Eine ungewöhnliche Begegnung: Mein erster Tag in Dadaab

Sand, Sand, Sand und plötzlich eine Stadt: Mitten in der kenianischen Wüste leben über 275.000 Flüchtlinge. Die meisten von ihnen sind Somalier, sie suchen Schutz vor Krieg oder Dürre. Doch in Dadaab kämpfen auch Menschen aus anderen Krisenländern ums Überleben. Eine Begegnung mit einem Südsudanesen.

Passanten in Dadaab vor CARE-Informationszentrum

In Dagahaley, dem zweigrößten der fünf Camps von Dadaab: Eine somalische Flüchtlingsfamilie verlässt das CARE-Informationszentrum, wo Flüchtlinge Probleme melden und ihr Feedback zur Hilfe abgeben. (Foto: Ninja Taprogge/CARE)

Es ist mein erster Tag im größten Flüchtlingscamp der Welt. Die Sonne scheint unbarmherzig auf meine Haut. Ich stehe vor den CARE-Büros, mitten in Dagahaley, dem zweitgrößten der fünf Camps von Dadaab. In behelfsmäßigen Unterkünften aus Lehm, Wellblech und Plastikplanen wohnen hier über 67.000 Menschen. Obwohl fast alle Bewohner des Camps aus Somalia kommen, lerne ich als Erstes einen jungen Mann aus dem Südsudan kennen.

Sein Name ist Michael. Er gehört zu rund einem Prozent der Südsudanesen in Dadaab. Seit 2013 lebt er mit seiner Familie in Dagahaley. Wie viele seiner Landsleute floh er wegen brutaler Gewalt in seinem Heimatland nach Kenia. Die Mehrheit der südsudanesischen Flüchtlinge lebt im Norden des ostafrikanischen Landes, im Flüchtlingscamp Kakuma, nahe der Grenze zum Südsudan. Doch Michael ist in Dadaab. Als er auf mich zukommt, fällt mir ein großer hellbrauner Umschlag in seiner rechten Hand auf. Und nur ein paar Minuten später holt er auch schon die darin verborgenen Unterlagen heraus. Auf den Papieren steht sein Name, es sind Fotos von seiner Familie zu sehen, seiner Frau, seinen Kindern.

Michael erklärt mir, warum er heute hier ist: „Meine Familie und ich haben große Probleme im Camp. Es gibt Menschen, die uns ablehnen, weil wir zu einer der Minderheiten in Dadaab gehören. Wir sind aus dem Südsudan geflohen, weil wir der Gewalt entgehen wollten, aber hier erleben wir auch Übergriffe. Ich brauche einen Rat, wie wir uns besser davor schützen können. Kannst Du mir helfen?“ Ich muss schlucken als ich die Dokumentation der Vorfälle und die körperlichen Verletzungen durchgehe, schwere Prellungen, Wunden im Gesicht und am Kopf.
Nach kurzer Überlegung ziehe ich eine Kollegin zu Rate. Sie weiß genau, wo Michael Unterstützung erhalten kann. Sie zeigt auf eines der Büros, das in unmittelbarer Nähe liegt. Hier kommen Flüchtlinge hin, um ihr Feedback zur Hilfe abzugeben oder um Probleme zu melden, bei denen sie Unterstützung brauchen.

Mithilfe der Feedback-Box sagen Flüchtlinge in Dadaab ihre Meinung.

Es geht auch anonym: Über die CARE-Feedbackbox reichen Flüchtlinge ihre Meinung zur Hilfe ein. (Foto: Ninja Taprogge/CARE)

CARE-Kollegen sorgen dann dafür, die Schwierigkeiten direkt zu lösen oder geben Informationen darüber weiter, an wen sich die Flüchtlinge wenden können, etwa an andere Hilfsorganisationen, die medizinische Unterstützung leisten.

Michael nimmt seinen Umschlag und wartet geduldig vor der Tür des Büros. Als er eintritt, geht es auch für mich zur nächsten Station im Camp. Und obwohl ich gerade erst in Dadaab angekommen bin, habe ich das Gefühl mich schon mitten drin zu befinden: im Zentrum einer Krise, um die es mit den Jahren leiser geworden ist, in der die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nur langsam wächst und in der die Menschen gerade deshalb mehr Unterstützung denn je brauchen.

Mehr zu den Projekten von CARE in Kenia und unserer Arbeit in Dadaab erfahren Sie hier

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