Ein Schatz und starke Frauen

Michelle, die Sekretärin der Gruppe, zeigt CARE-Vorstandsmitglied Stefan Ewers das Sparbuch eines Kleinspargruppenmitglieds, Carrefour. (Foto: CARE/Kara Langford)

Michelle, die Sekretärin der Gruppe, zeigt CARE-Vorstandsmitglied Stefan Ewers das Sparbuch eines Kleinspargruppenmitglieds, Carrefour. (Foto: CARE/Kara Langford)

Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich in der Karibik und in Haiti. Es ist schwül  und die Sonne brennt. Meine Reise fällt in den Beginn der Regensaison – das wird mir später noch häufiger in Erinnerung gerufen. Und das nicht nur jeden Abend, wenn es schüttet als gäbe es kein Morgen mehr sondern auch bei Feierlichkeiten wie der Ra-Ra Prozession. Aber dazu später mehr.

Ich möchte erfahren, wie die Menschen die ersten Jahre nach dem fürchterlichen Erdbeben vor vier Jahren überstanden haben, welche Träume zusammen mit ihren Häusern zerstört wurden. Ich möchte die Menschen fragen, was ihnen den Mut und die Zuversicht gegeben hat, dennoch weiter zu leben und ihr Schicksal wieder selbst in die Hand zu nehmen. Und natürlich bin ich auch selbst mit Hoffnungen hierher gereist: Ich möchte sehen und hören, dass  CARE den Menschen nach dieser Katastrophe nicht nur Hilfe sondern auch Hoffnung geben konnte und dass sich ihr Leben danach zum Besseren verändert hat.

Zusammen mit einem Kollegen von CARE Haiti fahre ich nach Carrefour, ein Distrikt direkt am Meer, der besonders unter dem Erdbeben gelitten hat. McArthur, so der wenig kreolische Vorname meines heutigen Partners, ist selbst vor 25 Jahren in Port-au-Prince auf die Welt gekommen. Er war auch während des Bebens hier. „Kein Haitianer wird jemals in seinem Leben vergessen, wo er am 12. Januar 2010 gewesen ist“, sagt McArthur über die Vergangenheit.  Den Namen hat er von seinem Großvater geerbt, der allerdings einfach Arthur hieß.

McArthur ist Spezialist für Kleinspargruppen. „Ich selbst bin direkt nach der Schule Mitglied in einer Spargruppe geworden. Ich liebe das: nirgends sonst sieht man so schnell und konkret Erfolge. Man kann ganz leicht vorher und nachher vergleichen“, so McArthur. Ich bin nun noch mehr gespannt auf das Treffen der Spargruppe im Klassenraum einer Schule. Vor der Schule nimmt uns der CARE-Berater der Gruppe in Empfang: MacKenson’s Eltern teilten offenbar auch die Vorliebe für exotische Vornamen. Er arbeitet seit über drei Jahren mit Kleinspargruppen zusammen, die alle direkt nach dem Erdbeben gegründet worden sind. „Ich betreue heute 75 Spargruppen und alle organisieren sich vollständig selbst“, erläutert MacKenson noch schnell, bevor wir zu der Gruppe gehen.

„Famm Vanyan“ – die starken Frauen

„Famm Vanyan“ – die starken Frauen – lautet ihr Name; dennoch dürfen neben 23 Frauen auch zwei Männer Mitglied sein. Heute sind 19 Teilnehmer bei dem wöchentlichen Treffen zusammen gekommen. Es ist ein besonderes Treffen. „Heute wird nicht nur Geld eingezahlt, sondern es werden auch neue Darlehen vergeben“, flüstert MacKenson mir zu. Jedes Mitglied wird einzeln aufgerufen, zahlt in die Kasse ein und erwirbt so einen zusätzlichen Anteil am Vermögen der  Gruppe. 4.900 Gourdes werden heute eingezahlt – das sind etwa 85 Euro. Die Kasse ist eine graue Metallkiste und sieht nicht aus als würde sie Schätze hüten. Aber sie birgt ein Vermögen, das weit über die insgesamt knapp 10.000 Gourdes Bargeld in ihr hinausgeht: „Diese Spargruppe macht uns nicht nur wirtschaftlich erfolgreich sondern auch selbstbewusst und stolz“, erklärt uns Michelle, die junge Sekretärin der Gruppe. Sie bittet jedes einzelne Mitglied zur Einzahlung nach vorne, nimmt das Geld in Empfang und quittiert den Eingang der Zahlung mit Sternen in den Sparbüchern. Jeder Stern steht für ein Guthaben von 200 Gourdes. Vor zwei Jahren stand ein Stern – der Mindestanteil am Vermögen der Gruppe – noch für 50 Gourdes. „Aber das wurden dann zu schnell zu viele Sterne. Im zweiten Jahr kostete ein Stern dann 100 Gourdes und nun können wir auch Anteile von 200 Gourdes einzahlen“, berichtet Michelle. Über 40 Prozent der Erwachsenen in Haiti können nicht lesen –aber die Sterne versteht jeder.

Bevor die Sparbücher  wieder in der Metallkiste verschwinden, werden noch neue Kredite vergeben. „Jedes Mitglied kann einen Kredit bis zur dreifachen Höhe der eigenen Einlage bekommen – und alle Mitglieder stimmen gemeinsam über die Anträge ab“, erklärt McArthur mir leise. Nun wird es also spannend. Ist genug Geld für alle Wünsche in der Kiste?

Darüber, über die Ra-Ra Prozession und das Ende der Trockenzeit werde ich in meinem nächsten Blogeintrag berichten. McArthur wird übrigens in zwei Monaten zum ersten Mal Vater. Sein Sohn wird Arthur heißen, nach seinem Großvater. So lebt in Haiti die Zukunft mit der Vergangenheit weiter.

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