Ein Dorf kämpft gegen die Dürre

Wie die Menschen im Niger unter dem Klimawandel leiden… und wie sie dagegen ankämpfen.

Eine Frau steht voh einem Zaun aus Holz, im Hintergrund ein Haus

Im Niger trifft der Klimawandel besonders Frauen und Mädchen. (Foto: CARE/Johanna Mitscherlich)

Der Niger ist eines der ärmsten und wirtschaftlich am wenigsten entwickelten Länder der Welt. 96 von 1000 Kindern sterben vor ihrem fünften Geburtstag, eine von 200 Frauen stirbt während der Schwangerschaft oder der Geburt ihres Kindes. Aktuell sind die Leben von zwei Millionen Menschen von Dürre und anderen Naturkatastrophen bedroht.

Im Niger, einem großen und trockenen Land in der Sahelzone, hat der Klimawandel spürbare Auswirkungen, besonders für Frauen und ihre Kinder. In den vergangenen Jahren mussten die Menschen mit immer weniger Wasser auskommen, die Regenzeiten werden immer kürzer und schwieriger vorauszusagen. Für ein Land wie den Niger ist das eine Katastrophe, da nur zwölf Prozent der Böden für den Anbau geeignet ist, aber 80 Prozent der Bevölkerung von der Landwirtschaft leben. Schwere Dürren führten in den letzten Jahren zu Missernten und der weltweit höchsten Rate an Mangelernährung und Nahrungsunsicherheit. Über 14 Prozent der Kinder sind akut unterernährt, 40 Prozent sind chronisch unterernährt. CARE arbeitet seit 1974 im Niger, ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit ist die Stärkung von Frauen und jungen Menschen. CARE hilft Gemeinden, sich gegen den Klimawandel zu schützen, fördert Ernährungssicherheit und zeigt alternative Einkommensquellen auf. Während der aktuellen Dürre und anderen Katastrophen unterstützt CARE vor allem Frauen und Mädchen, da sie von Dürre und Nahrungsmittelknappheit immer stärker betroffen sind. CARE hat Frauen und Mädchen sowie CARE-Mitarbeiter vor Ort gefragt, wie der Klimawandel ihre Leben beeinflusst und wie ihre Gemeinden sich gegen den Klimawandel und die Dürre wappnen.

Eine ausgetrocknete Staße im Dorf Chafouta, am Staßenrand vertrocknete Pflanzen

(Foto: CARE/Johanna Mitscherlich)

Zeinabou ist (Foto: CARE/Johanna Mitscherlich)

Zeinabou hat Glück: Sie kann ihre Kinder trotz Missernte ernähren. (Foto: CARE/Johanna Mitscherlich)

Zeinabou, 25, Mutter: „Der Klimawandel lässt unsere Kinder hungern“
„Ich wurde verheiratet als ich noch sehr jung war. Ich habe drei Kinder. In den vergangenen Jahren wurde die Situation schlimmer und schlimmer: Es hat kaum geregnet und die Ernte fiel schlechter aus als früher. Ich habe Angst, dass ich meinen Kindern nicht genug zu essen bieten kann und dass sie krank werden. Wir waren komplett auf unsere Ernte und unsere Tiere angewiesen, aber mit der Hilfe von CARE konnte ich ein kleines Geschäft aufbauen. Ich verkaufe Erdnussöl. Dieses Jahr haben wir nicht genug geerntet, aber dank meiner neuen Einkommensquelle müssen meine Kinder nicht hungrig zu Bett gehen.

Ein Mädchen mit Erdnüssen in der Hand steht auf einem Feld

Zahara kann zur Schule gehen – eine Investition in ihre Zukunft. (Foto: CARE/Johanna Mitscherlich)

