Die Heimat ist nur noch eine Erinnerung

von Marie-Eve Bertrand

Dieser Mann lebt in der malischen Stadt Djenné und bietet vier jungen Vertriebenen eine Unterkunft, obwohl auch er wirtschaftlich kämpfen muss. (Foto: CARE/ Marie-Eve Bertrand)

Dieser Mann lebt in der malischen Stadt Djenné und bietet vier jungen Vertriebenen eine Unterkunft, obwohl auch er wirtschaftlich kämpfen muss. (Foto: CARE/ Marie-Eve Bertrand)

Durch die andauernden Kämpfe in Mali fliehen auch weiterhin Menschen vor der Gewalt. Innerhalb Malis sind laut UN-Angaben derzeit rund 167.000 Menschen auf der Flucht, die meisten von ihnen kommen bei Gastfamilien unter.

Sie haben ihr Dorf geplündert. Sie töteten Menschen, zuerst die in Uniform: Soldaten, Staatsbeamte, Gefängnisaufseher. Um Angst zu säen, befreiten sie Gefangene. „Mein Mann hörte die Gewehrschüsse. Er verstand. Er sagte mir, ich solle mit den Kindern fliehen. Er selbst stieß ein paar Tage später zu uns. Ich hatte so große Angst. Wir flohen aus unserem Dorf, das in der roten Zone liegt, wo bewaffnete Gruppen schon soviel verwüsteten. Wir flohen zu dem Haus meiner Mutter, in Djenné, in Zentral-Mali. Einige meiner Geschwister wohnen noch zu Hause, meine Mutter verkauft Pfannkuchen, um über die Runden zu kommen. Wir leben nun mit zehn Familienmitgliedern in ihrem Haus. Ohne die Hilfe von CARE hätten wir es nie geschafft. Wir haben alles verloren, als wir unser Haus verließen. Aber ich habe wenigstens noch meine Familie, sie sind alle am Leben. Es ist sehr schwierig. Ich heiße Sarata.”

Neben ihr steht ein magerer Mann mit ausdruckslosem Blick. Auch er musste alles zurücklassen. Sogar Frau und Kinder, die noch immer in seiner weit entfernten Heimatstadt sind. Als er vor der Gewalt floh, hat er zwar seinen Körper in Sicherheit gebracht, sein Geist jedoch ist in der Heimat geblieben. Er ist seit dem Tag seiner Flucht verwirrt. Als ich ihn frage, warum seine Familie nicht bei ihm ist, weiß er es nicht. „Ich will zurück nach Hause – zurück zu dem Leben, das ich hatte.“ Das ist alles, was er mir sagen kann. Sein Name? Auch da ist er sich nicht sicher.

Ich gehe weiter, zu einer anderen Frau. „Ich heiße Mariama“, sagt sie. Als die bewaffneten Gruppen in ihre Nachbarschaft eindrangen, floh sie mit ihrer Schwester und den Kindern. Ihr Mann blieb, weil er Angst vor dem Verlust seines Geschäfts hatte. Mariama ist 20 Jahre alt, hat einen sieben Monate alten Säugling und ein fünfjähriges Kind. Sie alle wohnen jetzt bei ihrer Großmutter. Die jedoch hat selbst noch Kinder zu Hause und musste für die Neuankömmlinge erst einmal Platz schaffen. CARE verteilte zusammen mit einer Partnerorganisation Tassen, Töpfe, Schlafmatten, Seife und Decken an die Familien. Mariamas kleine Tochter weint. Sie hat Hunger, aber ihre Mutter hat keine Milch mehr. „Ich habe nicht viel“, sagt Mariama. „Wir haben nicht genug zu Essen“. Aber sie lächelt und erzählt mir von den Plänen, die sie für ihre Töchter hat. Eines Tages werden sie zur Schule gehen. Sie werden Medizin studieren, oder vielleicht Lehrerin werden. „Irgendwann werden wir alle nach Hause zurückkehren“.

Die Menschen sind nur übergangsweise hier, bis sich die Situation beruhigt. Sie sind intern Vertriebene, die vergessenen Menschen in Konflikten, die Vergessenen bei humanitären Katastrophen.

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Ein Gedanke zu “Die Heimat ist nur noch eine Erinnerung

  1. Wenigstens tragen die Menschen noch die Erinnerung im Herzen. Sehr schöner trauriger Bericht. Aber es gibt immer auch Hoffnung… wie ihre Einrichtung bestätigt.

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