Die Kunst der Geflüchteten

Auf Einladung des Regierenden Bürgermeisters von Berlin stellt CARE Gemälde geflüchteter Künstlerinnen und Künstler aus dem jordanischen Azraq-Flüchtlingscamp im Roten Rathaus aus. Die Bundesfreiwillige Lina Tölle berichtet von der Ausstellungseröffnung.

Der lange Weg aus Jordanien

Die Gemälde der syrischen Künstlerinnen und Künstler sind allesamt im Exil, im jordanischen Flüchtlingscamp Azraq, entstanden. Seit ihrer Flucht können sich die Syrerinnen und Syrer im CARE-Zentrum das erste Mal wieder der Kunst widmen. Nachdem der Regierende Bürgermeister Berlins, Michael Müller, in diesem Jahr das Camp besuchte, lud er die Künstlerinnen und Künstler ein, ihre Bilder im Roten Rathaus auszustellen.

Sara Rashdan und Jameel Dababneh bei der Ausstellungseröffnung im Roten Rathaus. Foto: CARE

Der Transport von vierzig, teils übergroßen Gemälden war eine Herausforderung. Nur dank der deutschen Botschaft, eines Flugzeugs der Bundeswehr und der großartigen Zusammenarbeit der CARE-Teams in Jordanien und Deutschland erreichten die 40 Gemälde am 10. November das Rote Rathaus am Berliner Alexanderplatz. Zusammen mit den Gemälden – nicht im Militärflugzeug, sondern im ganz normalen Linienflug – reisten Sara Rashdan und Jameel Dababneh von CARE Jordanien nach Berlin. Jameel setzt sich vielseitig für die Geflüchteten in Jordanien ein und leitet die CARE-Programme in Azraq. Sara ist speziell für die Kunstgalerie im Flüchtlingscamp zuständig.

Die syrische Krise erreicht Amman

Beim gemeinsamen Mittagessen erzählt Sara, dass sie seit fünf Jahren für CARE arbeitet. Sie ist die Assistentin der CARE-Länderdirektorin in Jordanien. Bevor sie zu CARE kam, studierte sie Kunst, ihre große Leidenschaft. „2015 flohen immer mehr Syrer nach Jordanien. Die Krise war bei uns angekommen“, erzählt sie. Mittlerweile hat Jordanien fast 1,4 Millionen Flüchtlinge aufgenommen, sie machen rund 10 Prozent der Bevölkerung aus. Die Lebenshaltungskosten steigen seitdem, Wohnraum wird teurer, Jobs werden knapper – mehr Menschen bedeuten höhere Nachfrage und die Preise steigen.

Trotzdem kümmern sich Jordanier und Syrer umeinander, wie Sara erzählt. Natürlich wird diese Annäherung durch die Ähnlichkeit der Kulturen begünstigt. Nur ein kleiner Anteil der Syrer lebt in Camps wie Azraq. Die meisten wohnen in den Städten, wo sich Nachbarn untereinander aushelfen und freundschaftlich miteinander umgehen.

Die Geflüchteten in Jordanien

Abends, vor dem Roten Rathaus. Sara und Jameel schenken uns kleine Puppen, die im Flüchtlingscamp im Rahmen eines Projektes von CARE, das sich speziell an Frauen richtet, entstanden sind. Sie dürfen allerdings nicht verkauft werden, was Jameel schon länger ein Dorn im Auge ist. „Die Produktivität im Camp ist hoch. Die jordanische Regierung regelt allerdings genau, in welchen Sektoren die Geflüchteten arbeiten dürfen. Registrierte Flüchtlinge können für Arbeiten in der Landwirtschaft oder der Gastronomie eine Arbeitsgenehmigung bekommen – doch verkaufen dürfen die Menschen in Azraq nichts“, erklärt er.

