Ein volles, halbes Jahr

November 2010. Ich kehre nach neun Monaten nach Haiti zurück und stelle fest, dass mich die Karibiknation nie so ganz losgelassen hat.  Das Land ist seit gut vier Wochen Choleragebiet und die Seuche breitet sich vom Norden im ganzen Land aus. CARE bildet Freiwillige aus, die über die Verbreitung und die Behandlung der Krankheit aufklären.  Dazu stehen auch die Präsidentschaftswahlen an. Das Land wartet auf Wandel und darauf, dass der Wiederaufbau schneller vorangeht.

. Neun Monate nach dem Erdbeben wartet das Land auf Wandel und darauf, dass der Wiederaufbau schneller vorangeht. (Foto: CARE/ Hockstein)

Neun Monate nach dem Erdbeben wartet das Land auf Wandel und darauf, dass der Wiederaufbau schneller vorangeht. (Foto: CARE/ Hockstein)

Dezember 2010. Wir bereiten den Jahrestag des Erdbebens vor. Die Wahlergebnisse werden verkündet und bringen Unruhe. Für mich bringt der Monat eine Menge Erinnerungen an das Erdbeben, aber auch ein freudiges Wiedersehen  Weihnachten ist traurig, und sehr ruhig. Kaum jemand ist nach diesem furchtbaren Jahr für Haiti in Feierstimmung.
Aber es gibt auch schöne Momente: Ich treffe den Autor Gary Victor auf einer Buchmesse und sehe eine andere Seite von Haiti, die jede Menge Hoffnung macht.

Januar 2011. Alles dreht sich um den Jahrestag des Erdbebens. Doch neben aller Medienaufmerksamkeit ist die Trauer eine sehr private Angelegenheit. Mit Erinnerungen, Geräuschen und Gerüchen, die den 12. Januar 2010, 16.53 Uhr wieder lebendig werden lassen. Und es kommen die Vorwürfe: Warum haben die Hilfsorganisationen nicht mehr getan? Und wofür eigentlich all die großen Geländewagen? Dazu kommen die eigenen Zweifel: Helfen wir richtig? Was wäre so falsch, hier und da den Menschen einfach ein bisschen Geld in die Hand zu geben?

Februar 2011. Auch nach dem Jahrestag geht die Öffentlichkeitsarbeit weiter. Journalistenbesuche, Interviews, Pressekonferenzen – warum ist das überhaupt wichtig? Kann die Qualität von CAREs Arbeit nicht für sich selbst sprechen?  Nach drei Monaten Arbeit verlasse ich Haiti kurzzeitig, um Abstand zu bekommen und auszuspannen. Die Karibik weckt mit Traumreisezielen in kurzer Entfernung. Wann wird Haiti dazu gehören? Und wann treffen hier nicht mehr nur Helfer aus aller Welt ein, sondern auch Exil-Haitianer, die in ihrer Heimat wieder eine Chance sehen?

Kleine Wunder sind in Haiti überall zu finden: Die dicht besiedelten Hügel von Port-au-Prince in der Abenddämmerung. (Foto: CARE/Hockstein)

Kleine Wunder sind in Haiti überall zu finden: Die dicht besiedelten Hügel von Port-au-Prince in der Abenddämmerung. (Foto: CARE/Hockstein)

März 2011. Der Frühling beginnt fröhlich, mit Festlichkeiten zum Internationalen Frauentag. Ich treffe auf schicke Damen und bekannte Gesichter. Aber dann bebt die Erde in Japan und die Nachrichten stoßen in Haiti auf schmerzhafte Erinnerungen.  Aber so richtig fassen lässt sich diese Katastrophe nicht. Wie findet man also Worte für das Unbekannte?

April 2011. Und doch geht irgendwie der Alltag weiter, und der besteht aus ungewöhnlichen Rufnamen für Kollegen, internationalen Mittagspausen und natürlich Dienstreisen. Meine Neugier führt mich eines Sonntags in einen Gottesdienst und zwischendurch ist auch noch Platz für Gedanken über das stille Örtchen.

Mai 2011. Ich kam im November zwei Wochen vor den Präsidentschaftswahlen in Haiti. Nun verlasse ich das Land am 14. Mai, dem Tag, an dem der neue Präsident eingeschworen wird.  Vielleicht ist das ein gutes Omen, ich weiß es nicht. Sechs Monate, 180 Tage, 4.320 Stunden voller Eindrücke, Begegnungen, Fragen, Trauer, Hoffnung, Pragmatismus, Frust, Arbeit, Überraschungen, Verzweiflung, Energie und neuen Anfängen. Ich habe es schon im November geahnt: So ganz wird mich Haiti sicher nie mehr loslassen.

Audio-Blog:

Video-Retrospektive aus Haiti: Sabine Wilkes berichtet von ihren Eindrücken aus Haiti kurz vor ihrer Abreise nach Deutschland. (Foto: CARE/ Hockstein)

Zum Audio-Blog: Audio-Blog von Sabine Wilke

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3 Gedanken zu “Ein volles, halbes Jahr

  1. Ich habe sehr großen Respekt vor dem was Sie da für die Menschen geleistet haben, es ist vielleicht nur ein kleiner schritt aber es macht soo viele Menschen, die die Hilfen brauchen glücklich.

    Schön das es noch solche Menschen gibt.

    Liebe Grüße

  2. Liebe Sabine, ein fantastisches Resume deiner Blog-Serie aus Haiti, die wir mit großem Interesse verfolgt haben. Vielen Dank dafür! Wir freuen uns auf dich! Liebe Grüße aus Bonn!
    Britta

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