„Geniale Kiste“: Die Kraft der Kleinspargruppen

Seit 25 Jahren revolutionieren Kleinspargruppen, von CARE-Programmdirektorin Moira Eknes ins Leben gerufen, die Wirtschaft in Entwicklungsländern. Alles begann mit ein paar Frauen und einer verschließbaren, „genialen Kiste“ im fernen Niger.

Zeinabou sitzt vor der Sparkiste ihrer Kleinspargruppe

Zeinabou sitzt vor der Sparkiste ihrer Kleinspargruppe. Drei Schlüssel braucht es, um diese zu öffnen. (Foto: Josh Estey/CARE)

Zeinabou erinnert sich an den Tag vor 25 Jahren, an dem sie Besuch von einer Norwegerin namens Moira Eknes bekam. Diese trug eine graue Metallkiste unter dem Arm. Damals konnte Zeinabou noch nicht wissen, wie sehr sie und die anderen Frauen aus ihrem Dorf Kagadama von dieser Kiste profitieren und wie sehr sich ihr Leben dadurch verändern sollte. Ebenso wenig konnte sie ahnen, dass ihr Handeln einmal Millionen von Menschen auf der ganzen Welt als Vorbild dienen würde.

Moira Eknes mit einer Frau (Foto: CARE)

Moira Eknes mit Frauen im Niger. Mit ihnen wollte sie ursprünglich ein Aufforstungsprojekt umsetzen. Doch es kam anders. (Foto: CARE)

Moira Eknes mit einer Frau (Foto: CARE)

Gemeinsam mit den Frauen schuf Moira eine innovative Methode zur Mikrofinanzierung. Der Name: Matta Masu Dubara, „Frauen in Bewegung“. (Foto: CARE)

Moira Eknes ist CARE-Programmdirektorin und ging nach Niger, um dort ein Aufforstungsprojekt mit Frauen wie Zeinabou zu beginnen. Sie musste jedoch schnell feststellen, dass sich die Frauen kaum für das Anpflanzen von Bäumen interessierten, da sie selbst laut Gesetz kein Land besitzen durften. Stattdessen war ihnen sehr an der Versorgung ihrer Familien gelegen. Deshalb veränderte Moira Eknes ihr Programm und entwickelte stattdessen ein eigenes System zur Mikrofinanzierung. Eknes‘ innovative „Kleinspargruppen“ wurden in ganz Niger bekannt, dort unter dem Namen Mata Masu Dubara, in etwa „Frauen in Bewegung“.

Ein Gruppenbild von einer Kleinspargruppe

Die Frauen der „Kleinspargruppe“ sind ihre eigenen Kreditgeber – sie unterstützen sich gegenseitig. (Foto: Josh Estey/CARE)

Vor 25 Jahren gab es bereits Programme zur Mikrofinanzierung. Doch das damals übliche Vorgehen basierte auf der Zusammenarbeit mit externen Darlehensgebern, die von den Zinsen profitierten. Beim neuen, von CARE etablierten Kleinspargruppenmodell hingegen sind die Frauen selbst die Geldgeber. Die Zinsen, die sie für ihre Kredite bezahlen, kommen ihnen selbst zugute, da sie in die gemeinsame Sparkiste wandern, und somit für weitere Kredite verwendet werden können.

Zeinabou trägt die Kiste zu einem sicheren Versteck

Zeinabou trägt die Kiste mit dem gesammelten Geld zu einem sicheren Versteck. Sie ist seit 25 Jahren die Schatzmeisterin der Gruppe. (Foto: Josh Estey/CARE)

Zeinabous Aufgabe war es schon immer, auf die Sparkiste aufzupassen – und ein sicheres Versteck für sie zu finden. Moira Eknes gab der Spargruppe drei Schlösser für die Kiste. Drei Frauen erhielten jeweils einen der passenden Schlüssel. Die Sparkiste kann nur geöffnet werden, wenn alle drei anwesend sind. Diese Sicherheitsmaßnahme schützt den Inhalt der Kiste: nämlich die Ersparnisse der Frauen, von denen sie Kredite aufnehmen können, um ihr eigenes kleines Unternehmen zu gründen, medizinische Versorgung zu bezahlen oder für das Schulgeld ihrer Kinder aufzukommen.