Zahara, 10: „Ich helfe meiner Mutter, Erdnüsse zu sammeln. Aber erst nach der Schule.“
Zahara ist zehn Jahre alt. Sie lebt in einem kleinen Dorf im Süden des Niger. Sie geht auch sehr gerne zur Schule, ihr Lieblingsfach ist Kunst. Früher konnte sie, wie viele andere Mädchen aus ihrem Dorf, nicht zur Schule gehen und musste ihren Eltern helfen. Durch die Hilfe von CARE konnte Zaharas Mutter zusammen mit anderen Frauen aus dem Dorf ein Geschäft eröffnen. Mit Hilfe von CARE konnten 50 Hektar Ackerland zurückgewonnen werden, die von der Pflanze Sida Cordifolia zerstört wurden. Zaharas Mutter kann jetzt das Land für ihr Vieh nutzen. In ihrem kleinen Garten hilft Zahara nachmittags beim Sammeln von Erdnüssen: „Meine Mutter hat mir gesagt, dass sie sehr traurig war, weil sie nie zur Schule gehen konnte. Ich helfe ihr, die Erdnüsse zu sammeln. Aber immer erst nach der Schule.“

Ein Lehrer hockt vor der Tafel eines Klassenzimmers im Niger

Bildung hilft gegen den Klimawandel, sagt Inoussa. (Foto: CARE/Johanna Mitscherlich)

Inoussa, Grundschullehrer: „Bildung über den Klimawandel muss in der Schule anfangen.“
Inoussa ist der Schulleiter und Leher der einzigen Schule in dem Dorf Chafouta. Er unterrichtet jeden Tag 60 Jungen und Mädchen. „Die Kinder leiden am meisten, wenn der Regen nicht fällt und die Ernte ausbleibt. Sie haben Schwierigkeiten sich zu konzentrieren, jeder von ihnen weiß, wie sich Hunger anfühlt. Über die vergangenen Jahre hat CARE uns bei der Anpassung an den Klimawandel geholfen und hat uns Strategien gegen den Hunger und Unterernährung gezeigt. Ich unterrichte die Kinder über den Klimawandel. Sie müssen wissen was das ist und wie es sich auf ihre Leben auswirkt. Aber es ist genauso wichtig, dass sie wissen wie sie mit ihren Familien gegen die Wüstenbildung kämpfen können. Ich zeige ihnen auch, wie sie ihren eigenen, wenn auch kleinen Beitrag zum Klimaschutz leisten können.“

Ein Mann steht mit einem Regenmessgerät auf einem Feld

Ibrahim misst den Niederschlag im Dorf. (Foto: CARE/Johanna Mitscherlich)

„Regenmann“ Ibrahim: „Es regnet immer weniger, aber wir werden diesen Kampf gewinnen.“
Mehr als 80 Prozent der Menschen im Niger leben von der Viehhaltung und Landwirtschaft. 15,2 Millionen Bauern werden von ausbleibenden Regenfällen und Trockenheit bedroht, ihre Ernten drohen auszufallen. „Letztes Jahr wurde ich von CARE und den anderen Dorfbewohnern zum ‚Regenmann‘ gewählt. Ich messe die Regenmenge, die in unserem Dorf fällt. In den letzten Jahren hatten wir bis zu 90 Regentage, jetzt sind es kaum zwei Wochen. In diesem Jahr hatten wir bisher 145mm Niederschlag. Wir wollen mehr über die Regenmuster lernen. Meine wichtigste Aufgabe ist es aber, die Dorfbewohner zu informieren, wenn der Niederschlag 20mm beträgt. Dann können wir nämlich aussäen. Die Vegetationszeiten sind viel kürzer geworden, aber durch das verbesserte Saatgut von CARE konnten wir doppelt so viel ernten wie im letzten Jahr, obwohl es weniger geregnet hat. Seitdem wir den Zeitpunkt für das Aussäen besser festlegen können, hat niemand aus unserem Dorf mehr eine ganze Ernte verloren. Meine Aufgabe als ‚Regenmann‘ macht mich sehr glücklich. Wenn ich den Menschen Bescheid sage, dass die Arbeit losgehen kann, ist das ganze Dorf erfüllt von Freude und Glück. Wir sind alle sehr gerne Bauern und Hirten und wir lieben unsere Heimat. Wir wollen nicht von hier weg. Ich hoffe, dass wir uns weiter an den Klimawandel anpassen können, damit wir bleiben können.“

Eine Frau sitzt auf einer Decke, vor sich die Metallkiste der Kleinspargruppe

Durch Kleinspargruppen hat sich vieles verbessert, sagt Habsou. (Foto: CARE/Johanna Mitscherlich)

