„Das ist die Geschichte meiner Flucht.“

Um Aisha lebt in einem Flüchtlingscamp in Azraq, Jordanien. Sie erzählt von dem Leid, das sie auf ihrer Flucht erlebt hat.

Um Aisha möchte anonym bleiben. Das Foto zeigt ihre Hände.

Aisha möchte anonym bleiben. Sie erlaubt uns aber, ihre Hände zu zeigen. (Foto: Sara Rashdan/CARE)

Ich höre auf den Namen Aisha, bin 32 Jahre alt und komme aus Qusair in Syrien. Ich bin nach Jordanien gegangen, weil ein Teil meiner Familie hier lebt. Mein Bruder sitzt in Syrien im Gefängnis. Er ist verheiratet und Vater eines wunderbaren Jungen. Voller Freude trug er sein Kind durch unsere Nachbarschaft. Wir glaubten tatsächlich, dass uns nichts passieren würde, so lange wir uns nicht am Krieg beteiligen. Wir wurden eines Besseren belehrt. Mein Bruder wurde gefangen genommen und ins Gefängnis gesteckt, als sein Sohn gerade drei Monate alt war.

Mein Mann und ich hatten ein paar Besitztümer und Geld, aber wir mussten alles zurücklassen. Anfangs entschieden wir uns dafür, in meine Heimatstadt Mheen zu gehen. Dort bauten wir ein Haus und kauften Land, das wir als Bauern bewirtschaften konnten. Nach zwei Jahren erreichten die Kämpfe auch Mheen und wir mussten an einen anderen Ort fliehen. Einige Monate später informierte man uns, dass es sicher sei, nach Qusair zurückzukehren. Obwohl von unserem Haus nur noch verkohlte Reste übrig waren und all unsere Sachen gestohlen wurden, dankten wir Gott dafür, dass wir in Sicherheit waren. Da wir unser Land nicht verloren hatten, glaubten wir, dass wir noch einmal von vorne anfangen könnten.

Stein für Stein bauten wir uns unsere neue Zukunft auf. Dann hörten wir nach einigen Monaten, dass sich bewaffnete Gruppen unserer Stadt näherten. Es war das reinste Chaos. Niemand wusste, zu welcher Gruppe die Soldaten gehörten und auf welcher Seite sie standen. Wir waren vollkommen verloren und wussten nicht mehr, was richtig und was falsch war.

Ich habe eine Tochter, Fatima. Vor ihrer Geburt war ich bereits vier Mal schwanger, aber jedes Mal verlor ich im letzten Drittel meiner Schwangerschaft das Kind. Einmal war ich bereits im neunten Monat, als ich vom plötzlichen Geräusch sich nähernder Hubschrauber und abgeworfener Bomben so erschrak, dass ich eine Fehlgeburt hatte. Ein anderes Mal brachte ich einen Jungen zur Welt, aber er war eine Frühgeburt und überlebte nur eine Woche lang. Ein Brutkasten hätte ihn gerettet, aber unsere Krankenhäuser sind damit nicht ausgestattet. Wie soll ich das Leid in Worte fassen, das ich erlebt habe? Es ist unbeschreiblich.

An einem Tag, als ich Verwandte besuchte, die etwa zehn Meter entfernt wohnten, wurden die Kämpfe so stark, dass ich mich nicht traute, nach Hause zu gehen. Die Menschen waren in Panik und liefen aufgebracht umher, sodass meine Tochter und ich bei der Flucht von meinem Mann getrennt wurden, der in die entgegengesetzte Richtung lief.

Nach fünf Stunden auf der Flucht erreichten wir die Wüste. Dort lebten wir fünf Monate lang in der Hoffnung, dass wir bald wieder in unser Dorf zurückkehren könnten. Irgendwann gaben wir diese Hoffnung auf und schlossen uns den anderen Vertriebenen auf ihrem Weg zur jordanischen Grenze an. Ich ergab mich in mein Schicksal, das nun von fremden Menschen abhing. Alles, was ihnen zustoßen würde, würde nun auch mit mir geschehen. Ich musste Landminen und Luftangriffen ausweichen, die auf Zivilisten zielten. Unter diesem Konflikt leiden vor allem die unschuldigen Zivilisten.

