„Die ausradierten Kinder“

Was sollen Eltern eigentlich machen, wenn die Kinder die Schule schwänzen? Warum ist Bildung wichtig – gerade auch für Mädchen? Wie motiviert man die Kinder und wie sanktioniert man wiederum ihr Fehverhalten? Um all diese Fragen zu klären, hat CARE in Serbien nicht nur eine Gruppe für Schüler (mehr hierzu in meinem letzten Blog), sondern auch eine für Eltern gegründet. Die Idee hierzu hatte die 43-jährige Tania, die Mutter einer der Teilnehmer der Jugendgruppe. „Auch die Eltern müssen viel dazu lernen. Nicht nur für unsere Kinder, sondern auch für uns!“ Alle paar Wochen treffen sie sich, sprechen über ihre Sorgen und Fragen, über die Bedeutung von schulischer Bildung oder sie trinken einfach nur zusammen Kaffee – türkischen Kaffee – und tauschen sich aus.

Für Tania ist es wichtig, dass ihre Tochter zur Schule geht. (Foto: CARE/Johanna Mitscherlich)

Wir fragen Tania, was passieren würde, wenn ihre Tochter nicht zur Schule gehen wollen würde. „Fragt sie selber – das ist schon mal passiert!“, antwortete sie – halb lachend, halb ernst. Ihre Tochter Nina erzählt uns, wie ihre Mutter herausfand, dass sie die Schule schwänzte. „Meine Mutter hat wochenlang nicht mit mir gesprochen. Es war schrecklich. Da bin ich dann doch lieber wieder zur Schule gegangen.“

Workshops gegen Diskriminierung

CARE gründete auch eine „Lobby-Gruppe“ in der Region. Die Gruppe besteht aus Roma und Nicht-Roma, aus Lehrern, Professoren, Schuldirektoren und staatlich Angestellten. Sie wollen auf Missstände hinweisen, die Verantwortlichen im Bildungsbereich informieren und sie sensibilisieren, damit sich die Situation für Roma in den Schulen verbessert. Dass ihre Kinder und andere Roma-Kinder von Schülern und Lehrern diskriminiert werden, wollen sie nicht mehr akzeptieren. Um zu informieren und alle Beteiligten ins Boot zu holen, organisieren die „Lobby-Gruppe“ auch Konferenzen und Workshops für Lehrer.

Angela leitet die Gruppe. Sie erzählte uns, dass es keine Statistiken darüber gibt, wie viele Roma die Schule abbrechen. „Schulkinder ohne Roma-Hintergrund werden mit Kugelschreiber in die Schullisten eingetragen, Roma-Kinder mit Bleistift. So können sie einfach wieder ausradiert werden, wenn sie nicht mehr zum Unterricht erscheinen“, erzählt sie uns. „Lehrer müssten so keine Verantwortung für sie übernehmen. Sie müssen sich nicht darum kümmern.“ Das Ziel der „Lobby-Gruppe“ ist es, auf solche Missstände hinzuweisen.

Angela kämpft für die Rechte der Roma. (Foto: CARE/Johanna Mitscherlich)

Eine starke Frau

Missstände, die einem zu denken geben. Ich bewundere den Mut von Angela, die unaufhörlich für die Rechte von Roma und die Rechte ihrer Kinder eintritt. Sie ist die erste, die mit rechtlichen Schritten gegen Diskriminierung vorgeht. Ihre beiden Söhne wurden immer wieder auf dem Schulhof zusammengeschlagen – die Lehrer und die Schulleitung haben nichts dagegen getan. Ihre Kinder gehen jetzt auf eine andere, tolerantere Schule. Aber gegen solches Unrecht will sie sich wehren und hat die Schule angeklagt. „Ich weiß nicht, was passieren wird. Hier sieht es keiner gerne, wenn man gegen die Staatsbediensteten vorgeht. Aber ich kann nicht tolerieren, dass meine Kinder nicht behandelt werden wie alle anderen Kinder.“

Nach unserem ersten Projektbesuch schwirrte mir der Kopf von den ganzen neuen Eindrücken, von allem, was ich gelernt habe. Aber viel Zeit zum Nachdenken blieb erst mal nicht, weil wir uns auf dem Weg nach Nis machten, zu einem weiteren Projekt von CARE im Süden Serbiens. Aber dazu mehr im nächsten Blog.

Einsatzorte

Ein Gedanke zu “„Die ausradierten Kinder“

  1. Sehr anregender Artikel. Für mich gehört es einfach dazu, dass man in die Schule geht. Klar ist es für mich als ungemobbten Deutschen sehr viel leichter so etwas zu sagen, aber ich finde, dass man nur so dem System Deutschland nur wachsen kann, wenn man regelmäßig die Schule besucht. Finde daher die Mutter aus den ersten Absätzen richtig konsequent. Weiter so!

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