Ein Kind ohne Heimat. Ein Kind ohne Namen.

 Jaqueline Dürre unterstützt die CARE-Nothilfe für Menschen in Kurdistan-Irak. (Foto: CARE/Johanna Mitscherlich)

Jaqueline Dürre unterstützt die CARE-Nothilfe für Menschen in Kurdistan-Irak. (Foto: CARE/Johanna Mitscherlich)

Jaqueline Dürre ist CARE-Projektreferentin für Kurdistan-Irak. In ihrem Blog schreibt sie über Begegnungen mit Menschen, die alles hinter sich lassen und fliehen mussten.

Es ist kalt und regnet, als ich im Flüchtlingscamp Berseve I ankomme, das etwa zwanzig Fahrminuten von Zakho entfernt in Kurdistan-Irak liegt. Das Wasser prasselt auf die Zeltplanen, der Boden ist aufgeweicht und meine Hände sind schon nach wenigen Minuten eiskalt. Die meisten Flüchtlinge hier sind nur mit den Kleidern gekommen, die sie am Leibe trugen, als sie ihre Heimatdörfer im Sinjar-Gebirge verlassen mussten.  Mehr als die Hälfte der insgesamt etwa 2,1 Millionen Vertriebenen im Irak ist hier nach Kurdistan-Irak geflohen und benötigt dringend Wasser, Nahrungsmittel, Gesundheitsversorgung und ein sicheres Dach über dem Kopf. Als im Sommer 2014 innerhalb von wenigen Tagen zehntausende Menschen auf der Suche nach Sicherheit nach Zakho, Dohuk und Erbil strömten, schliefen viele von ihnen zunächst in Parks, Rohbauten oder auf dem Gehweg. Mittlerweile lebt etwa die Hälfte der Vertriebenen in Camps, wie hier in Berseve I, das im November eröffnet wurde.

An diesem Tag treffe ich Halala*, die zusammen mit ihrem Mann, ihren sechs Kindern und ihrer Schwiegermutter in einem 16 Quadratmeter großen Zelt lebt. Während wir sprechen, liegt sie im Bett. Erst vor wenigen Wochen brachte sie ein Kind zur Welt und hat noch große Schmerzen. „Das ist der letzte Ort an dem ich jemals ein Kind bekommen wollte“, erzählt sie mir und zeigt auf das Innere des kleinen Zeltes, in dem mit Plastikplanen eine Kochstelle und der Schlafbereich abgetrennt sind. Außer ein paar Matratzen und Decken ist das Zelt leer. Das Neugeborene, ein kleiner Junge, hat noch keinen Namen. „Gib‘ Du dem Baby einen Namen“, fordert sie mich auf. „Woran hattet Ihr denn gedacht?“ frage ich zurück. „An Bevar“, sagte die Mutter traurig und senkte dabei den Kopf. „Das heißt ‚ohne Heimat‘ in unserer Sprache.“ Halalas Familie will zurück, wie alle Menschen hier. Sie vermissen ihr Zuhause, wissen jedoch nicht, wann und ob überhaupt sie es jemals wiedersehen.

Während Halala mit mir spricht, sind ihre Kinder sehr unruhig. Sie haben nichts zu tun im Camp, es gibt kein Spielzeug, die Schule hat noch nicht geöffnet, und draußen, zwischen den Zelten, ist nicht genug Platz zum Spielen. Die Zelte stehen in Berseve I eng bei einander; mit etwa 15.000 Menschen ist es voll ausgelastet. Außerhalb des Camps ist zwar mehr Platz, aber die Eltern haben Angst um ihre Kinder. Damit die Kinder etwas zu tun haben, helfen sie beim Feuerholz- und Wasserholen.  Die Hausarbeit ist die einzige Abwechslung, die sie haben. Wie viele andere Frauen im Camp weiß Halala jedoch genau, wie ihre Situation verbessert werden kann: „Wir brauchen mehr Toiletten, mehr Waschmöglichkeiten, warme Decken und einen Ort, an dem unsere Kinder spielen können.“ Aufgrund der Kälte und Überfüllung des Camps leiden viele Menschen bereits an Atemwegserkrankungen und Krätze breitet sich aus.

Frauen im Flüchtlingscamp Berseve I bei der Zubereitung von Brot. Mit ihnen leben dort rund 15.000 Menschen, die ihre Heimat, das Sinjar-Gebirge, wegen anhaltender Gewalt verlassen mussten. (Foto: CARE/Mary Kate MacIsaac)

Frauen im Flüchtlingscamp Berseve I bei der Zubereitung von Brot. Mit ihnen leben dort rund 15.000 Menschen, die ihre Heimat, das Sinjar-Gebirge, wegen anhaltender Gewalt verlassen mussten. (Foto: CARE/Mary Kate MacIsaac)

CARE hat mit Geldern des deutschen und luxemburgischen Auswärtigen Amtes und Aktion Deutschland Hilft im Winter Hilfsgüter verteilt; Öfen, warme Decken und Winterkleidung. Seit Januar organisiert CARE die Müllentsorgung, hat Mülleimer und -tüten verteilt. Außerdem hat CARE sogenannte „Feuerkomitees“  gegründet, in denen Flüchtlinge zusammen mit lokalen Kräften den Feuerschutz im Camp verbessern, unter anderem durch die Verteilung von Feuerlöschern. Auch andere lokale und internationale Organisationen sowie die kurdische Regierung arbeiten unter Hochdruck daran, die Menschen in und außerhalb der Camps zu Versorgung. Aber bisher stehen bei Weitem nicht ausreichende Gelder zur Verfügung, um allen Menschen helfen zu können.

Als ich mich von der Familie verabschiede und zurück zum CARE-Auto laufe, blicke ich mich noch einmal um in dem Camp, das für Halala und ihr immer noch namenloses Baby ein neues Zuhause geworden ist. Es regnet immer noch, und es sind kaum Menschen zu sehen. Vor einem der Zelte hockt ein kleiner Junge. Er trägt Plastiksandalen und wirft kleine Kieselsteine vor sich auf den Boden. Er symbolisiert für mich den Stillstand, zu dem das Leben hier für viele gekommen ist. Die Menschen, die hier leben, haben alles verloren: Familienangehörige, ihre Häuser, ihren Job, ihr Hab und Gut und auch ihr Einkommen. Wie dieser Junge müssen sie warten; warten auf eine Zukunft, die sie selbst gestalten können und nicht mehr auf Hilfe angewiesen sind.

*Name geändert.

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