Ein Fußball gegen ein Huhn

Valeska Homburgs nächste Station ist eine Gemeindeschule im ländlichen Sambia. Dort erfährt sie, wie das CARE-Bildungsprojekt in der Praxis aussieht:

Die Dorfbewohner empfangen das CARE-Team mit einer feierlichen Begrüßungszeremonie. (Foto: CARE/Thomas Knoll)

Wir kommen zu einer Lehmhütte mit Strohdach. Das ist die Schule. Als Straße kann man das nicht mehr bezeichnen, was wir benutzt haben, um hierher zu kommen. Von Chama – dem nächst größeren Ort – sind wir über anderthalb Stunden fast nur in Schrittgeschwindigkeit gefahren. Über raue Wege und durch Maisfelder, die unseren Jeep förmlich verschluckt haben. Die Straße ist hier nur noch ein Trampelpfad. Es ist beschwerlich, sich mit dem Auto fortzubewegen. Ab und zu kommt uns ein Radfahrer entgegen, der dann im Maisfeld abtaucht, um uns Platz zu machen. Fahrräder sind hier das Fortbewegungsmittel Nummer eins.

Unsere Ankunft an der Schule ist unüberhörbar. Denn etliche Kinder rennen neben unserem Auto her, lachen und winken. „Muzungus“ (Weiße) haben sie hier wohl noch nie gesehen. Wir steigen aus und sind sofort umringt. Gefühlt schütteln wir die Hände aller Ortsbewohner.

Wenn die Arbeit Früchte trägt

Unter dem mächtigen Mangobaum ist das gesamte Dorf zusammengekommen. In einer feierlichen Zeremonie werden wir begrüßt. Die Ältesten sprechen – ihre Sprache ist Tumbuka . Für uns wird auf Englisch übersetzt. Wir werden gebeten, uns vorzustellen und der Gemeinde zu erzählen, warum wir hier sind. Dejan, Thomas und ich streuen die gestern gepaukten Vokabeln und Ausdrücke in Tumbuka in unsere Begrüßung ein und spüren, dass das Eis damit gebrochen ist.

Tänze, Reden, Gesänge und auch ein Sketch folgen, in dem vier Dorfbewohner eine streitende Familie darstellen. Sie haben einen Disput darüber, ob ihr Kind zur Schule gehen soll, oder nicht. Der Sketch ist witzig und so herrlich überzogen, dass schnell klar wird, dass es um die Frage, ob Kinder überhaupt in die Schule gehen sollen, nicht mehr geht. Alle Eltern sind hier stolz darauf, dass ihre Kinder eine Chance auf Bildung haben.

Die Verantwortlichen zeigen uns die Schule. Noch findet der Unterricht – wie in den letzten Jahren – in einer Lehmhütte statt. Aber nebenan entsteht gerade ein weiteres stabileres Gebäude. Die Backsteine sind selbst gemacht, Lehm dient als Zementersatz. Das neue Gebäude wird dringend gebraucht, denn inzwischen gibt es hier 222 Schüler, aber nur zwei Klassenräume in der Lehmhütte, so dass der Unterricht in Etappen stattfinden muss. Und nach 17 Uhr ist das nicht mehr möglich, denn dann ist es dunkel und an Elektrizität ist hier überhaupt nicht zu denken.

Erfolg ist Teamarbeit

Dejan setzt sich mit allen Elternvertretern und den Schulverantwortlichen zusammen. Er will wissen, wie sich die Schule seit seinem letzten Besuch entwickelt hat. Wie viele Schüler gibt es, wie viele Lehrer. Was läuft gut, was schlecht und wobei wünschen sich die Gemeinden Unterstützung. Es geht nicht darum, eine Wunschliste in Empfang zu nehmen, sondern vor allem darum, herauszufinden, welche Themen der Gemeinde am Herzen liegen.

Valeska Homburg im Gespräch mit Frauen aus der Gemeinde. (Foto: CARE/Thomas Knoll)

Sie brauchten dringend ein Bohrloch, sagt ein Vater. Und Toiletten und ein Haus für die Lehrer. Dejan notiert das, verspricht, diese Wünsche weiter zu kommunizieren, aber macht auch deutlich, dass das CARE-Projekt nicht alles leisten kann. Die Eltern wissen das. Sie wollten es trotzdem äußern. Verknappt gesagt dient das Projekt nicht dazu, irgendwelche Sachgegenstände anzuliefern. Alles entsteht aus der Gemeinde heraus. Unterstützung bekommt sie lediglich beispielsweise beim Beantragen von Fördermitteln, beim Knüpfen von Kontakten und beim Artikulieren ihrer Bedürfnisse. Und es werden Workshops für Eltern und Weiterbildungen für Lehrer durchgeführt. Dejan fragt sich zu den Themen durch, bei denen CARE und die sambische Partnerorganisation ROCS unterstützen können. Sie hätten zu viele Schulabbrecher – vor allem Mädchen – sagt ein anderer Vater. Und sie müssten etwas tun, um die „early marriages“ – die Hochzeiten in ganz jungem Alter zu verhindern. Dejan spricht lange mit der Runde, um einen fundierten Eindruck zu bekommen. So ist das bei einem „Monitoring“-Besuch, den die CARE-Projektbetreuer wie Dejan regelmäßig machen.

Die Probleme, die geäußert wurden, werden in den Workshops besprochen, die CARE und ROCS für die Eltern ausrichten. Die Eltern werden dort genau für solche Themen wie „early marriages“, die Förderung der Mädchen sowie HIV/AIDS sensibilisiert und sie werden unter anderem auch darin unterstützt und bestärkt, ihre eigenen Ressourcen besser auszuschöpfen.

Auch Fußball ist ein Stück Kultur

Es wird dunkel. Bei letztem Licht werden wir in kleinem Kreis die Lehmhütte gebeten. Die Gemeinde hat als Dank an uns für den Besuch Essen vorbereitet. Irgendwie hat man fast ein schlechtes Gewissen das anzunehmen, wo alle Dorfbewohner doch selbst kaum über die Runden kommen und die meisten nicht mehr als einen Euro pro Tag zur Verfügung haben.

Dejan hält eine stimmungsvolle Schlussrede und übergibt unser Gastgeschenk: ein Fußball für den Ort. Wir haben ihn extra in einer Tasche getarnt, damit die Kinder ihn nicht direkt sehen können und Dejan seine Rede zu Ende bringen kann. Aber selbst die Kleinsten haben das längst durchschaut und tuscheln aufgeregt. Die Freude über das neue Spielgerät ist riesig. Und schnell wandert das Gastgeschenk auch durch die Hände der neugierigen Erwachsenen und wird staunend von allen Seiten begutachtet.

Wir verlassen das Dorf mit vielen Eindrücken, die wir so schnell nicht vergessen werden. Und mit einem Sack voll Reis und einem lebenden Huhn im Kofferraum – unserem Abschiedsgeschenk. Morgen machen Thomas und ich uns auf zu einer anderen Schule. Wir haben versprochen, dort eine Schulstunde zu gestalten und wollen mit den Kindern einfach ein bisschen Spaß haben. Und wir haben vor, dass unser rundes Gastgeschenk – denn wir haben für jede Schule eins dabei! – dort in einem kleinen Turnier direkt zum Einsatz kommt. Mal gucken, wie das ankommt.

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