„Die Liebe hält uns warm und am Leben”

Von Lucy Beck, Referentin für Medien bei CARE International

Noor und Amfiraz lernten sich vor vier Jahren in Syrien kennen. Beide studierten zu dieser Zeit. Für Noor, heute 24 Jahre alt, war es damals Liebe auf den ersten Blick. Zwei Jahre später folgte die Verlobung.

Zwei Jahre, in denen sie mit ansehen mussten, wie ihre Heimatstadt Raqqa mehr und mehr verwüstet wurde. Ihr Leben spielte sich nunmehr im Zentrum des Konflikts ab, der Land und Menschen seit bald fünf Jahren fest im Griff hat. Bombenangriffe stehen an der Tagesordnung, Terror ist allgegenwärtig. Vor ein paar Wochen entschied sich das junge Paar schweren Herzens, ihrem bisherigen Leben in Syrien den Rücken zu kehren und die Flucht nach Europa zu wagen. Um für den Weg über die Türkei, Griechenland und Osteuropa aufzukommen, gaben sie – wie so viele– ihren gesamten Besitz auf. Doch der letzte Moment in der Heimat, so entschieden sie, sollte eine fröhlicher sein.

Zeit zu feiern, hatten sie bisher nicht

Kurz vor ihrer Abreise luden sie ein, um sich im Kreis von Familie und Freunden, zumindest inoffiziell, das Jawort zu geben. Doch nicht alle schafften es, dabei zu sein. So bleibt auch das Hochzeitsfoto, auf dem Amfiraz umgeben von lauter Frauen zu sehen ist, Ausdruck des Konflikts. „Es sind keine Männer mehr übrig in Syrien”, so Amfiraz.

Zeit zu feiern, sich die gemeinsame Zukunft auszumalen oder ungestörte Stunden miteinander zu verbringen, hatten die beiden keine. Ihr Weg führte sie zunächst in die Türkei, wo sie sich in Eile einen offiziellen Trauschein besorgten. Ein überladenes Schiff brachte sie kurz darauf nach Griechenland,  von wo aus sie – abermals über Wasser – nach Mazedonien gelangten. Hier setzten sie ihre Reise mit dem Zug, Bus und zu Fuß fort, bis sie schließlich an der serbisch-kroatischen Grenze ankamen, wo ich sie kennengelernt habe.

Als sie gegen sieben Uhr abends dort ankamen, war es bereits dunkel, doch sie wollten dennoch den halbstündigen Fußmarsch zum offiziellen Grenzübergang antreten, an dem kroatische Beamte sie in Busse verweisen, die sie in ein Auffanglager in der Mitte des Landes bringen sollen. Von dort aus geht es weiter nach Slowenien. Amfiraz erzählt mir: “Wir haben seit fünf Tagen nicht mehr richtig geschlafen, das letzte Mal eine Stunde in einem Camp in Mazedonien. Davor, ein paar Stunden auf der 14-stündigen Bootsüberfahrt nach Griechenland. Es ist zu kalt hier – wir können nicht schlafen. Außerdem wollen wir nicht verpassen, wenn man uns sagt, wann und wo es weitergeht.“ Mit einem Seufzen fügt er hinzu: „Wir sind so müde.”

Flucht statt Flitterwochen

Von ihrer Müdigkeit abgesehen, strahlen die beiden die Verliebtheit eines frischverheirateten Pärchens aus. Sie scherzen über den Mangel an Privatsphäre und erklären, dass sie ihre Hochzeitsnacht auf den Zeitpunkt verschieben, an dem sie ihr Ziel erreicht haben. Als sie mir die Bilder ihrer Flucht zeigen – Amfiraz und Noor vor türkischen und griechischen Sehenswürdigkeiten – muss ich unwillkürlich an ein junges Paar in den Flitterwochen denken. Ein kurzer Trugschluss, denn der Anblick der beiden, wie sie sich zitternd vor Kälte an ein Bündel Kleidung, Decken und andere Hilfsgüter klammern, lässt keine Zweifel daran aufkommen, dass dies keine Wunschreise ist

Amfiraz‘ Handy ist der wichtigste Besitz des jungen Ehepaars. Mit ihm dokumentieren sie die verschiedenen Schritte ihrer Reise und halten Kontakt zu Familie und Freunden, insbesondere zu jenen, die es schon nach Deutschland geschafft haben. Auch sie erhoffen sich dort eine bessere Zukunft. Am wichtigsten ist das Handy jedoch, da es ihnen verraten kann, wo sie sich befinden und wo sie hin müssen. Erreichen Sie einen Wi-Fi Bereich, läd Amfiraz als allererstes die Karte des nächsten Streckenabschnitts herunter. Zum Glück gibt es zahlreiche Stationen, an denen sie ihr Handy aufladen können und kostenlos Internetzugang haben. Auch CARE bietet Flüchtlingen diese Möglichkeit. Im 21. Jahrhundert kann die Technologie in manchen Fällen über Leben und Tod entscheiden.

Für Amfiraz und Noor jedoch, ist die Kälte das größte Problem. Zwar könne auch der Winter in Syrien kalt sein, erklären sie mir, doch eine solche Kälte hätten sie noch nicht erlebt. Und die Temperaturen werden weiter sinken. Nachts erreichen sie schon jetzt den Nullpunkt. „Es ist so kalt, dass ich Noor nachts ganz fest halten muss, um sie warm zu halten”, sagt Amfiraz. „Die Liebe hält uns warm und am Leben”, fügt er mit einem Lächeln hinzu.

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