„Die Integration von Geflüchteten ist eine Gemeinschaftsaufgabe“

Interview mit Christina Mersch, Projektleiterin, NETZWERK „Unternehmen integrieren Flüchtlinge“

Mehr als 1,2 Millionen Geflüchtete haben allein in den Jahren 2015 und 2016 in Deutschland Asyl beantragt. Viele von ihnen werden für einen längeren Zeitraum in Deutschland bleiben und es stellt sich die Frage nach dem Wie der Integration. Wie sollen Geflüchtete integriert werden? Wie können sich Geflüchtete integrieren? Die Integration in Arbeit spielt dabei eine bedeutende Rolle, denn Partizipation am Wirtschaftsleben bedeutet Eigenständigkeit und eine gesicherte Existenz. Das NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge hat sich darum zum Ziel gesetzt, Unternehmen bei der Integration zu unterstützen. Insbesondere kleine- und mittelständische Unternehmen (KMU), die keine große Personalabteilung haben, können von der Expertise und den Kontakten des Netzwerks profitieren. Im Interview stellt Projektleiterin Christina Mersch das Netzwerk vor.

Trumpf ist eines der Unternehmen, die vom Austausch über das NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge profitieren. (Foto: NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge)

CARE: Auf wessen Initiative hin entstand das NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge und welche Ziele verfolgt es?

Christina Mersch: Als 2015 immer mehr Menschen nach Deutschland flüchteten, haben sehr viele Unternehmen in Deutschland beschlossen, Geflüchtete in ihren Betrieb zu integrieren. Allerdings sahen sie sich mit vielen rechtlichen und praktischen Fragen konfrontiert. Um Antworten zu geben haben der Deutsche Industrie- und Handelskammertag e.V. und das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie das NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge initiiert. Im März 2016 sind wir mit 300 Gründungsmitgliedern gestartet – mittlerweile haben wir fast 1.500. Unser Ziel ist es, die Unternehmen zu informieren, zu beraten, zu vernetzen und den Erfahrungsaustausch zu fördern. Außerdem ist es unsere Aufgabe, unternehmerisches Engagement öffentlich sichtbar zu machen.

Welche Besonderheiten kommen auf Unternehmen im Unterschied zur Einstellung von hiesigen Bewerbern/Arbeitnehmern zu?

Im Wesentlichen gibt es Besonderheiten in zwei Bereichen: rechtliche und praktische. Rechtlich darf nicht jeder Geflüchtete sofort und ohne weiteres eine Arbeit aufnehmen. Der Aufenthaltsstatus – also Stand und Ergebnis des Asylverfahrens – ist ausschlaggebend. Auch der Zugang zu Fördermaßnahmen ist von den rechtlichen Rahmenbedingungen abhängig. Praktische Besonderheiten sind  zum Beispiel kulturelle Unterschiede, unterschiedlich gute Deutschkenntnisse und teilweise sehr variierende Bildungsstände.

Wie sieht die Unterstützung für Netzwerk-Mitglieder aus?

Unseren Mitgliedern bieten wir eine breite Palette an Unterstützung an: Sie können sich jederzeit an uns wenden und uns um Rat bitten. Wenn wir eine Frage einmal nicht beantworten können, wissen wir aber, an wen sie sich wenden können. Mit unserer Webseite und unseren Publikationen stellen wir kompakte und praxisorientierte Informationen zur Verfügung. In unseren monatlichen Webinaren bekommen die Mitglieder Expertenwissen aus erster Hand, ganz praktisch am eigenen Schreibtisch. Hinzu kommen unsere bundesweiten Infoveranstaltungen und Workshops. Alle unsere Angebote sowie die Mitgliedschaft an sich sind kostenlos.

Können Sie uns ein besonders gelungenes Beispiel der beruflichen Integration nennen?

