Ein Besuch in Swala

Von Marie-Eve Bertrand

Die Dorfvorsteher in Swala. (Foto: CARE/Marie-Eve Bertrand)

Die Dorfvorsteher in Swala. (Foto: CARE/Marie-Eve Bertrand)

Mali liegt in der sogenannten Sahelzone. Der Sahel, oder “Sahil” auf Arabisch, ist die Grenzregion zwischen der Sahara und den grünen, fruchtbaren Gebieten. Die Region ist reich an verschiedenen Kulturen, Gerüchen, Geschmäckern. Seit einiger Zeit bestimmt aber vor allem eine Nahrungsmittelkrise das westafrikanische Land. Im letzten Jahr hat es kaum geregnet, das Getreide verdorrte. Die Ernte war folglich schlecht, die Ernährungspreise stiegen. Und das in einer Region, die sowieso von chronischer Mangelernährung, Armut und Ernährungsunsicherheit betroffen ist.
Ich besuche ein Dorf in der Djenné Region, Swala, anderthalb Stunden von Mopti entfert, einer Stadt in der Mitte von Mali. Als unser Wagen um die Dorfmauer biegt, höre ich schon die Trommeln. Dann Lieder. Und dann sehe ich sie. Hunderte Frauen, Männer und Kinder warten auf unsere Ankunft und die zweite Lebensmittelverteilung in zwei Monaten. Die Frauen tanzen, die Männer spielten Tamburin. Es war ein Fest zu unseren Ehren. Eine Welle der Rührung machte sich in mir breit, eine Welle der Solidarität…eine Welle der Demut.

Wärme und Lebensfreude

Sie sollten eigentlich diejenigen sein, die für ihren Mut gefeiert werden, für ihre Stärke. Sie umgaben mich mit ihrer Wärme, ihrer Lebensfreude. Hinter meiner Sonnenbrille rollten Tränen. Es war als ob ich die Ehre nicht wert und zu klein für all die Liebe sei.
Sie tanzten den ganzen Weg bis zur Hütte des Dorfvorstehers. Ein Dorf mit Häusern aus Lehm, strohbedeckten Dächern, Löcher als Fenster. Und jeder hat in dieser kleinen Hütte Platz gefunden. Sie sahen alle feierlich aus, lächelnd und stolz.

Der Vertreter des Dorfvorstehers sprach und nahm sich die Zeit, uns zu grüßen und zu danken. Sein Name ist Dramane Coulibaly. „Wir danken Euch für das Essen und Euren Besuch, der uns so viel bedeutet. Bevor ihr gekommen seid, hatten wir keine Hoffnung und wussten nicht, wie wir weitermachen, wie wir unsere Familien ernähren sollten. Die erste Verteilung von Nahrungsmitteln durch CARE hat unsere leeren Mägen beruhigt, aber reichte nur für die Hälfte der Bewohner“, sagte er. „Die Frauen können Dir am besten von unseren Problemen berichten“, sagte mir Dramane.

„Der Hunger schmerzt“

Dann sprach Pointou Coulibaly, Vorsteherin der Frauen. „Wir sind so glücklich, dass Ihr uns besucht. Unsere Lagerhäuser sind schon seit langer Zeit leer, weil in der letzten Saison wenig Regen gefallen ist. Im vergangenen Jahr reichten unsere Ernten nicht aus, und darunter leiden wir auch jetzt noch. Wir bewirtschaften das Land um zu leben und normalerweise verkaufen wir, was wir anbauen. Aber letztes Jahr gab es nicht einmal genug, um unsere Familien zu ernähren, also konnten wir auch nichts verkaufen.  Ohne Essen werden unsere Kinder krank. Sie können nicht zur Schule gehen, weil sie dafür nicht genug Kraft haben“, erzählt sie uns, während sie inmitten ihrer Angehörigen sitzt. “Der Hunger schmerzt, wir sind nicht mehr leistungsfähig “, fährt sie fort. „Wir teilen, was wir haben. Wir haben lieber weniger, aber dafür ein gutes Gefühl, weil wir unseren Nachbarn geholfen haben.“
Großzügigkeit, Solidarität. Das sind die wichtigen Dinge, wenn man merkt, dass man nicht viel braucht um zu teilen. Nur ein großes Herz.

„Viele Tiere sind gestorben, die anderen sehr dünn“

Die Wirtschaft im Dorf beruht auf drei Grundpfeilern: Landwirtschaft, Viehzucht und Tourismus. Letztes Jahr fiel kein Regen und die Lagerhäuser sind immer noch leer. Und obwohl es kürzlich geregnet hat, weiß niemand, wie die Zukunft aussieht. Und es sind noch vier Monate bis zur nächsten Ernte. Der Preis für Reis erhöht sich immer weiter, die Leute sind hungrig und durstig. Aber sie sind stolz und arbeiten hart. Aber auch viele Tiere sind gestorben, die anderen sind sehr dünn. Zu dünn. Vom Verkauf ihres Viehs können die Dorfbewohner nicht mehr leben. Die Touristen kommen nicht mehr, weil sie Angst vor der politischen Instabilität in der nördlichen Region des Landes haben. Dabei ist die Region hier und die berühmte Stadt Timbuktu Weltkulturerbe.

 

Frauen mit ihren kleinen Kindern im Dorf Swala. (Foto: CARE/Marie-Eve Bertrand)

Frauen mit ihren kleinen Kindern im Dorf Swala. (Foto: CARE/Marie-Eve Bertrand)

Der Dorfälteste sagt zu mir: „Ich würde Sie gerne um etwas bitten, damit wir überleben können. Gebt uns gute Werkzeuge zum Ackerbau, Saatgut und Wissen, um unsere Ernte zu verbessern. Wir sind Bauern und wir möchten arbeiten, um unsere Lagerhäuser zu füllen.“
Und da begriff ich, dass diese stolzen und mutigen Menschen den Grundsatz von Entwicklung verstehen. Dass sie wissen, dass Verteilung von Essen keine dauerhafte Lösung ist. Sie wollen arbeiten und ihre Zukunft selbst gestalten. Und wir haben die Ressourcen, um sie auf eine selbstständige Zukunft vorzubereiten.
Zum Abschied schenkte mir der Dorfälteste ein Päckchen Kola-Nüsse. Ein Geschenk, das für besondere Gelegenheiten und für große Feiern aufgehoben wird.
Ich ging voller Hoffnung, Liebe und Stolz und mit einem Geschenk, das mich sehr berührt hat. Aber auch mit einem vollen Magen. Denn von dem wenigen, was sie hatten, haben sie uns etwas zu Essen gemacht. Malische Solidarität.

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