Habsou, 56, Präsidentin einer Kleinspargruppe und erfolgreiche Unternehmerin
„Ich kenne CARE seit vielen Jahren, ich war Teilnehmerin einer der ersten Kleinspargruppen. Als wir 1991 damit anfingen, hatten wir viele Probleme. Heute ist unser größtes Problem der Klimawandel, wir können nicht mehr so anbauen wie früher. Wir müssen uns anpassen. CARE hat uns gezeigt, wie wir Land zurückgewinnen und welches Saatgut und bessere Techniken wir verwenden können. Die Kleinspargruppen haben Frauen und Männern neue Einkommensquellen aufgezeigt. Schau Dir die Sachen an, die ich verkaufe! Ohne CARE wäre ich wohl nie in der Lage gewesen, mein Geschäft zu gründen. Als Präsidentin der Frauengruppe zeige ich nun anderen, wie sie sich selbstständig machen können.
Ja, wir leiden unter der Dürre. Aber wir haben immer einen Weg gefunden, dagegen anzukämpfen. Unser Dorf hat sich verändert, Kinder gehen zur Schule und nur wenige sterben an Unterernährung. Wir Frauen treten stärker auf: Wir verdienen unser eigenes Geld und manchmal verleihen wir das sogar an unsere Männer. Die Männer respektieren uns, was vielen Ehen guttut. Wir haben ein soziales Netz aufgebaut und verstehen uns untereinander besser als vorher. Mein Ehemann ist mir auch ein guter Freund geworden. Ich glaube, das liegt auch an CARE.“

Mehrere Frauen sitzen bei einer großen Schüssel und kochen

Hassia ist eine „Mutter des Lichts“ und kämpft gegen Mangelernährung

Hassia, „Mutter des Lichts“: „Wir müssen sicherstellen, dass jede Mutter weiß, wie sie ihre Kinder gesund ernähren kann.“
„Jeder hier ist vom Klimawandel betroffen, aber für Frauen und Mädchen ist die Situation besonders schlimm. Seit drei Jahren bin ich jetzt eine ‚Mutter des Lichts‘, also eine Freiwillige, die Müttern zeigt, wie sie gegen Mangelernährung kämpfen können. Jeden Monat besuchen wir die Familien in unserem Dorf und schauen, wie es den Müttern und Kindern geht. Wenn wir Fälle von schwerer Unterernährung sehen, schicken wir sie in das nächste Krankenhaus. Wenn die Kinder nur leicht unterernährt sind, können die Mütter an unseren Kochkursen teilnehmen. Sie kommen dann jeden Tag für zwei bis drei Stunden zu mir und bringen Lebensmittel mit. Jeder bringt mit, was er hat , zum Beispiel Erdnussöl, Hirse oder Ziegenmilch. Ich zeige ihnen dann Rezepte für Mahlzeiten mit 1.200 bis 1.500 Kilokalorien. Während wir kochen, sprechen wir über Hygiene und Gesundheit. In den CARE-Workshops habe ich viel über Hygiene, Ernährung und Kindergesundheit gelernt. Hier im Niger sind mehr als die Hälfte der Kinder chronisch unterernährt. Wegen ausbleibenden Ernten und Trockenheit wird es immer schwieriger für uns, unsere Kinder zu ernähren. Aber wir können nicht hier sitzen und auf den Tod warten. Ich bin sehr stolz darauf, eine „Mutter des Lichts“ zu sein und ich gebe gerne mein Wissen an andere Mütter weiter. Es macht mich glücklich zu sehen, wie sie wieder Hoffnung für die Zukunft bekommen.“

Eine Frau steht auf einem trockenen Feld

In Zukunft soll keine Frau mehr ihre Kinder verlieren. (Foto: CARE/Johanna Mitscherlich)

Anu Issa, Mutter von 6 Kindern: „Ich hoffe, dass in der Zukunft Mütter nicht mehr ihre Kinder verlieren“
„Ich habe von CARE drei Ziegen bekommen. Mit der Milch kann ich meine Kinder ernähren. Ich habe auch gelernt, wie ich mit Ziegenmilch, Erdnussöl und Hirse eine gesunde Mahlzeit für meine Kinder zubereiten kann. Von meinen neun Kindern sind zwei gestorben bevor sie auch nur ein paar Jahre alt waren. Ich will keines meiner anderen Kinder verlieren.Ich hoffe, dass mit der Hilfe von CARE keine meiner Töchter jemals eines ihrer Kinder beerdigen muss. Ich hoffe, dass sie alle zur Schule gehen können und Lehrer werden. Lehrer sind so wichtig für unsere Zukunft, sie bringen unseren Kindern bei, wie man ein gesundes Leben führt.“

