Die Frauen von Samutikuppam
Von Sandra Bulling
![]() Frauengruppe in Südindien. Foto: CARE |
Gestern sind bin ich mit meinen Kollegen von Chennai aufgebrochen und Richtung Süden, nach Pondicherry, gefahren.
Die von ihren französischen Kolonialherren geprägte Stadt ist unser Ausgangspunkt für die Fahrten in die umliegenden Dörfer. Zwar ist es hier schon deutlich ruhiger als in Chennai, doch auch auf den Landstraßen pulsiert das indische Leben mit seinen röhrenden Autohupen und grellbunten Farben.
In unserem ersten Dorf, Samutikuppam, empfängt uns eine Gruppe Frauen. Zwei von ihnen halten Blechschüsseln in der Hand, gefüllt mit einer braunen Flüssigkeit in der ein brennendes Stück Kerze schwimmt. Die anderen halten kleine Rosenstengel, die sie uns etwas schüchtern in die Hand drücken. Die Frauen mit der Blechschüssel kommen auf uns zu, tauchen ihre Finger in die braune Flüssigkeit und berühren damit unsere Stirn. Sogleich kommt eine zweite Frau, die rotes Puder auf die feuchte Stelle tupft. Etwas unbeholfen freue ich mich über die indische Begrüßungszeremonie und bin sofort von etwa dreißig Frauen umringt. Sie alle tragen die typischen Saris, dazu goldene Ohrringe, manche von ihnen sogar goldene Stecker in einem oder beiden Nasenflügeln.
Wir setzen uns gemeinsam auf den Boden. Die Frauen beäugen mich interessiert und tuscheln miteinander, aber sie wissen anscheinend nicht so richtig, was sie mit mir anfangen sollen. Dev, mein Kollege und Projektkoordinator des Mikroversicherungsprojektes, bricht das Eis, indem er mich vorstellt und sie zu den Überschwemmungen befragt. Sofort weiß jede etwas zu berichten, denn sie alle haben die Fluten von letzter Woche noch gut in Erinnerung. Der Wirbelsturm Nisha hat in Tamil Nadu gewütet, hat knapp 200 Leuten das Leben genommen und Millionen Häuser zerstört. In Samutikuppam stand das Wasser teilweise bis auf Kniehöhe, ein paar der kleinen Lehmhäuser sind zusammengefallen und ein großer Teil der Ernte zerstört.
Viele der Frauen, mit denen ich mich unterhalte, haben in den letzten acht Monaten eine Hausratsversicherung von CARE und der Allianz gekauft. Damit bekommen sie nun, je nach Schadenslage, bis zu 5000 Rupien (75 Euro) erstattet. Diese sogenannte Mikroversicherung kostet pro Jahr 60 Rupien (90 Cent) für eine Person, 90 Rupien (1,30 Euro), wenn der Ehepartner mitversichert wird.
Es ist nicht nur eine Schadensversicherung. Sie behält ein ganzes Bündel an versicherten Risiken, genau auf die Bedürfnisse der Bewohner zugeschnitten. So werden nicht nur Hausrat bei Naturkatastrophen, sondern auch Ausfall der Arbeit bei Krankheit, Schadensersatz bei Unfällen oder Fahrten ins Krankenhaus versichert. Stirbt der Brotgewinner der Familie, erhält der überlebende Ehepartner einen Zuschuss für die Beerdigungskosten. Auch eine Lebensversicherung bieten CARE und die Allianz für umgerechnet 2,10 pro Person an. Stirbt der Versicherte, gewährleistet der Betrag von bis zu 25.000 Rupien (450 Euro) der hinterbliebenen Familie das Überleben, ein Schulgeld sorgt dafür, dass der Nachwuchs weiter die Schule besuchen kann.
Viele der Frauen erzählen mir, dass sie anfangs skeptisch ob der Vorteile einer solchen Versicherung waren. Das uns Deutschen wohlbekannte Konzept, unser Leben und unseren Besitz zu versichern, ist der ärmsten Bevölkerung Indiens neu. Bislang waren Versicherungen nur etwas für Reiche, nur wenige Versicherungsgesellschaften sahen es als Geschäftsidee, den eher kargen Besitz derjenigen zu versichern, die unter der Armutsgrenze leben. Doch Dev und sein CARE-Team konnten einige der Frauen überzeugen. Und Wirbelsturm Nisha hat die letzten Zweifel der Frauen hinweg gefegt. Denn sie sehen, wie ihre Nachbarinnen ihren Schaden ersetzt bekommen. Die Frauen von Samutikuppam sind die Vorreiter in einem Markt, der Millionen Menschen in Indien hilft, ihre Risiken zu minimieren – und nicht mehr schutzlos dem Leben und den Naturgewalten ausgeliefert zu sein.
Tags: Asien, Frauen, Indien, Mikroversicherung, Nothilfe, Südasien



28. Oktober 2011 at 09:51
Ich will nicht taktlos sein, aber gibt es bei solchen Fällen nicht wichtigeres als die Hausratversicherung?
22. Dezember 2011 at 12:31
Liebe Sina,
danke für Ihren Kommentar. Zugegeben mag man sich im ersten Moment wundern, weshalb sich die Ärmsten der Armen eine Hausratsversicherung zulegen, wo sie doch viel größere Hürden zu überwinden haben, gerade nach Katastrophen. Aber genau dort setzt das System der Mikroversicherungen an, das CARE gemeinsam mit der Allianz umsetzt: Präventive Maßnahmen als Absicherung gegen unerwartete Schicksalsschläge. Andererseits würden die in Armut lebenden Menschen immer weiter in die Armutsspirale absinken – trotz humanitärer Hilfe nach Katastrophen.
Das Konzept, sich gegen eventuelle Schäden zu versichern, ist in vielen Ländern bis heute nicht verbreitet, Versicherungen sind bislang nur etwas für Reiche mit erheblichen Vermögenswerten. Das Neue und Wirkungsvolle an den Mikroversicherungen ist, dass sie auf die Bedürfnisse der Ärmsten ausgerichtet sind. Auch geringes Hab und Gut kann versichert werden.
Auf uns, die wir in einem vergleichsweise wohlhabenden Industriestaat leben, mag diese Art von Mikroversicherung „banal“ wirken. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass die Menschen neben ihren Wohnungen, dem Hausrat und vielleicht einem Feld kaum etwas besitzen, vor allem keine Ersparnisse. Nach einer Katastrophe, die all das zerstört, stehen sie dann buchstäblich vor dem Nichts. Mit einer Mikroversicherung können sie sich dafür schützen. Weitere Informationen zum Projekt finden Sie unter http://www.care.de/indien-mikroversicherungen.html
Übrigens: Der Journalist Carsten Luther hat im letzten Jahr den Medienpreis des Ministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung für einen Beitrag über die Versicherungen erhalten. Seine Reportage ist hier nachzulesen: http://www.care.de/pressemitteilung-einzelmeldung+M53f473e3e34.html
Mit herzlichen Grüßen,
Sabine Wilke