Wir haben viele Beispiele gelungener Integration, doch eins finde ich besonders gut, da mehrere Akteure gemeinsam zum Erfolg beigetragen haben. Ein kleiner Automobilzulieferer aus Thüringen bildet einen Afghanen zum Maschinen- und Anlagenführer aus. Der Flüchtlingskoordinator der IHK und die Diakonie haben das Unternehmen bei der Bewerber-Vorauswahl, der Kontaktaufnahme und bei der Klärung rechtlicher Fragen unterstützt. Über das Projekt VerA (Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen) des Senior Experten Service (SES) bekommt der Geflüchtete Nachhilfe von einem pensionierten Informatiker.  Der Senior-Experte wiederholt mit ihm Fachbegriffe und praktische Themen aus dem Berufsalltag.

Das Netzwerk hat sich bewusst auch anderen Institutionen (wie zivilgesellschaftlichen Organisationen oder Berufsschulen) geöffnet. Welchen Mehrwert erhoffen Sie sich davon?

Die Integration von Geflüchteten in Arbeit und Zivilgesellschaft ist eine Gemeinschaftsaufgabe, wie das eben dargestellte Beispiel zeigt. Darum können sich auch Multiplikatoren, also staatliche und zivilgesellschaftliche Organisationen, Bildungsträger und Berufsschulen, bei uns registrieren. Wir fördern dann die Vernetzung von Multiplikatoren und Unternehmen und können unseren Unternehmen auch konkrete Unterstützer in ihrer Region nennen.

CARE wurde gezielt gefragt dem Netzwerk beizutreten. Wie sehen Sie die Rolle von CARE im Netzwerk?

Meine Kollegin Valentina Mählmeyer hat Thomas Knoll, Projektleiter bei CARE, bei einer Tagung in Essen kennen gelernt und sofort viele Gemeinsamkeiten erkannt. Zum Beispiel engagiert sich CARE mit dem KIWI-Projekt in der Fortbildung von Berufsschullehrern und Ausbildern in Betrieben. Unser Netzwerk hat mit der Vernetzung von Berufsschulen und Betrieben einen neuen Projektschwerpunkt. Hier gibt es also eine klare Überschneidung in der inhaltlichen Arbeit. Außerdem beschäftigt CARE mehrere geflüchtete Frauen im KIWI-Projekt. Da es ein weiterer neuer Schwerpunkt unserer Arbeit ist, Unternehmen das Beschäftigungspotenzial geflüchteter Frauen aufzuzeigen, gibt es hier eine weitere Überschneidung. Dank unserer Kontakte wird gerade geprüft, ob eine der Mitarbeiterinnen aus dem KIWI-Projekt nach ihrem Bundesfreiwilligendienst in das Programm „Stark im Beruf – Mütter mit Migrationshintergrund steigen ein“ wechseln kann. Als Arbeitgeber kann CARE mit seinen Erfahrungen zweifellos auch unser Netzwerk bereichern.

Integration ist eine langfristige Aufgabe. Was haben Sie sich für die Zukunft vorgenommen?

Zuallererst wollen wir unseren Mitgliedern weiter einen schnellen und praxisorientierten Service bieten, damit die Integration erfolgreich gelingt. Und natürlich soll das NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge auch weiter wachsen. Schließlich gibt es viele Unternehmen, die bei der beruflichen Integration Geflüchteter noch ganz am Anfang stehen. Zugleich gibt es viele Unternehmen, die ihre guten Erfahrungen teilen möchten. Wir sind uns sicher, dass wir mit unserer Expertise auch in den nächsten Jahren Unternehmen dabei unterstützen können.

Wie kann ich mit meinem Unternehmen aktiv werden?

Wer aktiv werden möchte, sollte am besten unsere Webseite www.unternehmen-integrieren-fluechtlinge.de besuchen und natürlich gern Mitglied werden. In unserer Termindatenbank finden sie anstehende Veranstaltungen in ihrer Region und die nächsten Mitglieder-Webinare. Am 8. November 2017 bieten wir übrigens ein Kennenlern- und Einsteiger-Webinar an. In dem öffentlichen Webinar informieren wir über rechtliche Grundlagen der Arbeitsmarktintegration.

Mehr zur Unterstützung geflüchteter Kinder und Jugendlicher im Rahmen des KIWI-Projektes gibt es auf unserer Webseite.

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