„Dir mein Elend zu erzählen, würde zwei bis drei Tage dauern.“

Zwei Frauen aus einem Flüchtlingscamp in Azraq, Jordanien, erzählen von ihrer Flucht. Im Camp bietet CARE Dienstleistungen für Flüchtlinge an und versorgt sie mit Informationen.

Laila (37): „Ich gebe meine Träume nicht auf.“

Laila zeigt uns nur ihre Hände, da sie anonym bleiben möchte.

Laila möchte anonym bleiben. Ihre Hände durften wir aber fotografieren. (Foto: Sara Rashdan/CARE)

Mein Name ist Laila. Ich bin 37 Jahre alt und komme aus Deir El Zor, einer Stadt im Osten Syriens. Ich ziehe meine Kinder alleine groß, denn mein Mann arbeitet in Jordanien als Schäfer. Als wir noch in Syrien wohnten, wurden wir Zeuge eines Luftangriffs, der nachts um zwei begann. Ich erinnere mich an die lauten Geräusche und das Chaos. Plötzlich stürmten bewaffnete Soldaten in unser Haus und drängten die Kinder und mich nach draußen. Es schneite, aber ich nahm meine Kinder auf den Arm und rannte um mein Leben. Menschenleben haben heutzutage keinen Wert mehr.

Ich zog in ein anderes Dorf, wo ich einen Monat lang blieb, bis ich zu einer Schule gebracht wurde, die als Flüchtlingsunterkunft genutzt wurde. Nach acht Monaten war die Schule völlig überfüllt mit Menschen, darunter waren viele Kinder. Wie Lockvögel saßen wir untätig herum und warteten auf den nächsten Angriff. Ich entschied, dass es sicherer wäre, weiterzuziehen.

In der Hoffnung, dass wir außerhalb des Dorfes sicher seien, baute ich in der Nähe einen Unterschlupf – doch es nützte nichts. Wir wurden vom Unglück verfolgt, egal, wohin wir gingen. Unter unserem Unterschlupf gruben Soldaten einen Tunnel, in dem sie sich und ihre Waffen versteckten. Ich rief meinen Mann in Jordanien an, um ihm zu sagen, dass ich die Situation nicht mehr aushielt. Mit meinen drei kleinen Kindern musste ich ständig umziehen. Aus Angst, dass uns etwas zustoßen könnte, bekam ich kaum noch Schlaf.

Vor dem Krieg hatte ich ein erfülltes Leben. Mein Mann arbeitete acht Monate im Jahr in Jordanien, die restliche Zeit verbrachte er mit uns. Ich lebte ein freies Leben und konnte jederzeit das Haus verlassen, um zum Markt zu gehen. Aber nach Ausbruch des Krieges konnten wir nicht mehr so leicht durch die Stadt laufen, denn es gab viele Straßenblockaden. Die meiste Zeit über saßen wir in der Falle. Wir wurden gewaltsam aus dem Haus verjagt, nur damit die Soldaten es zerstören konnten. Von meinem Zuhause ist nur noch Schutt und Asche übrig.

Auf meine Flucht nahm ich nur die Kleidung mit, die ich am Körper trug. Zum Packen blieb keine Zeit. Bei jedem weiteren Umzug brach es mir das Herz, wenn meine Kinder voller Angst und Traurigkeit weinten. Um sie zu trösten, sagte ich ihnen, dass wir an einen besseren Ort gehen würden. Ich belog sie, denn in Syrien gibt es keinen besseren Ort. Das ganze Land ist zerstört.

Von den vielen Bombenangriffen und den sterbenden Menschen, die sie sahen, bekamen meine Kinder schlimme Alpträume. Der Lärm der Kampfjets und Luftangriffe lösten bei ihnen Heulkrämpfe aus. Ich musste mit ihnen so häufig umziehen, dass es keine Art von Unterkunft gibt, in der wir nicht gelebt haben. Schließlich breiteten sich Krieg und Terror in meinem ganzen geliebten Heimatland aus und mir blieb nichts anderes übrig, als in Jordanien Zuflucht zu suchen. Gottseidank ist es in Jordanien sicher, und ich danke den Menschen dort sehr und wünsche ihnen, dass der Frieden bleibt.

Ich hoffe und wünsche mir, dass sich die Lage in Syrien verbessert. Andernfalls müssen wir in Jordanien bleiben und ich hoffe, dass meine Kinder hier zur Schule gehen dürfen. Mein ältestes Kind ist acht Jahre alt und hat noch nicht einmal die erste Klasse besucht. Es wäre sehr schade, wenn meine Kinder ungebildet bleiben müssten. Ich selbst bin Analphabetin und will nicht, dass meine Kinder ebenfalls nie Lesen und Schreiben lernen. Der Horror, den wir erlebt haben, hat unser ganzes Leben zerstört. Aber träumen dürfen wir trotzdem, oder?

 

Ruqayya (38): „Dir mein Elend zu erzählen, würde mehrere Tage dauern.“

Ruqayya zeigt ihre Hände.

Auch Ruqayya zeigt uns ihre Hände. (Foto: Sara Rashdan/CARE)

Mein Name ist Rugayya, ich bin 38 und komme aus Al Ghouta im ländlichen Damaskus. Ich verließ mein Dorf, um medizinische Hilfe für meine Tochter zu bekommen. Sie leidet unter einer schweren Blutarmut und benötigt regelmäßig Transfusionen. Normalerweise braucht sie alle drei Monate eine neue Transfusion, aber bei extremer Hitze oder Kälte verringert sich die Anzahl ihrer roten Blutkörperchen sehr stark.

