Die Reisschlange und das Kuchenfest -
Von Sabine Wilke
Im Morgengrauen reicht die Schlange bis ans Ende der Straße, um die Ecke, und noch viel weiter.
Die Frauen stehen dicht gedrängt, viele halten sich an den Händen. In der anderen Hand tragen sie ein pinkes Ticket – das ist die Farbe der Essensmarke für den heutigen Tag. Hier in Delmas verteilt CARE seit zwei Wochen Reis an die vom Erdbeben betroffene Bevölkerung. Das ist Teil einer Kampagne des Welternährungsprogramms insgesamt erhalten rund 2 Millionen Menschen Reis für die kommenden vier Wochen. Die Zahlen, von denen hier in Haiti gesprochen wird, sind für mich immer noch kaum fassbar. Deshalb bin ich froh, bei der Verteilung in Delmas dabei sein zu können. Denn all die Frauen hier, die Reis erhalten und damit ihre Familie zumindest in den nächsten Wochen ernähren können – sie stehen vor mir und geben den Statistiken ein Gesicht.
Gegen sieben Uhr beginnt die Verteilung und plötzlich geht alles ganz schnell: Am Eingang zeigen die Frauen ihr Ticket, gehen dann zu dem Platz, wo die Reissäcke gestapelt sind und erhalten – immer zu zweit – einen Sack Reis.
Die 50 Kilogramm teilen sie sich dann für ihre Familien. Am Ausgang warten ihre Ehemänner oder andere Verwandte, um beim Tragen zu helfen. Einige starke Damen schleppen den Sack Reis sogar alleine auf dem Kopf. 50 Kilo, das scheint beinahe so viel wie das Körpergewicht vieler Frauen, die an mir vorbeilaufen.
Dutzende CARE-Mitarbeiter arbeiten seit zwei Wochen unter Hochdruck für die Verteilung. Das Team war jeden Morgen um 4 Uhr auf den Beinen, verbrachte den Tag in der sengenden Hitze und konnte abends erst spät nach Hause. Die Logistik muss organisiert werden, die Menschen informiert und die Verteilung betreut. Das zehrt an den Kraftreserven. Deshalb gibt es heute abend im CARE-Hof eine kleine Versammlung mit Kuchen und Getränken für alle. Nach so viel harter Arbeit finde ich, dass sich das Team eine kleine Pause zum Durchatmen mehr als verdient hat.
Wir sitzen also zusammen, essen Kuchen, und alle freuen sich darauf, am nächsten Morgen zum ersten Mal etwas länger schlafen zu können. Manouche und Shirley sind zwei junge Frauen, mit denen ich morgens bei der Reisverteilung war. Sie bringen mir schließlich noch ein bisschen Kreolisch bei und lachen darüber, dass ich die zwei gelernten Sätze mit furchtbarem Akzent jedem entgegen rufe, der vorbeikommt. Sie hingegen bekommen das „Ich heiße …“ und „lecker“ schon ziemlich gut über die Lippen.
Tags: Erdbeben, Haiti, Lebensmittelverteilung, Nothilfe



