Die Reise nach Jer… emie!

Muss ich irgendjemanden davon überzeugen, dass Besuche in den CARE-Projekten das Highlight meiner Arbeit hier in Haiti sind? Kürzlich durfte ich vier Tage im Süden des Landes verbringen, im Departement Grande Anse und seiner Hauptstadt Jeremie. Haiti hat eine kuriose Form, wie ein geöffneter Mund. Und Grande Anse ist sozusagen die Unterlippe.

Grüne Hügel durchziehen die Landschaft des Distrikts Grande Anse, eines der zehn Verwaltungsdistrikte Haitis. (Foto: CARE/ Hockstein)

Grüne Hügel durchziehen die Landschaft von Grande Anse, eines der zehn Verwaltungsdepartments Haitis. (Foto: CARE/ Hockstein)

So langsam kenne ich beinahe alle vier Ecken des Landes. Aber Grande Anse überrascht mit einem ungewöhnlichen Anblick: Grüne, bewachsene Hügel, soweit das Auge reicht. Auch hier wird viel gerodet, um Holzkohle zu gewinnen. Aber die Region ist nicht dicht besiedelt und hoffentlich werden hier nicht dieselben Fehler wiederholt wie im Rest des Landes.

Rheinländer würden Grande Anse jottwedee nennen, „janz weit draußen“. In der Sprache der Entwicklungshilfe heißt es remote and rural – abgelegen und ländlich. Das wäre in Europa ein Qualitätsmerkmal, bedeutet es doch Ruhe, Natur und dörflichen Charme. Tatsächlich ist die Provinzhauptstadt Jeremie sehr gemütlich im Vergleich zu Port-au-Prince. Aber remote and rural bedeutet in Haiti eben auch: Weite Wege, schlechte Straßen, wenige Krankenhäuser und Schulen. Die ländlichen Regionen des Landes sind ausgesprochen arm und sehr isoliert von der Metropolenregion rund um Port-au-Prince. Mit dem Auto dauert es rund zehn Stunden hier hin, deshalb nehmen wir das Flugzeug. Zum Glück habe ich keine Flugangst und mag diese kleinen Propellermaschinen gerne. Man sitzt zu zehnt in der kleinen Kabine und blickt dem Piloten buchstäblich über die Schulter, während unten die Küstenlandschaft Haitis vorbeizieht.

Cholera? Da war doch was!

Ich bin mit einer Fotografin unterwegs, um die CARE-Arbeit im Kampf gegen Cholera zu dokumentieren. Wir treffen Krankenschwestern, Freiwillige, geheilte Patienten, Menschen am Fluss die Wasser holen. Jeder hat eine Geschichte zu erzählen und mein Schreibheft füllt sich schnell. Mir fällt auf, wie stark das Engagement und Zusammengehörigkeitsgefühl der Gemeinden ist. Vielleicht bestärkt gerade die Abgeschiedenheit eine solche Solidarität. Wer nicht auf Hilfe aus der Hauptstadt zählen kann, muss sich eben selbst helfen. Während wir Richtung Wasserquelle spazieren, hält mein Kollege Markus an einem Verkaufsstand an und spricht mit der älteren Dame. Er bittet sie, ihre angebotenen Speisen gut abzudecken, denn Hygiene ist in Zeiten der Cholera noch wichtiger als sonst. Klare Sache: Das hier ist mehr als Dienst nach Vorschrift. Die CARE-Mitarbeiter sind Teil ihrer Gemeinde, arbeiten seit dutzenden Jahren für die Entwicklung der Region und nehmen ihre Vorbildfunktion ernst.

CARE-Freiwillige ziehen durch entlegene Dörfer, um die Bevölkerung über die Cholera Schutzmaßnahmen aufzuklären. Ihr Einsatz zeigt Wirkung. (Foto: CARE/ Hockstein)

CARE-Freiwillige ziehen durch entlegene Dörfer, um die Bevölkerung über Cholera Schutzmaßnahmen aufzuklären. Ihr Einsatz zeigt Wirkung. (Foto: CARE/ Hockstein)

Und es gibt positive Nachrichten: Die Ansteckungsraten sinken, die Cholera-Behandlungszentren sind nicht mehr so überfüllt. Im Gegensatz zu November, als ich in den Norden des Landes reiste, wo die Cholera gerade erst ausgebrochen war, zeigt sich fünf Monate später die Wirkung der Informationskampagnen: Jeder, den ich befrage, kann das Einmaleins der Hygienepraktiken aufzählen und alle sagen mit Nachdruck, dass sie Freunde und Familie selbstverständlich zum nächsten Arzt begleiten werden. Man könne sich ja danach desinfizieren lassen. Welch ein Unterschied zu den Gerüchten und Stigmatisierungen vorigen Herbst!

Was sonst noch geschah…

Haiti hat einen neuen Präsidenten. Der Popstar Michel „Sweet Mickey“ Martelly wurde vergangene Woche als Sieger der Stichwahl ausgerufen. Die Hoffnungen der Haitianer ruhen nun auf ihm, obwohl oder gerade vielleicht weil er ein Outsider ist. Alle hoffen, dass die Reise nun in die erhoffte Richtung geht, gen Entwicklung und Wiederaufbau.

Und Gary Victor hat Post aus Deutschland bekommen! Der beliebte haitianische Autor, den ich kurz vor Weihnachten für ein Interview getroffen habe, kann nun das allererste Hörbuch eines seiner Werke in den Händen halten. Vertont wurde „Der Blutchor“ dank der Initiative der Schauspielerin Judith Hoersch, dutzender prominenter Schauspielerkollegen, des Verlags Random House und CARE. Damals wünschte Gary allen Beteiligten eine gute Reise zu unbekannten Orten. Ich habe das Glück und Privileg, solche Orte wie Grande Anse für meine Arbeit bereisen zu dürfen. Allen in Deutschland wünsche ich, dass die akustische Reise nach Haiti genauso ereignisreich ist.

Einsatzorte

Ein Gedanke zu “Die Reise nach Jer… emie!

  1. Landschaftlich denkt man schon, das Haiti eine schöne Landschaft ist. Aber darauf sollte man bei der Urlaubsreise nicht immer achten. Viele achten bei Reisen auch nur darauf, dass es billig ist. Im Departement Grande Anse, der Hauptstadt Jeremie findet man wirklich eine schöne Landschaft vor. Im Gegenzug findet man dort aber auch Straßen, die schlecht sind, Krankenhäuser und auch Schulen findet man dort wenige. Im großen und Ganzen merkt man, das dieses Land ein Entwicklungsland ist. Auch deshalb, weil hier noch die Cholera ist. Die Menschen im Land haben ein starkes Wir Gefühl. Entwicklungshelfer gehen das Problem mit der Cholera an, gehen auf die Leute zu, sodaß die Cholera reduziert werden konnte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.