Syrien habe ich wegen meinen Kindern verlassen, die medizinische Unterstützung und Bildung brauchen. Meine Tochter muss jeden Monat einen Bluttest machen lassen. Das mussten wir manchmal um ein oder zwei Wochen verschieben, je nachdem wie die Lage in Syrien war. In der letzten Zeit in Syrien wurde es unmöglich, meine Tochter von Ärzten versorgen zu lassen. Als wir zu meinen Schwestern zogen, hatte ich das Gefühl, dass wir eine zu große Last für sie waren. Meine beiden Schwestern leben zusammen mit ihren Männern in einem Haus. Jede von ihnen hat ein großes Zimmer. Ich schlief mit meinen Kindern auf alten Matratzen in der Küche.

Einer meiner Söhne blieb mit seinem Vater in Syrien und ein anderer lebt bei meiner Schwester in Damaskus, damit er sein letztes Schuljahr beenden kann. Wenn er jetzt gehen würde, hätte er keinen Schulabschluss.

Seit Ausbruch des Krieges hat sich die Lebenssituation meiner Kinder in vielen Bereichen verschlechtert. Wir waren eine sehr vertraute Familie, und meine Kinder waren ständig in der Nähe ihres Vaters und ihrer älteren Geschwister. Ich merke, dass sie sich immer mehr von mir abwenden und sich meiner Autorität widersetzen. In Syrien musste ich nie wiederholen, was ich ihnen gesagt habe. Schlafenszeit war Schlafenszeit! Jetzt wissen sie nicht mehr, was Disziplin ist. Der Krieg hat eine ganze Generation zerstört. Vielleicht können wir verstehen, wie sich der Krieg auf unsere Kinder auswirkt, aber wir werden nie wissen, was sie alles verpassen und wie ihr Leben ohne den Krieg ausgesehen hätte. Die Jugendlichen sind noch schlechter dran, weil sie rebellieren und sich irgendeiner bewaffneten Gruppe anschließen und dann im Krieg sterben.

Es würde wahrscheinlich ein oder zwei Tage dauern, meine ganze Geschichte zu erzählen. Ich habe so sehr gelitten. Es war die Hölle. An manchen Tagen hatten wir nichts zu essen und das einzige, was wir bekommen konnten, war Salz. Also löste ich das Salz in etwas Wasser auf und gab es meinen Kindern, um ihre Mägen zu füllen. Sie rochen, dass unsere Nachbarn Reis oder Linsen kochten und sagten dann, wie viel Glück unsere Nachbarn doch hätten. Wir hingegen aßen alles, was wir bekommen konnten, auch Laubblätter und Tierfutter. Meine Kinder wurden immer dünner und ich fühlte mich hilflos und schwach, weil ich meine Familie nicht versorgen konnte. Wenn ich sie fragte, ob sie hungrig seien, antworteten sie mir nie mit „Ja”, weil sie mich nicht verletzten wollten. Stattdessen fragten sie zurück: „Hast du denn Hunger?”

Vor dem Krieg habe ich vierzehn Jahre lang mit meinem Mann und den Kindern in einer Einzimmerwohnung gelebt. In dem Jahr, bevor der Krieg ausbrach, konnten wir ein bisschen Geld sparen und uns einen Anbau für das Haus leisten. Ich fühlte mich wie eine Königin, obwohl wir immer noch ein einfaches Leben führten. Mein Mann arbeitete als Holzfäller und von dem Geld, das der Verkauf des Holzes einbrachte, konnten wir unsere knurrenden Mägen füllen. Mein ganzes Leben lang träumte ich von einer Waschmaschine, und konnte mir endlich eine leisten. Traurigerweise hielt dieses schöne Leben nur sieben Monate lang. Dann wurde unser Haus zerstört. Ebenso die Waschmaschine. Und wir mussten fliehen. Weil ich mein Haus so sehr liebte, war ich eine der letzten, die das Dorf verließen. Ich wollte nicht, dass all die harte Arbeit, die wir in unser Zuhause gesteckt hatten, umsonst war.

Wenn ich zurückblicke, danke ich Gott dafür, dass wir jetzt in Jordanien sind. Ich bin froh, dass meine ganze Familie am Leben ist. Mein einziger Wunsch ist Frieden, damit wir nach Syrien zurückkehren können. Ich möchte mit meinen Kindern aufbrechen und dort in einem Zelt leben. Ich würde noch einmal vierzehn Jahre auf ein Haus mit zwei Zimmern und eine Waschmaschine warten.

In Jordanien unterstützt CARE bei der Bereitstellung von Informationen für Flüchtlinge, Einzelfallberatung, psychosozialer Hilfe, der täglichen Versorgung der Flüchtlinge, Freizeitaktivitäten und Sportangeboten, informellen Bildungs- und Ausbildungsangeboten wie Schneider-, Kosmetik- oder Computerkursen. Flüchtlingen werden täglich Bücher, Tablets und Laptops zur Weiterbildung oder Kommunikation mit ihren Familien zur Verfügung gestellt. CARE organisiert außerdem das Freiwilligenprogramm des Camps, das Flüchtlingen die Mitarbeit in den Organisationen ermöglicht, die in den Camps aktiv sind.

Weitere Informationen zu CARE-Projekten in Jordanien finden Sie hier.

Hier geht es zu weiteren Fluchtgeschichten aus Jordanien. 

Einsatzorte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.