Der Aufwand hat sich gelohnt

Wir betreten das Foyer, in welchem der Empfang des Unternehmerpreises 2018 stattfindet. Im Rahmen des Preises wird heute auch die Ausstellung eröffnet. An der Art und Weise wie Sara und Jameel die Ausstellung bestaunen, merke ich ihnen ihre Rührung sichtlich an. Viele der Künstler haben seit ihrer Flucht alles verloren. Fern ihrer Heimat und mit teils traumatisierender Kriegserfahrung fehlen ihnen häufig Perspektiven. Die aufwendige Ausstellung im Berliner Rathaus gibt ihnen als Künstler und als Menschen die Anerkennung, die sie für ihre Arbeit verdienen.

Noch bis 31. Dezember ist die Kunstausstellung im Roten Rathaus zu sehen. Foto: CARE

Die wohlverdiente Wertschätzung

Das wird besonders deutlich, als der Regierende Bürgermeister in seiner Eröffnungsrede auf die „besonderen Bilder“ im Foyer zu sprechen kommt. Er zeichnet ein lebhaftes Bild der Situation in Azraq, der Bedeutung der Galerie und findet viele wertschätzende Worte für die Arbeit, die vor Ort und bei der Organisation der Ausstellung geleistet wurde. Die Resonanz ist durchweg positiv, die Bilder stoßen auf großes Interesse. Eine Journalistin vom Tagesspiegel kommt auf die beiden zu, um noch vor Ort ein Interview zu führen.

Eine Teilnehmerin möchte unbedingt sofort ein Bild mitnehmen, weswegen wir spontan umdisponieren müssen. Auch Sawsan Chebli, Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales in der Berliner Senatskanzlei, nimmt sich viel Zeit für Sara und Jameel und reserviert drei Bilder. Es ist schön zu sehen, wie viel Anerkennung und Wertschätzung den Werken und den Künstlern entgegen gebracht wird. Um 21 Uhr sind wir die letzten, die den Saal verlassen – glücklich, dass sich die Anstrengungen der Woche gelohnt haben.

Ich zeig‘ euch Berlin

Um acht Uhr stehe ich am nächsten Tag in der Lobby des Hotels von Sara und Jameel. Die beiden warten schon auf mich, sie haben gestern noch die gelungene Eröffnung gefeiert und deswegen nur drei Stunden geschlafen. „Na, wie war euer Frühstück?“, erkundige ich mich. „Kurz!“, versichert mir Jameel, Kaffeetasse und Sandwich balancierend, während er versucht, sich seine Jacke anzuziehen ohne den Regenschirm fallen zu lassen. Den haben wir auch dringend nötig, denn es regnet den ganzen Vormittag über. Sara und Jameel genießen das Wetter trotzdem, schließlich ist es in Amman meist heiß und trocken.

Verregnetes Berlin: Sara und Lina beim gemeinsamen Sightseeing. Foto: CARE

Erster Stopp, die Reichstagskuppel. Die Frau bei der Sicherheitskontrolle begutachtet die jordanischen Pässe interessiert: „So etwas sieht man auch nicht alle Tage!“ Also rein in den Aufzug, hoch zur Kuppel und die Audioguides geschnappt. Als Jameel hinunter in den Plenarsaal schaut, sagt er voller Überzeugung: „Das ist das Herz der Demokratie.“

Ein Stück Normalität

Nach einer kleinen Stadtführung muss ich mich schon wieder von Sara und Jameel verabschieden. Sie fliegen am nächsten Morgen zurück nach Amman. Was aber bleibt, sind die Werke der Künstlerinnen und Künstler im Roten Rathaus. Den Kunstschaffenden in Azraq wurde mit dem Ausbruch des Krieges im Jahr 2011 der Boden unter den Füßen weggezogen. Im Camp werden sie grundlegend versorgt, doch vor allem fehlt es ihnen an Normalität und Würde. Das schönste Geschenk, das wir ihnen also machen können, ist ihnen Respekt und Anerkennung entgegenzubringen – zum Beispiel durch einen Besuch im Roten Rathaus.

Die „Azraq Kunstgalerie“ ist noch bis zum 31. Dezember 2018 im Roten Rathaus zu sehen. Weitere Informationen zur Ausstellung finden Sie hier. Über CARE in Jordanien informiert unsere Website.

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