Ein Tag im Azraq Flüchtlingscamp

Als ich Mitte Juli das erste Mal in den Bus ins Azraq Flüchtlingscamp stieg, hatte ich keine Vorstellung davon, was mich dort erwarten würde. Nun arbeite ich seit einem Monat regelmäßig dort. Wie ich den Campalltag erlebe, erfahrt Ihr hier.

Der bunte Anstrich war ein Projekt von CARE – das Gemeinschaftszentrum soll ein Zufluchtsort sein.Was bedeutet es, in Azraq zu arbeiten?
Auch wenn es sich für mich anfühlt wie mitten in der Nacht, ist Amman um 6.00 Uhr bereits in das sanfte Licht der Morgendämmerung getaucht, wenn ich zum CARE-Büro am Hashemi Center fahre. Von hier aus macht sich ein kleiner Bus auf den Weg ins Azraq Flüchtlingscamp, voll besetzt mit CARE-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern, die sich morgens ihr Frühstück teilen, lachen und quatschen.Der Bus schlängelt sich durch dicht nebeneinander stehende Häuser in Ost-Amman und die kahlen aber sanft geschwungenen Hügel der trockenen Wüste. Nur ein paar Meter abseits der Landstraße befindet sich die Einfahrt zum Camp. Die Bustür öffnet sich, ein Polizist betritt den Bus, kontrolliert unsere Azraq-Ausweise und lässt uns passieren. Hinter dem Checkpoint führt uns die Straße noch zehn Minuten weiter ins Land, denn das Camp umfasst eine rund 15 Quadratkilometer große Fläche, die Strecken sind lang. Es gibt hier vier „Dörfer“, Ansammlungen von weißen Hütten, auf die sich die 39.900 Bewohner aufteilen.  Während der Fahrt sieht man viele Menschen auf Fahrrädern oder zu Fuß, sie sind auf dem Weg zu dem einzigen Supermarkt im Camp, zum Wasserholen oder den Waschräumen, denn die Unterkünfte der Geflüchteten haben kein fließendes Wasser oder eigenes Bad. Viele machen sich um diese Uhrzeit allerdings auch auf den Weg in die CARE-Gemeinschaftszentren, in jedem der Dörfer gibt es eins.

Diese Bänke sind voll besetzt mit Menschen, die darauf warten, aufgerufen zu werden.

Was passiert in den Gemeinschaftszentren?
Die Zentren von CARE stechen aufgrund ihres knalligen Anstriches hervor. Im schattigen Hof, um den die Büros in U-Form angeordnet sind, warten schon viele Menschen. Um 9.00 Uhr nehmen die CARE Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre Arbeit auf: Sie bieten unter anderem individuelle Sitzungen mit den Geflüchteten an, fragen sie nach ihren Sorgen und Nöten und überweisen sie an die zuständigen Organisationen. Das können persönliche Anliegen sein aber auch Defekte oder Probleme an den Hütten, familiäre Probleme oder essentielle Dinge wie unzureichende Versorgung mit Essen, gesundheitliche oder psychische Schwierigkeiten.  Außerdem bewerben sich die Geflüchteten hier für das Beschäftigungsprogramm im Camp. Sie können Tätigkeiten im Camp übernehmen, etwa Kinderbetreuung oder Instandhaltung der Gebäude, und erhalten dafür ein kleines Gehalt. Um möglichst vielen Geflüchteten diese Möglichkeit zu eröffnen, rotiert die Besetzung der Stellen.

Die ersten Wochen habe ich damit verbracht, ein Verständnis für dieses Camp zu entwickeln. Ein Stundenplan hängt am Eingang des Gemeinschaftszentrums. Yasmin, eine Kollegin bei CARE füllt ihn für mich mit Leben. Sie nimmt mich mit, öffnet die bunten Türen des Gemeinschaftszentrums und zeigt mir, was sich dahinter befindet. Es dauert immer eine Weile, bis sich meine Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnt haben. Draußen brennt die Sonne und wird vom hellen Staub reflektiert, drinnen hängen Leuchtstoffröhren und die Fenster sind mit Gardinen verhängt, um die Hitze auszusperren.

Yasmin führt mich durch die Reihen der Nähmaschinen, an denen die Frauen im Camp arbeiten. Wir besuchen auch die Töpferstunden und den Friseursalon. Die Geflüchteten können hier einer Beschäftigung nachgehen, sie erwirtschaften ein eigenes kleines Einkommen und unterstützen sich gegenseitig dabei, ihre Fähigkeiten weiterzuentwickeln.

Dieser Stundenplan informiert über die angebotenen Aktivitäten im Gemeinschaftszentrum

Was brauchen die Geflüchteten am dringendsten?
Jeder Mensch im Camp hat seine eigene Geschichte. Viele Geflüchtete haben Traumatisches erlebt, sie mussten alles zurücklassen. Im Camp werden Familien grundlegend versorgt: Sie erhalten ein Dach über dem Kopf, ausreichend zu essen und können ihre Kinder in die Schule schicken. Ihr Überleben ist gesichert, aber auch ihr psychisches Wohlbefinden ist sehr wichtig. Freizeitangebote und Bildungsmöglichkeiten tragen dazu bei und festigen die soziale Struktur. Im Camp gibt es auch eine Bibliothek, Fußballfelder und eine von den Geflüchteten betriebene Kunstgalerie. Wichtig ist es auch, dass die Geflüchteten mit Familie und Freunden in ihrer Heimat oder anderen Ländern in Kontakt bleiben können, deshalb gibt es vor Ort auch Laptops und einen Internetzugang, den sie nutzen können.

Die Gemeinschaft ist der Schlüssel, zur Bewältigung der traumatischen Erfahrungen. Gemeinsam helfen die Geflüchteten sich durch den Alltag im Camp. Ein paar Eindrücke davon und aus dem Camp generell habe ich in den letzten Tagen auf Instagram festgehalten – schaut doch mal hier vorbei!

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