man muss auch sagen, dass es in den Medien immer aufgebauscht wird. Dennoch bin ich hier Gast von CARE und wir alle halten uns an diese Regeln. Die da heißen: Beim Auto fahren durch Port au Prince (die Hauptstadt), immer von innen die Türen verriegeln, nicht auf den Straßen herum laufen und ab 22.30 muss man im Hotel sein. Wenn der Begleiter auf den Reisen sagt‚es ist Zeit zu gehen wird aufgebrochen, und zwar ohne Diskussion. (Habe ich aber nie erlebt) Aber ich fühle mich hier sehr sicher, auch wenn uns Khassim, unser Fahrer mit der Ruhe und Sicherheit eines geschulten Guides über die hügeligen und zerrissenen Straßen fährt.

Und mein erster Eindruck von Port au Prince?

Es ist ein wahnsinniges Gewusel, überall Ecken mit Geröll, eingestürzte Häuser. Es erinnert an den Zweiten Weltkrieg. Durch die Straßenführung würde ich wahrscheinlich auch nach Jahren nicht durchblicken, also das, was man hier Straßen nennt. Ich habe in ganz Port au Prince eine einzige Ampel gesehen (an der im Übrigen keiner hält) und die Straßen sind voll mit TapTaps. Das sind die öffentlichen Transportmittel, Jeeps – oft von den Organisationen – die man hier stark vertreten sieht. Auf den Straße Kühe, Schweine, Hunde und Hühner. Die Haitianer, die alles auf dem Kopf tragen. Um sich im Verkehr zu verständigen, wird hier gehupt. Blinken? Was ist das? Hupen geht doch auch! Aber es klappt, und auch wenn alle an einer Kreuzung gleichzeitig losfahren, kommen alle dort an, wo sie hin wollen.

Die Haitianer sind ein offenes Volk und sie finden oft einen Grund zum Lachen. Sie verbergen ihr Trauma tief hinter ihren Augen, und wenn ihr Lächeln erstirbt, sind ihre Gesichter oft von Trauer gezeichnet. Von Leere, von einem tiefen Schreck. Aber man kämpft hier jeden Tag ums Überleben, da bleibt keine Zeit sich mit sentimentalem Trauern zu beschäftigen. Bereits am ersten Tag höre ich folgenden Satz immer und immer wieder: ‚Die größte Angst die wir haben, ist die vor einem weiteren Beben’.

Die Angst ist nicht unberechtigt. Den vor der Küste Haitis klaffen die beiden Erdspalten aufeinander. Wenn man Menschen nach dem Beben fragt, erzählen sie manchmal ihr Geschichten, so zum Beispiel Tim ein Mitarbeiten von CARE, der uns heute ein bisschen was berichtet hat. Er war damals im Supermarkt als dieser über seinem Kopf zusammenfiel. Er war so traumatisiert, als er sich aus den Trümmern befreite, lief raus und wie durch ein Wunder, war sein Wagen vor der Tür, der einzige nicht zerstörte. ‚Das Beben klang wie ein Schrei aus der Erde’, erinnert er sich. Während ich das hier schreibe, dröhnt laute kreolische Tanzmusik aus dem Club neben an. So viele Eindrücke an einem einzigen Tag…

 

 

 

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