Frauen sitzen um die geöffnete Sparkiste herum

500.000 Frauen sind allein im Niger in Kleinspargruppen organisiert. Hier halten sie gerade eines ihrer Treffen ab. (Foto: Josh Estey/CARE)

Frauen sitzen um die Sparkiste herum

Die Mitglieder können so ihre Familien besser versorgen, ohne auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. (Foto: Josh Estey/CARE)

„Die Frauen nahmen das Konzept begeistert an, während ich selbst anfangs noch skeptisch war”, erinnert sich Eknes. „Wir gaben den Frauen ja nichts an die Hand außer der Methode.“ 25 Jahre später kann sie auf 15.000 Kleinspargruppen zurückblicken, die in ganz Niger unterhalten werden und rund 500.000 Mitglieder zählen. Die meisten sind Frauen und treffen sich regelmäßig, um Geld einzuzahlen oder abzuheben.

Ein Gruppenbild von einer Kleinspargruppe

Die Kleinspargruppen wurden immer populärer – und sind es noch heute. Auch die Nachbardörfer von Kagadama suchten Rat und gründeten eigene Gruppen. (Foto: Josh Estey/CARE)

Mit wachsender Nachfrage begann CARE damit, in jedem Dorf einen Verantwortlichen zu schulen, der sein Wissen an die Dorfgemeinschaft weitergeben konnte. So werden noch immer Menschen über das gemeinsame Sparen informiert. Manchmal wurden CARE-Mitarbeiter auch von Neugierigen angesprochen, die vom Erfolg der Kleinspargruppen gehört hatten.

Eines Tages klopfte es an meiner Bürotür. Vor mir stand eine Frau, die 15 Kilometer weit gelaufen war, um mich zu sehen. Sie erzählte mir von einer Kleinspargruppe, die sie in einem Nachbardorf gesehen hatte, und wollte, dass wir am nächsten Tag auch in ihrem Dorf eine Spargruppe gründen“, so Eknes.

Eine Teilnehmerin zuhause. Vor ihr liegen Halsketten und Armbänder.

Mehr als 200.000 Kleinspargruppen gibt es heute weltweit. (Foto: Mostafa M. Abdellatif/CARE)

Heute gibt es mehr als 200.000 Kleinspargruppen in 26 afrikanischen Ländern sowie Teilen von Asien und Lateinamerika, in denen über fünf Millionen Menschen gemeinsam sparen. Selbstständige Unternehmer haben auf diese Weise die finanzielle Freiheit erlangt, das Leben ihrer Familie zu verbessern.

Nach dem starken Erdbeben, das im Jahr 2010 Haiti heimsuchte, halfen Kleinspargruppen der haitianischen Bevölkerung beim Wiederaufbau, da sie die Wirtschaft ankurbelten. Die Menschen gründeten eigene Unternehmen, bauten ihre Häuser wieder auf und investierten in die Rückkehr in ihre Gemeinden.

Andere Organisationen nutzen ebenfalls die Kleinspargruppen nach Eknes‘ Vorbild, sodass weltweit mindestens weitere fünf Millionen Menschen davon profitieren können. Insgesamt werden in den Kleinspargruppen jeden Monat etwa 20 Millionen Transaktionen abgewickelt – das macht rund 350 Millionen Transaktionen im Jahr. Die Gruppen sparen jedes Jahr mehrere Millionen Dollar, die meisten davon werden in Sparkisten wie der von Zeinabou gesammelt. Dies ist ein Problem – und eine Chance.

Zeinabou sitzt vor der Sparkiste ihrer Kleinspargruppe

Zeinabou wacht über ihre Kiste. „Sie wurde nie gestohlen, weil ich sie so gut verstecke“, sagt sie. (Foto: Josh Estey/CARE)

In ihrer Pflicht als Schatzmeisterin hat Zeinabou in den letzten 25 Jahren die Sparkiste ihrer Gruppe beschützt. „Sie wurde nie gestohlen, weil ich sie so gut verstecke. Niemand bekommt sie je zu Gesicht, bis ich sie zu den Gruppentreffen hervorhole“, erzählt Zeinabou stolz.

Zeinabou und die anderen Frauen aus ihrer Kleinspargruppe haben klein angefangen: jede Woche sparten sie ein bis zwei Cent. Bald wurden daraus fünf Cent, dann zwanzig. Mit wachsendem Sparerfolg stiegen auch ihr Bargeldvorrat – und die Risiken.