Ein Radiomoderator in einem Studio von NYAA FM

Im Niger ist das Radio eine der wichtigsten Informationsquellen. (Foto: CARE/Johanna Mitscherlich)

Präsident von NYAA FM: „Wir müssen die Menschen über Klimawandel und Unterernährung informieren!“
Ibrahim ist der Chef der Radiostation NYYA FM und hat auch seine eigene Sendung. Die Radiostation in Tchadoua, einer Stadt im Süden des Nigers, ist eine der größten Stationen des Landes, mit mehr als einer Million Zuhörern. CARE und NYYA FM arbeiten eng zusammen: „Wir arbeiten mit CARE zusammen, weil Mitglieder der Frauengruppen die Idee hatten, Informationen zu Gesundheit, Ernährung und Hygiene einem größeren Publikum zugänglich zu machen. CARE ist hier in den Dörfern sehr bekannt. Wir informieren die Menschen auch über sich ändernde Wettermuster und sagen Bauern, wann sie aussäen können. Nur ganz wenige hier haben Zugang zu Fernsehen oder Zeitungen. Sie informieren sich über das Radio und sind froh, wenn wir ihnen so helfen können“, sagt Ibrahim. Das Ministerium für Kommunikation hat die Radiostation für ihren Einsatz für die Dorfgemeinschaften ausgezeichnet.

Ein CARE-Mitarbeiter steht vor einer Wand

Amadou Dan Kouré koordiniert das „Mütter des Lichts“-Projekt

Amadou Dan Koure, CARE-Experte: „Wir wissen, was gegen den Klimawandel hilft und die Menschen wollen sich auch anpassen. Aber wir brauchen mehr Ressourcen.“
„Der Niger schneidet schlecht in Bezug auf wirtschaftliche Entwicklung und Armut ab, aber die Menschen hier sind voller Energie und Optimismus, trotz der vielen Herausforderungen! Zusammen mit lokalen Partnerorganisationen hat CARE hart daran gearbeitet, die Menschen hier auf den Klimawandel vorzubereiten. Zuerst, und das ist am wichtigsten, müssen sie verstehen, wogegen wir hier eigentlich kämpfen. Mit Hilfe von internationalen Geldgebern arbeitet CARE in den betroffenen Regionen, um den Ertrag und den Profit der Bauern mit neuen Anbaumethoden zu steigern. Kleinspargruppen helfen den Dorfbewohnern, neue Einkommensquellen zu erschließen und sich an den Klimawandel anzupassen und auf andere Naturkatastrophen vorzubereiten.
Zusammen mit den Bewohnern analysieren wir die Risiken, denen die Dörfer ausgesetzt sind und entwickeln dann Strategien für verschiedene Szenarien. Was kann man machen, wenn zu wenig Regen fällt? Wie kann man sicherstellen, dass das Vieh überlebt, wenn das Futter knapp wird? Was für alternative Einkommensquellen gibt es, wenn die Ernte ausfällt? Wir waren sehr erfolgreich mit den Anpassungsplänen und die Menschen verstehen, warum das so wichtig ist. Wir wissen, was gegen den Klimawandel hilft und wir können auch sehen, dass die Menschen hier nicht nur besser gegen Dürren vorbereitet waren, sondern auch, dass es ihnen insgesamt besser geht. Wir müssen uns auf innovative Ansätze konzentrieren, um auf zukünftige Katastrophen noch besser reagieren zu können. Heute sieht es so aus, dass das meiste Geld erst dann hier ankommt, wenn die Katastrophe schon zugeschlagen hat. Ich wünsche mir, dass die Entscheidungsträger verstehen, dass Prävention der Schlüssel ist. Sie kostet im Endeffekt weniger und ist deutlich humaner.“

Ein Mann und zwei Frauen halten ein Plakat mit einem Plan

Amadou präsentiert einen Plan zur Anpassung (Foto: CARE/Johanna Mitscherlich)

Einsatzorte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.