Auf unserer Flucht machten wir eines Tages in einem kleinen Dorf Halt. Vor der örtlichen Bäckerei standen die Menschen Schlange, um Brot zu kaufen. Plötzlich, wie aus dem Nichts, wurde eine Bombe über der Bäckerei abgeworfen. Vor meinen Augen starben etwa 25 Menschen, die meisten waren noch Kinder. Ich sah, wie eine Mutter zwei Kinder verlor. Sie stand nur wenige Meter von der Stelle entfernt, an der die Bombe eingeschlagen war, und musste ihre Kinder sterben sehen. Sie stand so unter Schock, dass sie sich nicht bewegen konnte. Ganz still stand sie da. Die Mutter wird nie wieder zu ihrem alten Leben zurückkehren können. Fast jeder, den ich kenne, hat ein Kind oder einen Verwandten im Krieg verloren – eine traurige Wahrheit.

Ich habe schon viele schreckliche Dinge erlebt. Obwohl ich erst 32 bin, sind meine Haare schon grau. Könnt ihr euch vorstellen, nach einem Luftangriff durch die Straßen zu laufen und überall die Leichen von Menschen zu sehen? Junge Männer, die eigentlich studieren, heiraten und ihre Kinder großziehen sollten, werden vom Militär rekrutiert. Und wenn sie sich weigern, enthauptet man sie oder schlachtet sie wie Vieh. Manche dieser Männer waren Nachbarn oder die Söhne von Freunden und Verwandten. Du weißt ganz genau, dass sie ein solches Schicksal nicht verdient haben, aber du kannst nichts dagegen tun.

In Syrien hatte ich ein wundervolles Leben. Ich wohnte in einem schönen, grünen Dorf. Ich lebte frei und unbeschwert. Abends besuchten wir häufig Freunde und Verwandte und hatten eine Menge Spaß. Doch die Freiheit und Sicherheit wurde uns auf abscheuliche Weise genommen.

Unterkünfte im Azraq-Flüchtlingscamp.

Heute lebt Aisha in einem Flüchtlingscamp in Azraq, Jordanien. (Foto: Mahmoud Shabeeb/CARE)

Nie werde ich den Tag vergessen, an dem mein Mann krank wurde. Ich dachte, er müsste sterben. Zu der Zeit lebten wir noch in unserem Haus in Syrien, und die Kämpfe wurden gerade stärker. Eines Tages fiel meinem Mann das Atmen schwer. Auf der Suche nach Atemluft wanderten seine Augen verzweifelt umher. Es gab keinen Krankenwagen, der ihn in ein Krankenhaus bringen konnte, und der ortsansässige Arzt war gefangen genommen worden. Mein Mann drohte zu ersticken und ich konnte nichts für ihn tun. Glücklicherweise schenkte Gott ihm eine zweite Chance – nach vier Stunden bekam er wieder Luft.

Zwei Monate nach meiner Ankunft in Jordanien zeigte mir jemand ein Foto von meinem Mann auf Facebook. In der Bildunterschrift wurde er für tot erklärt.

Bevor ich hierher kam, hatte ich nie darüber nachgedacht, arbeiten zu gehen. In Syrien hatte mich mein Mann mit allem versorgt. Selbst wenn er nur sah, dass ich einfache Hausarbeiten verrichtete oder strickte, wollte er, dass ich damit aufhöre. Spaßeshalber bezahlte er mir für meine Strickwaren das Dreifache des Preises, den ich auf dem Markt erzielt hätte. Er liebte und respektierte mich sehr. Er wollte mir das Leben so einfach wie möglich machen. Wenn er mich jetzt nur sehen könnte! Ich kann nicht arbeiten und habe nicht einmal genug Geld, um meiner Tochter einen Keks zu kaufen. Ich fühle mich so hilflos und es bricht mir das Herz, wenn sie anderen Kindern beim Süßigkeiten essen zusieht. Mein größter Wunsch ist es, eine Arbeit zu finden, damit ich meine Tochter versorgen kann.

In Jordanien unterstützt CARE bei der Bereitstellung von Informationen für Flüchtlinge, Einzelfallberatung, psychosozialer Hilfe, der täglichen Versorgung der Flüchtlinge, Freizeitaktivitäten und Sportangeboten, informellen Bildungs- und Ausbildungsangeboten wie Schneider-, Kosmetik- oder Computerkursen. Wir stellen Flüchtlingen täglich Bücher, Tablets und Laptops zur Weiterbildung oder Kommunikation mit ihren Familien zur Verfügung. CARE organisiert außerdem das Freiwilligenprogramm des Camps, das Flüchtlingen die Mitarbeit in Organisationen ermöglicht, die in den Camps aktiv sind.

Weitere Informationen zu CARE-Projekten in Jordanien finden Sie hier.

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