Ein Portraitfoto von Zeinabou

Zeinabou ist stolz auf ihre Spargruppe. Ihr und den anderen Frauen will CARE dabei helfen, ihre Ersparnisse in Zukunft noch besser zu schützen. (Foto: Josh Estey/CARE)

Für die nächsten 25 Jahre hat CARE sich das Ziel gesetzt, Frauen wie Zeinabou beim Schutz ihrer Ersparnisse zu unterstützen – hauptsächlich durch die Verbindung zu Banken, in denen ihre Konten sicher und über Smartphone und Geldtransfer-Apps zugänglich sind. CARE hat damit bereits in Tansania, Kenia, Ghana und Uganda begonnen. Im Herbst 2016 wird die globale Gemeinschaft zur Armutsbekämpfung eine Vereinbarung verkünden, nach der bis 2020 eine Million Menschen zusätzlich ein Bankkonto erhalten sollen, etwa in neuen Märkten wie Burundi, Niger, Vietnam, Bangladesch und Kambodscha.

Eine Teilnehmerin führt Buch über die Einnahmen und Ausgaben der Gruppe

Eine Teilnehmerin führt Buch über die Einnahmen und Ausgaben der Gruppe. So behalten die Frauen den Überblick. (Foto: CARE)

Doch die Vorteile des formalen Banking liegen nicht nur in der Sicherheit. Der Zugang zu Bankkonten ermöglicht komplexere Finanzdienstleistungen, die die Spargruppen unbedingt benötigen, da ihr Guthaben, ihre Fähigkeiten und ihr Selbstvertrauen wachsen. Banken ermöglichen größere Darlehen, mithilfe derer die Spargruppen ihre Geschäfte ausbauen können – auch dann, wenn die Reserven in der Sparkiste erschöpft sind.

Ein Foto der Sparkiste

Das ist sie: die „geniale Kiste“. Die Frauen sehen sie als ein Symbol für Glück und Freiheit. (Foto: Josh Estey/CARE)

Zeinabou nennt die Sparkiste ihrer Gruppe die „geniale Kiste“. „Sie ist ein Symbol des Glücks, denn wenn sie offen ist, leihen die Menschen Geld und gründen Unternehmen. Das bedeutet Freiheit“, so Zeinabou. Vor 25 Jahren entdeckte Zeinabou, was Freiheit für sie bedeutet: Sie lieh Geld für ihr eigenes Erdnussölgeschäft und kaufte 20 Kilogramm Nüsse, die sie zu Öl verarbeiten konnte. Ihr Geschäft war so ertragreich, dass sie die Hochzeiten ihrer Kinder bezahlen und die Bedürfnisse ihrer Familie erfüllen konnte. „Alles hat sich zum Guten gewendet“, so Zeinabou.

Zeinabou wurde Zeuge, wie ihr Dorf Kagadama aufblühte. Die Mitglieder der Kleinspargruppen begannen, Hausmittel oder Backwaren zu verkaufen. Sie kauften Land, auf dem sie Karotten und Kohl, Hirse und Kartoffeln anbauten, und Tiere, um die Felder zu pflügen. Diese Nahrungsmittel sind gesund, vor allem für Kinder. Zeinabou sah Getreidebänke, die durch das Sparen und die Umsicht der Frauen aus den Kleinspargruppen ermöglicht wurden, die das Dorf vor der Dürre retteten und auch den Nachbardörfern halfen.

Eine Gruppe sitzt zusammen im Schatten eines großen Baumes, im Hintergrund ein Kamel

Die Zukunft der Kleinspargruppen: Sie liegt nicht nur im Schatten der Bäume, sondern auch in den Städten. (Foto: Josh Estey/CARE)

Gerade wächst die nächste Generation der Kleinspargruppen heran und genießt die finanzielle Unabhängigkeit. Einige von ihnen werden sich wie Zeinabou im Schatten der Bäume in den entlegensten Dörfern Afrikas treffen. Andere werden in städtischen Gegenden wie Kabul oder Port-au-Prince anzutreffen sein. Das Modell wird ständig an die Umgebung der Menschen angepasst werden. Und die Menschen werden die Kraft der Kleinspargruppen dazu nutzen, ihr Leben und ihre Gemeinden zu verändern.

Teilnehmerinnen sitzen vor Dokumenten (Foto: Josh Estey/CARE)

Die „geniale Kiste“ – geht sie bald online? (Foto: Josh Estey/CARE)

Wie geht es weiter mit der „genialen Kiste”? Sie könnte zukünftig ein Bankkonto sein, auf das die Mitglieder mit ihrem Smartphone zugreifen können – nicht mit drei Schlüsseln, aber mit drei Passwörtern.

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